[Rezension] Arezu Weitholz – Wenn die Nacht am stillsten ist

ArezuAn vergangene Zeiten erinnert man sich meist erst wieder, wenn man auf Mottoparties eingeladen wird. Nun ist es auch für die 90er soweit, die Distanz ist groß genug, dass man mit den Dingen Spaß haben kann, für die man sich vor einigen Jahren noch geschämt hat. Auf eine solche Mottoparty lädt Arezu Weitholz ihre Leser mit ihrem Debütroman „Wenn die Nacht am stillsten ist“ ein. Vor dem Hintergrund der neonfarbenen Popkultur der 90er erzählt sie von einer Liebe, die an der Zeit scheitert und Gedanken, die sich wie Hämmer durch den Verstand arbeiten.

Bereits der erste Satz des Romans bereitet eine Geschichte vor, deren Anfang zugleich auch ihr Ende ist. Um Momente geht es, einzelne sowie das große Ganze im Zusammenspiel des Erlebten. Was das heißen soll? Das sagt die Autorin in diesem einen Satz, der gerade durch seine schlichte Struktur eine überaus emotionale Botschaft vermittelt.

„Am Ende geht es um den Moment.“

Man hat das Gefühl, Teil eines wichtigen Abschieds zu sein ohne etwas über die Figuren und Umstände zu wissen. Die Autorin erschafft zu Beginn durch einen schlichten, harten Stil eine aufgeladene Atmosphäre, die vom gezielten Einsatz der Ich-Perspektive getragen wird.
Wir begleiten Anna und Ludwig, ein ungleiches Paar, das sich unermüdlich aneinander aufreibt. Was sie belastet, lässt ihn jedoch kalt. Berechnend streicht er die Beziehung der beiden aus seinem Leben, während Anna daran zu zerbrechen droht. Zwei Musikjournalisten, deren Gemeinsamkeiten sich auf den Job und die Einsamkeit beschränken. Er ist erfolgreich, gut betucht und gefragt, sie bewegt sich im Abglanz seines Lichtes. Ohne es zu bemerken, drehen sie sich im Kreis und prallen wie zwei Kreisel aufeinander, bis sie beide ihren Schwung verlieren. Es lässt sich schwer feststellen, an welcher Stelle die Figuren ins Straucheln kommen, sicher ist nur, dass sie fallen werden. Daran lässt Weitholz keinen Zweifel aufkommen, denn Anna findet Ludwig in seinem Bett, er hat Schlaftabletten genommen. Wie viele es waren, erfahren wir nicht und auch der Grund lässt sich im Laufe der Geschichte nur erahnen. Anna könnte Hilfe holen, nutzt aber stattdessen die Stille der Nacht, um ihre eigenen Dämonen zu benennen und alles auszusprechen, was sie nie zuvor gesagt hat.

Die Autorin spielt mit ihrer Idee, lässt die Protagonistin in Rückblenden einschneidende Erlebnisse rekapitulieren und vor allem reflektieren. Durch die Blenden wird der Monolog zwar dynamischer, doch erfolgen sie so regelmäßig, dass allein durch die Struktur eine gewisse Langeweile aufkommt. Anna erinnert, erzählt, reflektiert und klagt an. Weitholz verpasst ihre Chance die Struktur inhaltlich zu lockern, in dem sie Anna immer wieder die gleichen Gefühlsausbrüche durchleiden lässt. Sie ist erst traurig, dann wütend, um daraufhin erniedrigt und kraftlos in sich zusammenzusinken. Damit bekommt die Figur Anna etwas Mechanisches. Näher kommt man ihr erst wieder, wenn ihre Einsamkeit ganz individuelle Züge annimmt, indem Anna die Verbundenheit mit ihrem Fisch Dante mit dem Leser teilt. In diesen kurzen Szenen stecken mehr Intimität, als in denen der gefühlsaufgeladenen Maschine. Auch in der Figurenkonstellation bleibt Weitholz beim Altbewährten. Ludwig ist der harte Mann, der sich nicht entwickelt, weil er es in seiner Umgebung nicht muss. Anna als Gegenpart ist die leidende Frau par excellenc. In dem kurzen Moment, in dem ihr der dominante Part von der Autorin zugestanden wird, nutzt sie diese Chance, um zu reden und zu analysieren. Anna wird allein durch die Idee zum Klischee und die Stellen, in denen Weitholz diesem entgegenwirkt, sind rar gesät.

