[Unterwegs] Wahnsinn, dieses Richtungsding!

Das Richtungsding-Team hat in seiner Ankündigung nicht zu viel versprochen: Im Mülheimer Ringlokschuppen erwartet die Gäste ein wunderbares Literaturfest mit anspruchsvollen Texten und gut aufgelegten Autoren, die Fahrgemeinschaften gebildet haben, um trotz Streik aus München, Mainz, Hamburg beim Richtungsding dabei sein zu können.
Und spätestens als ein Autor seinen Text in Unterhosen und mit Schwert in der Hand vorträgt, ist der Beweis erbracht: Auch nach vier Jahren und acht Ausgaben bleibt das Richtungsding frisch und überraschend.

Rückspultaste: Der Literaturabend beginnt mit der ersten „Mach dein Richtungsding“-Lesung: An zwei Workshop-Wochenenden haben fünf Richtungsding-Autoren mit vierzehn Jugendlichen an deren Texten gearbeitet, Die Texte der vierzehn Jungautoren sind nun in einer Sonderbeilage zum aktuellen Richtungsding erschienen (ein weiterer Grund, sich unbedingt das neue Richtungsding zu kaufen!).
Sie machen Spaß, diese jungen Autoren: Carla Gläßer erzählt „Von Gott und Gürteltier“ und legt den besten Textanfang des gesamten Abends hin:

„Meine Hose ist nass. Vielleicht liegt es daran, dass ich in einem Weiher sitze.“

 Und sie wissen, was sie können. Wie Lukas Walk, Yohanna Holtkamp, Naomi Mohammed und Lucas Schwarz, die ein gemeinsames Literaturverständnis teilen:

Es würde mich nicht wundern, wenn sie in einigen Jahren die Literaturwelt gehörig durcheinanderwirbeln.

Um zwanzig Uhr ist es soweit: Bühne frei für die sechs Finalisten (mit der siebten Finalistin, Anja Kümmel aus Berlin, fand sich letztlich doch ein Streikopfer), die aus über 570 Einsendungen ausgewählt worden sind. Der Saal im Ringlokschuppen ist gut gefüllt, der Richtungsding-Herausgeber Jan-Paul Laarmann und die Richtungsding-Redakteurin Sarah Meyer-Dietrich führen charmant durch das Programm, die Band „Lauschkern“ sorgt für mehr als musikalische Begleitung.

Andreas Lehmann, Endrundenteilnehmer beim open mike 2009 und 2010, erzählt in „Herzfehler“ über Jonas, der nicht trauern kann, und einen Ich-Erzähler, der sich lieber noch ein Bier bestellt. Es folgt Denijen Pauljević mit „Der Magier und der weiße Batman“, einer Fluchtgeschichte zu Zeiten der Balkankriege:

In dem Moment begannen die NATO-Bomben wieder auf die Stadt zu fallen. Wie immer, nach einer kurzen Unterbrechung, punktgenau um 23 Uhr. Alarmsirenen heulten auf. Als nach einer Explosion die Fensterscheibe erzitterte, sprang der kleine Junge vom Fenster auf den Boden und machte eine Rolle.
„Was machst du da?“, fragte ich.
„Ich übe, was sonst?“
„Im Dunklen?“
„Der Batman herrscht im Dunklen! Hast du jemals den Batman tagsüber an irgendeinem Haus klettern gesehen?“
„Eigentlich nicht.“
Der Junge kam näher, beobachtete mich angestrengt und flüsterte erstaunt:
„Du bist ein Zauberer.“
Ich berührte meinen Hut.
„Ja, das stimmt. Heute Nacht bin ich der Magier. Morgen werde ich mich in das Aschenputtel verwandeln.“

Der Junge im Batmankostüm wird wahrscheinlich noch lange im Gedächtnis bleiben.
Frauke Angel („Der Mond wird bewohnt“) und Gabriele Witt („Fritz Atlas“) überzeugen mit gefühlvollen und sprachlich eleganten Texten – und beide zeigen auf ihre eigene Art, wie man ohne Kitsch und Pathos über Mond und Sterne schreiben kann.

„Aber ihr Astronomen, ihr habt die Wahrheit?“
Das letzte Mal, als Henny das sagte, griff ihre Hand schon nach der Klinke. Ich stürzte über meine gepackten Koffer, schneller, ich musste schneller sein, „Zucker!“, schrie ich. „Wir haben Zucker gefunden.“
„Großartig“, sagte Henny, „Zucker im All.“ Ihre Finger schlossen sich um den Knauf. Ich sprang aus meinem Stuhl, „Aber das ist ein Baustein des Lebens!“, rief ich, „Zucker ist Leben!“
„Das soll Leben sein? Ha!“ Die Tür knarrte. „Genauso gut kann ich im Gebirge eine Kelle Fugenmörtel auf den Boden klatschen und behaupten, das sei ein Haus. Zucker!“, höhnte Henny. „Gar nichts habt ihr.“

„Fritz Atlas“ von Gabriele Witt

Silvia Berger verknüpft in „Evi, Achselhaare und der Tod“ gekonnt parallele Handlungsstränge miteinander, ohne diesem Konstrukt die Lebendigkeit des Textes zu opfern.
Dann betritt Oliver Kontny die Bühne, trägt einen Ritterhelm mit LED-Leuchten und keine Hose. Am Ende sind sich zwar alle einig, dass sein Text „YOU DID“, der ursprünglich für eine Performance konzipiert war, stark genug ist, um Leser und Zuhörer ohne Ritterrüstung und Schwert zu treffen, aber der Auftritt des sympathischen Autors ist ohne Zweifel wahnsinnig (und) unterhaltsam.

Und wer gewinnt? Es ist das große Revival der Achselhaare!

Wir bedanken uns beim gesamten Richtungsding-Team für diesen tollen Abend und sehen uns beim Richtungsding IX!

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