[Unterwegs] Hanns Zischler – Das Mädchen mit den Orangenpapieren

Vielleicht ist es euch bereits aufgefallen: Wir von „Das Debüt“ verschanzen uns nicht inZischler Ohrensesseln oder hinter Schreibtischen. Nein, wir sind gerne unterwegs. Deshalb haben wir uns auch sehr über die Einladung des Verlages Galiani Berlin zu einer Lesung mit Hanns Zischler gefreut.
In den Fluren des Kiepenheuer & Witsch Verlages (der seine Räumlichkeiten für diese Veranstaltung zur Verfügung gestellt hat) wurden wir von Jonathan Sprenger und Vanessa Briese (Galiani Berlin) herzlich begrüßt und trafen auf eine Schar Buchhändler, die Weißwein und Kölsch tranken, sowie auf einen gut gelaunten Hanns Zischler, der nichts trank, sich aber angeregt mit den Gästen unterhielt.
Hanns Zischler ist ein gutes Beispiel dafür, wie bunt und vielfältig die Welt der literarischen Debütanten ist:

Hanns Zischler, Jahrgang 1947, arbeitet neben seinem Beruf als Schauspieler seit vielen Jahren als Publizist und hat mit Das Mädchen mit den Orangenpapieren sein literarisches Debüt gefeiert.

„Das Mädchen mit den Orangenpapieren“ ist ein schmales Buch. Auf den ersten Blick vermutet man einen neuaufgelegten Klassiker, vielleicht die wiederentdeckte Novelle eines längst verstorbenen Meisters. Wertvoll und bescheiden, das waren meine ersten Gedanken, als ich den Umschlag des Buches betrachtete. Don’t judge a book by its cover, ich weiß – doch manchmal liegt man damit gar nicht so falsch. Es ist die Geschichte von Elsa, die Mitte der 50er Jahre mit ihrem Vater von Dresden nach Bayern zieht. Auf hundert Seiten erfährt man von ihrer Sammelleidenschaft von Orangenpapieren und begleitet ihre Freundschaft mit Pauli und Saskia. Es ist die zarte und leise Erzählung einer Adoleszenz.
Hanns Zischler gelingt es, mit wenigen Sätzen Figuren zum Leben zu erwecken. Spätestens, wenn sie zu sprechen beginnen, sieht man sogar Randfiguren der Erzählung, wie den Schuldirektor oder den Mitschüler Ottfried, deutlich vor sich. Dies ist die große Kunst des Hanns Zischler. Er findet für jede seiner Figuren eine ihr eigene Sprache – sei es für Pauli („So ein Schmarrn (…) hat mein Bruder gesagt, der Xaver.”), oder für den Lehrer Kapuste (“Es freut mich zu hören, Ottfried, dass du, wie dein Herr Vater, Briefmarken sammelst. – Interessiert dich nun aber mehr der Wert der Marke oder was darauf abgebildet ist?”) oder für Saskia, die aus England stammt (“Ich bin heimweh.”).

Dazu sagte Hanns Zischler vor seiner Lesung:

“Die Sprache ist ihr eigener Gegenstand, und das sollte man nie vergessen. Das heißt, wenn ich mich mit der Sprache dieser Figuren beschäftige, versuche ich auch, deren Nachdenken über die Sprache mitzuerzählen. Es ist in gewissem Sinn für mich naheliegend, das an bestimmten Wörtern aufzuhängen oder an bestimmten kleinen Episoden, die eben nur so und nicht anders, in einer ganz bestimmten Konkretion und Version erzählt werden können. Das ist das, was mich begeistert: mit den Figuren zu leben und zu arbeiten.“

Doch er ging noch auf einen weiteren Punkt ein:

„Aber neben dem Sprechen der Figuren gibt es noch einen anderen Aspekt, der mir sehr wichtig ist, und das ist die Beschreibung von Landschaften. Es bedeutet eine große Lust und Freude und Anstrengung, die drei immer zusammen, einer Landschaft ein sprachliches Gesicht zu verleihen. Das gehört für mich zum Schwierigsten überhaupt, und zwar deshalb, weil wir gemeinhin glauben, wir würden Landschaften kennen, weil wir Fotografien von Landschaften kennen. Ich halte das für einen großen Irrtum. Es ist ja nicht nur, dass sie eine Kulisse bildet, sondern die Landschaft geht durch diese Figuren hindurch und prägt sie. Und das war mir in diesem besonderen Fall wichtig. Elsa ist nicht aus dieser Landschaft und Elsa ist fremd. Sie ist gehbehindert und ist nun in eine Bergwelt versetzt – also etwas Schlimmeres kann einem kaum passieren. Erst mit der Ballonfahrt kommt dann die Befreiung.“

