[Unterwegs] Debütantensalon im TAK, Berlin

Gestern abend hatte ich in Berlin erneut die Möglichkeit, Debütanten dieses Jahres lesen zu © Laura Phören. Im Zuge des Lese-Marathons Berlin-Brandenburg „Stadt Land Buch“, der vom 16. – 23.11.2014 stattfindet, gaben sich vier Debütantinnen die Ehre: Sabine Kray, Christine Koschmieder, Verena Güntner und Alexandra Friedmann.© Laura P

Präsentiert und moderiert von RadioEins-Moderator Knut Elstermann lasen die Autorinnen knappe zwei Stunden aus ihren Romanen. Dennoch blieb zwischendurch noch genug Zeit für interessante Gespräche zwischen Moderator und Debütantinnen, was mir neulich beim Debütantenball bei Uslar + Rai ein bißchen gefehlt hatte.

Auch im Debütantensalon, der übrigens regelmäßig im TAK stattfindet, konnte ich wieder zahlreiche Inspirationen zu den „vielversprechendsten Romandebüts der Saison“ mitnehmen. So unterschiedlich die Debütromane der Autorinnen sind, sie machten mich allesamt neugierig.

© Sven Klages

© Sven Klages

Eine der Debütantinnen hatte ich bereits beim Ball gehört: Christine Koschmieder mit „Schweinesystem“ (Blumenbar / Aufbau Verlag). Sie las beim Salon als Zweite und hatte diesmal eine andere Textstelle ausgewählt, die meiner Meinung nach ein wenig mehr Vielfalt und die sprachlichen Verknüpfungen ihres Romans zwischen Iowa und Deutschland veranschaulichten. Die 1972 geborene Leipzigerin betreibt eine Literaturagentur. Möglicherweise ist ihr Debüt deshalb so umfassend, denn sie schreibt nicht nur über Schlachthöfe, FBI und RAF, über Mary Kay und Lippenstift, sondern bezieht auch viele verschiedene Textsorten als Dokumente mit ein. Ihr Roman gibt einiges her: Im Januar wird er sogar als Live-Hörspiel im Theater Aufbau Kreuzberg (TAK) aufgeführt!

© Rebecca Sampson

© Rebecca Sampson

Vor Christine Koschmieder stellte Sabine Kray ihr Romandebüt „Diamanten Eddie“ (Frankfurter Verlagsanstalt) vor. Es handelt sich um die autobiografische Verarbeitung der Geschiche ihres Großvaters, der einerseits als Dieb und Hehler ein aufregendes Leben führte, andererseits in der NS-Zeit als Zwangsarbeiter grausame Erfahrungen machte. Aus diesen beiden Erzählsträngen besteht das Buch und so spiegelt sich in diesen Leben das ganze zwanzigste Jahrhundert wider. Sabine Kray habe sich für eine literarische Verarbeitung der Geschichte entschieden, so ihre Antwort auf Knut Elstermanns Frage, da sie den Aspekt der Zwangsarbeit im allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs vermisse. Historisch sei das Thema optimal aufgearbeitet, sie habe sich in ihrer Recherche auf viele Quellen beziehen können, aber in der Literatur gäbe es Leerstellen. Die Autorin Sabine Kray ist 1984 geboren und lebt als Autorin und Übersetzerin in Berlin.

© Stefan Klüter

© Stefan Klüter

Das Romandebüt „Es bringen“ (KiWi) von der 1978 geborenen Verena Güntner schlägt einen anderen Ton an. Sie erzählt aus Sicht des 16-jährigen Luis vom Drang danach, ein Bringer zu sein. Die Berliner Schauspielerin bedient sich eines rotzigen Jugendtons, der durch seine Nicht-Authentizität zeitlos bleibt. Sie bildet die Jugendsprache nicht nach, sondern nutzt sie, um einen ganz eigenen Klang abzubilden: Der Klang des teils obszönen, draufgängerischen und doch sehnsüchtigen Jung(en)seins, indem es um Fickwetten, Mutter, Phobien, Schule und Selbstbehauptung geht. Das Buch ist dabei kein typischer Jugendroman, schreckt sicher den einen oder anderen konventionellen Leser ab durch seine Direktheit und bleibt mir als sehr sympathisch in Erinnerung.

© Gerald von Foris

© Gerald von Foris

Zuletzt lockert Alexandra Friedmann mit Textstellen aus ihrem Debüt „Besserland“ (Ullstein Verlag) die Atmosphäre noch weiter auf: Die Berliner Journalistin (*1984) schreibt humorvoll von der Auswanderung ihrer jüdischen Familie von Weißrussland nach Deutschland gegen Ende der 1980er Jahre. Dabei kommt es zu einigen sehr lustigen Begebenheiten, die aus dem Unverständnis der deutschen Sprache und Gepflogenheiten resultieren, sodass die Familie sich bspw. auf dem Weg vom Asylheim zum Einkaufen ein Wettrennen über eine 6spurige Autobahn liefert. Die Autorin schreibt in einem lockeren, unbeschwerten Ton bei dem selbst das Gemüse und die Warentheke eine Art Eigenleben zu führen scheinen. Mit der Situation heutiger Asylbewerber in Deutschland ist die Geschichte wohl kaum mehr vergleichbar, aber sie drückt das menschliche Grundbedürfnis aus, das uns alle mal mehr mal weniger verbindet: die Sehnsucht nach einem besseren Leben.

Unterstützt vom Aufbau Verlag und veranstaltet vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat der Debütantensalon interessante und ausgesprochen unterhaltsame Einblicke in vier Debüts gegeben.

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