[Rezension] Helwig Arenz – Der böse Nik

© Laura PIn den Künsten, so heißt es, ist alles möglich. In der Literatur kann man sich im Geiste so richtig austoben, die Figuren mal richtig gesetzesunkonform agieren lassen, es ordentlich krachen lassen. Der böse Nik ist so eine Figur. Er wohnt in einem mehr oder weniger besetzten Haus, das Gabi (Gabriel) gehört, der so etwas wie ein Diktator mit „SozPäd-Seele“ ist. Gabi lässt in seinem Haus verlorene Jugendliche leben, um ihnen jenseits von Jugendamt und Behörden eine Chance zu geben. Das diese Jugendlichen, vor allem Nik, ihre Freiheit lieben und seine sozialpädagogischen Reden nur belächeln können – so what. Nik ergattert mal eben ein paar Perlen und Ketten bei einem Juwelier, wenn er Geld für neue Drogen und Bier braucht, setzt Babykatzen in einer Vogelausstellung aus oder verprügelt mit den anderen einen Mitbewohner, den Vegetarier, bis er stirbt. Und natürlich vögelt er Gabriels besonderen Schützling: Lauri.

„Die Milch in dem Pastismagen, der Müllkippe von gestern. Ich versuchte einen klaren Kopf zu bewahren. Denken, Mensch, denken! Ich nahm noch mal den Zettel heraus, der in meinem Mund gewesen war. Mir kam der fixe Gedanke, dass Lauri ihn mir reingelegt hatte. Vielleicht wie einen verschlüsselten Hilferuf. Ich faltete ihn auf und las die verwaschene Schrift. Mit einem Mal war ich nüchtern. Um mich sah ich die verwüstete Küche. Einen Milchsee, in den ich zerstreut den dicken Dampfer meiner Fußspitze schob. Der Tee, der von der Tischplatte tropfte. Tageslicht, das mit zunehmender, grimmiger Gewalt den kalten Rauch zerschoss, der im Zimmer stand.“

Helwig Arenz legt ein bitterböses Romandebüt vor, in dem eine Menge passiert. Dabei fällt die teils szenische Schreibweise auf, die vom schauspielerischen Hintergrund des Autors stammen wird. Der Leser kann sich gut in die jeweiligen Situationen hineinversetzen und sieht sie bildlich vor sich. Auch vermag es der Autor, sich gut in seine Nik-Figur einzufühlen und aus dessen Sicht die Ereignisse in einer eigenen, rotzig-jugendlichen Sprache mit poetischen Anklängen zu schildern.
Der Roman beinhaltet mehrere Elemente zugleich: Er gibt a) Einblick in das teils komische, teils verzweifelte Leben drogenabhängiger Jugendlicher am Rande der Gesellschaft, hat b) krimiähnliche Bezüge, da es zwei Leichen und ein skurriles Polizistenpaar gibt, und ist c) auch ein bißchen ein Liebesroman, da die magersüchtige Lauri das einzige ist, was Nik Halt und Hoffnung gibt.
Die verschiedenen Figuren sind charakterstark und ausgefeilt. Sie prägen sich mit ihren Eigenarten dem Leser ein, ohne in Stereotypie zu verfallen. Man merkt, dass Helwig Arenz einem schriftstellernden Umfeld entstammt, auch seine Geschwister Ewald und Sigrun haben bereits Bücher veröffentlicht. Doch man steht vor allem der Nik-Figur zwiespältig gegenüber: Ist er böse oder einfach nur bemitleidenswert? Welche Motive stehen wirklich hinter seinem Handeln? Man kommt nicht wirklich an ihn ran, er bleibt letztlich im Stakkato der kurzen Sätze als Mensch undurchschaubar.

„Entschuldigen? Kann ich so nicht. Ich stehe auf und mache Wasser heiß, brühe Kaffee auf, zwei Tassen, reiche eine dem Vegetarier. Es funktioniert nicht. Er knurrt nur. Kann auch nicht funktionieren, ich hab´s nur wegen Lauris Augen gemacht. Schau mich weich an!, denke ich. Dann gehe ich raus in die Kälte und hacke Holz. Denke an Titten. An Ärsche.“

Dadurch entsteht der Gesamteindruck eines Romans, indem es vordergründig darum geht, Grenzen auszutesten und zu überschreiten. Insbesondere moralische bzw. gesetzliche Grenzen werden immer wieder gebrochen. Crystal kochen wie in der Fernsehserie „Breaking Bad“? Ungestraft einen Juwelier überfallen? In das Gehege eines Anubis` im Zoo einzusteigen? Mit der Frau des Gönners schlafen? Sich vor einem Kind daneben benehmen? Nik nimmt sie alle mit, die Transgressionen – und bleibt dabei unnahbar und cool. Mir persönlich reicht das nicht, um den Roman wirklich bemerkenswert zu finden. Zweifellos hat „Der böse Nik“ einen hohen Unterhaltungswert, der sich spannend und ein wenig tragisch-komisch liest. Doch mir erschließt sich kein Mehr-Wert. „Der böse Nik“ enthält rein unterhaltende Grenzüberschreitungen von unnahbaren Persönlichkeiten, die zum Teil wie Zombies wirken versus Gutmensch Gabriel, der alles verzeiht und immer wieder neue Chancen einräumt, ohne zu (ver-)zweifeln. Und das war´s.

[Helwig Arenz – Der böse Nik

Ars Vivendi

251 Seiten, 2014, gebunden, 17,90 €]

Sehenswertes:

am 12.03.15 Krimi-Lesung im Schloss Almoshof

Auftakt:

„Ich erwache aus dem Matsch irgendeiner pathetischen Scheiße, die ich geträumt habe.“


© Raphael Rumpf

© Raphael Rumpf

Helwig Arenz, 1981 in Nürnberg geboren, wuchs in Fürth auf. Sein geisteswissenschaftliches Studium in Erlangen gab er zugunsten eines Schauspielstudiums in Linz auf, das er 2006 abschloss. Engagements an Bühnen u. a. in Hamburg, Wilhelmshaven, Memmingen und Hof folgten. Seit 2013 arbeitet er als Autor und Schauspieler u. a. am Stadttheater Fürth und am Theater Pfütze in Nürnberg. Im Frühjahr 2013 gewann sein Kurzkrimi »Tom und Tierchen« den Publikumspreis des 2. Fränkischen Krimipreises. Der böse Nik ist sein erster Roman.

2 Gedanken zu “[Rezension] Helwig Arenz – Der böse Nik

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