Hier spricht Hanns Zischler etwas an, das mir bei der Lektüre Mühe bereitet hat. Auf der einen Seite sind da die mit scheinbarer Leichtigkeit entworfenen Figuren, die Tiefe und eine eigene Biographie besitzen, ohne dass der Autor jemals dem Leser gegenüber in eine Erklärhaltung verfällt. Es gibt Andeutungen vergangener Ereignisse, die in einem schwebenden Zustand belassen werden und deshalb nie die erzählte Gegenwart erdrücken. Niemals ist die Handlung mit Bedeutung aufgeladen – und trotzdem ist sie niemals bedeutungslos. Gerade durch diese Reduktion und Bescheidenheit entsteht Nähe zu Figuren und Handlung.
Und dann sind da auf der anderen Seite die Natur- und Landschaftsbeschreibungen. Man betrachtet mit Elsa die Natur, und plötzlich wird alles groß, gewichtig und aufgeladen. Es scheint eine Kluft zwischen mancher Beschreibung und der Handlung zu liegen. Blitzt hier etwa die Anstrengung des Autors durch, oder liegt es daran, dass ich als Leserin an Naturbeschreibungen in solcher Konzentration einfach nicht mehr gewöhnt bin? Vielleicht ist es wie so oft, und die Antwort liegt irgendwo dazwischen. In jedem Fall werde ich die Worte von Hanns Zischler und diesen wunderbaren Abend bei Galiani Berlin zum Anlass nehmen, meine eigenen Lesegewohnheiten kritisch zu hinterfragen.
Doch was viel wichtiger ist und die Größe dieser kleinen Erzählung zeigt: „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“ begleitet einen über die eigentliche Lektüre hinaus und nimmt Einfluss auf Erleben und Wahrnehmung des Lesers. Wenn ich nun auf dem Markt oder im Supermarkt an Orangenkisten vorbeigehe, schaue ich immer nach, ob sie in Orangenpapier gewickelt sind – und denke mit einem Lächeln an Elsa.

[Hanns Zischler – Das Mädchen mit den Orangenpapieren
Galiani Berlin
112 Seiten, 2014, 16,99 €]

Verlosung: Wir wünschen dieser zarten Erzählung viele Leser. Deshalb verlosen wir ein Exemplar von „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“. Schreibt uns (Kommentiert unter diesem Beitrag oder per Mail bis zum 30.11.2014), warum ihr diese Erzählung unbedingt lesen möchtet. Unter allen Einsendungen, die wir bekommen, werden wir das Buch verlosen.


© Verlag Galiani Berlin

© Verlag Galiani Berlin

 Hanns Zischler, Jahrgang 1947, arbeitet neben seinem Beruf als Schauspieler seit vielen Jahren als Publizist. Zu seinen Büchern zählt u. a. die in viele Sprachen übersetzte Forschungsarbeit Kafka geht ins Kino (1996). Bei Galiani erschien von ihm Der Schmetterlingskoffer (2010), Berlin ist zu groß für Berlin (2013), Die Erkundung Brasiliens (2013). Im gleichen Jahr erhielt Hanns Zischler den Preis der Literaturhäuser. Das Mädchen mit den Orangenpapieren ist sein erster rein literarischer Text.

2 Gedanken zu “[Unterwegs] Hanns Zischler – Das Mädchen mit den Orangenpapieren

  1. ich möchte es gern lesen, weil ich genau das für mein schreiben noch (weiter)lernen will:
    „Auf der einen Seite sind da die mit scheinbarer Leichtigkeit entworfenen Figuren, die Tiefe und eine eigene Biographie besitzen, ohne dass der Autor jemals dem Leser gegenüber in eine Erklärhaltung verfällt. (…) Niemals ist die Handlung mit Bedeutung aufgeladen – und trotzdem ist sie niemals bedeutungslos. Gerade durch diese Reduktion und Bescheidenheit entsteht Nähe zu Figuren und Handlung.“

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