Anna erzählt: von Drogenerfahrungen, einer Flucht vor sich selbst nach Afrika, einer depressiven Mutter und nicht zuletzt einer Medienwelt, in der nur zählt, welche Kleidung du trägst und wie bekannt du bist. Ein treffendes Standbild einer vergangenen Zeit, das überzeugt, aber nicht überrascht. Vielleicht muss es das aber auch gar nicht, die 90er waren sicherlich nicht der Inbegriff für große überraschende Momente. Weitholz versucht das Lebensgefühl dieser Zeit einzufangen, indem sie sich ohne Scheu hineinwirft. Zwischen Popschnupfen, Werbeslogans, Markenklamotten und oberflächlichen Aussagen, die einen glauben lassen, so müsse es gewesen sein, findet sich aber auch allzu rührseliges Pathos.

„Warst du jemals auf einem Rave, ich meine nicht in der VIP-Lounge, wo deine Freunde mit den richtigen Turnschuhen stehen. Ich meine ein Fest, bei dem man irgendwann morgens um vier merkt, dass man die ganze Zeit im Matsch getanzt hat. […] Ein Rave, bei dem man die Sonne aufgehen sieht – ohne Sonnenbrille.“

Ein bißchen weniger davon hätte dem Sound der Erzählung noch besser gestanden, denn der ist zweifellos vorhanden.
Beide Protagonisten arbeiten in der Musikbranche und man merkt deutlich, dass die Autorin weiß, wovon sie spricht. Arezu Weitholz selbst arbeitete bei etlichen Musikern als Co-Autorin und hier offenbart sich Fluch und Segen. Der Medienbetrieb ist exakt und realistisch dargestellt, die vielen Verweise auf Musiker sind plausibel, aber es fehlt an Ausgewogenheit. Ständig vergleicht Anna Situationen und Personen mit mehr oder weniger bekannten Musikern, um an ihnen etwas zu erklären oder zu zeigen. Sie lässt ihre Figuren nicht von selbst durch ihre Handlungen wirken, sondern liefert die Wirkung quasi im Vergleich mit. Da Anna in der Musikbranche arbeitet und die 90er scheinbar nicht mehr zu bieten hatten, könnte man das noch mit leichtem Bedauern zur Seite schieben. Problematisch wird es aber bei der Betrachtung des gesamten Textes.
Weitholz weiß an anderer Stelle zu glänzen. Hin und wieder blitzen starke poetische Sätze auf, an denen man sich nicht sattsehen kann.

„Und doch waren sie immer hier, die Gefühle, wie herrenlose Hunde sind sie uns nachgelaufen, aber du sagtest: Man muss sachlich sein, sonst ist man wie ein Tier.“

Es sind grandiose Gedankenblitze, die so pointiert sind, dass sie sich wunderbar in Songtexten wiederfinden könnten. Lieder zeichnen sich jedoch gerade durch ihre Kürze aus und hier sehe ich eine große Schwäche der Autorin. Sie schafft es nicht, die wenigen grandiosen Satzmomente auszuweiten. Wenn man aber bedenkt, dass sie Songtexterin ist und zwei Lyrikbände veröffentlicht hat, kann das nicht überraschen. Erst in der Distanz, die Autorin steigt im letzten Teil der Geschichte aus dem Kopf der Protagonistin und wechselt die Perspektive, wirken die Übergänge fließender.

Arezu Weitholz versteht es, in der Kürze zu glänzen. Da ihr Debütroman jedoch 223 Seiten umfasst, bilden die funkelnden Sätze nur Momentaufnahmen und werden so leider vom Rest ein Stück weit verdunkelt. Die Gedanken der Protagonistin sind karussellfahrende Vorschlaghämmer, verfehlen aber leider an einigen Stellen ihr Ziel. Trotz allem ist es ein unterhaltsamer Roman, der auf eine ganz spezifische Weise eigen ist und den Leser in eine Zeit befördert, die man fast schon vergessen hatte.

[Arezu Weitholz – Wenn die Nacht am stillsten ist

Verlag Antje Kunstmann

223 Seiten, 2012, gebunden, 17,95 €]

Lesens- und Sehenswertes:

Lesung auf zehnSeiten

Interview mit Agnes Hüfner (Deutschlandfunk)

Auftakt:

„Am Ende geht es um den Moment.“


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Arezu Weitholz wurde 1968 in Niedersachsen geboren und lebt heute in Berlin. Sie arbeitet als Journalistin, Illustratorin und als Textdichterin u.a. für Herbert Grönemeyer, Die Toten Hosen, Udo Lindenberg, 2raumwohnung und Madsen. Sie hat zwei Lyrikbände veröffentlicht: »Mein lieber Fisch« und »Merry Fishmas«. Zuletzt erschien ihr Debütroman »Wenn die Nacht am stillsten ist«.

 

 

 

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