[Unterwegs] Debütantenball bei Uslar + Rai in Berlin

© Laura PSimone Lapperts Buch „Wurfschatten“ ist Schuld daran, dass ich hier bin. Und das ist gut so. Zufällig stieß ich auf ZEIT online auf eine Rezension zu ihrem Debüt, sah dann, neugierig geworden, auf der Verlagsseite nach, und entdeckte den Hinweis auf den Debütantenball in der Buchhandlung Uslar + Rai am 04.11.14. Spontan entschied ich mich hinzufahren um die angekündigten Debütanten dieses Herbstes Simone Lappert, Ron Segal, Christine Koschmieder, Lisa Kreißler und Deniz Utlu lesen zu hören.

Jetzt sitze ich in dem gut gefüllten Raum der Buchhandlung, in der Stuhlreihen aufgestellt wurden. Man blickt auf ein rostfarbenes Ledersofa, auf dem die Autoren lesen werden. Es gibt Wasser und Wein, der im Eintrittspreis (7€) inbegriffen ist. Eine gemütliche und gespannte Atmosphäre, in die hinein Katharina von Uslar und Edgar Rai den Ball eröffnen. Sie ständen auf Erstlingsautoren, so die Begründung, und wollten gern die ihrer Meinung nach „tollsten und bemerkenswertesten Debüts dieses Herbstes“ vorstellen.

© Björn Greve

© Björn Greve

Gegen 19.30h gibt dann auch Simone Lappert den Auftakt. Die in Basel arbeitende, 1985 geborene Debütantin trägt aus ihrem Debüt „Wurfschatten“ (erschienen bei Metrolit) vor und fängt direkt mit dem Anfang an. Es geht um die Schauspielerin Ada, die mit ihrer Angst lebt. Wie sie damit klarkommt, oder auch nicht, davon erzählt der Roman. Simone Lapperts Vortragsweise ist passend zum Inhalt bewusst stockend, ein wenig zögerlich – es entsteht ein Eindruck der Beklemmung durch die Worte und ihren Vortrag. Die Autorin schafft tolle Bilder, Beschreibungen, die sehr nah fokussiert sind, und so von Anfang an den Eindruck von Enge und Angst vermitteln. Ich bin noch neugieriger auf das Buch geworden, da ich düstere Stimmungen in der Literatur mag.

© Pavel Bolo

© Pavel Bolo

Ron Segals Erstling „Jeder Tag wie heute“ erschien im Original auf Hebräisch. Übersetzt von Ruth Achlama wurde es nun auch auf Deutsch von Wallstein verlegt. Segal lebt u.a. in Tel Aviv und den USA und derzeit auch in Berlin, da er Stipendiat der Universität der Künste (UdK) ist. Im Buch geht es um Adam Schumacher, ein betagter israelischer Schriftsteller und Holocaust-Überlebender, der sich auf den Weg nach Deutschland macht. Obwohl seine Erinnerungen ihn verlassen, möchte er unbedingt noch sein Versprechen an die verstorbene Frau einlösen: ihrer beider Lebensgeschich-ten aufzuschreiben.
Eine ernste Thematik, die Ron Segal absolut sympathisch und voller (trockenem + schwarzem) Humor erzählt. Die vorgelesene Stelle klingt fast wie ein Krimi und kommt sehr gut beim Publikum des Debütantenballs an.

© Sven Klages

© Sven Klages

Einen krassen Umschwung in der Thematik bildet das darauf folgende Debüt „Schweinesystem“ (erschienen beim Aufbau Verlag) von Christine Koschmieder aus Leipzig. Parallel in Iowa und Deutschland spielend erzählt sie die Geschichten von zwei Frauen im Jahr 1979. Die eine arbeitet in Iowa als Schlachterin und betrauert ihre verpfuschte Ehe, die andere muss in Deutschlands Provinz mit ihrem ultralinken Mann auskommen. Beide verbindet eine Abtreibung, die in London vorgenommen werden soll und der Kampf mit dem Lippenstift gegen das System. Ein sehr bitterböses, direktes Buch, dass viele herzliche Lacher und stellenweise Erinnerungen an die 70/80er Jahre im Publikum hervorruft.

© Hanna Stiegeler

© Hanna Stiegeler

Nach einer kleinen Pause wird stellvertretend für Lisa Kreißler gelesen, die leider kurzfristig wegen ihres erkrankten kleinen Sohnes absagen musste. Lisa Kreißler (*1983) hat ihr Debüt „Blitzbirke“ beim mairisch Verlag veröffentlicht. Die Literaturinstitutstudentin und Finalistin beim open mike 2011 schreibt über Edda, die anlässlich des 30. Hochzeitstages der Eltern gemeinsam mit ihrem neuen Freund Hans in ihr Heimatdorf reist. Angekündigt wird das Buch als „eindrucksvolles, starkes Debüt“. Kreißlers Beschreibungen zeichnen sich tatsächlich auf beeindruckende Weise durch eine Präzision und Detailtreue aus, die wie ganz nah herangezoomt einen Blick in das Leben und die Vergangenheit von Edda in dem „Autobahndorf“ offenbaren. Die Stärke dieses Romans scheint weniger in der Handlung denn in der Sprache zu liegen, ohne langweilig zu sein.

© Marianna Salzmann

© Marianna Salzmann

Das Finale gibt der Kreuzberger Deniz Utlu (*1983, Herausgeber des Kulturmagazins freitext) mit „Die Ungehaltenen“. Sein Erstling wird vom Ullstein Verlag aufgrund der Vielfältigkeit als „Generationenporträt, Liebesgeschichte, Einwandererschicksal, Berlinroman, Road-Novel“ bezeichnet. Utlu deckt einerseits eine große Themenbandbreite ab, indem er von den zwei Gastarbeiterkindern zweiter Generation erzählt, ihren Wahrnehmungen von Berlin und dessen Geschichte. Andererseits schreibt er so authentisch und lebensnah, so traurig und lustig zugleich, dass sich der Roman nicht in seinem Facettenreichtum verliert. Auch auf dieses Buch bin ich nun ausgesprochen neugierig geworden.

Ein Abend voller literarischer Eindrücke und Inspirationen liegt hinter mir. Dadurch, dass den Autoren der Raum gegeben wurde, aus ihren Debüts zu lesen, ohne sich im Anschluss den Fragen aus dem Publikum stellen zu müssen, kehrt man angefüllt mit Geschichten und hungrig nach mehr nach Hause. Eine absolut empfehlenswerte Veranstaltung mit sehr spannenden und vielversprechenden Debütanten!

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