[Rezension] Beatrice Meier – Alleine war gestern

9783462047509Bei ihrem Erstlingsroman hat sich Beatrice Meier für ein anthropologisches Problem unserer heutigen Gesellschaft entschieden, das nun seit dem Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand, seinen Eingang in die Literatur fand – die sonnigen und schattigen Seiten des reifen Lebens − und lässt die „alten“ 68er eine WG gründen. Wie es gerade in Mode ist, sind auch hier die alten Neuen vital, humorvoll, für ihr Alter überraschend kompromissbereit, anpassungsfähig und erstaunlich sozial.

Hausschwamm in der Wohnung der Protagonistin ist der Auslöser der Handlung. Denn nun ist Ricarda gezwungen, eine Ersatzunterkunft für die nächsten sechs Monate zu finden. Mit dieser Hiobsbotschaft geht sie aus dem Haus und trifft zwei Seiten später ihren Jugendfreund. „Philip war der beste Freund ihres damaligen Freundes Herbert gewesen, den sie später geheiratet hatte. Nach dem Studium war Philip für Ärzte ohne Grenzen nach Mali gegangen“ (S. 9). Wie unschwer zu erraten ist, war Philip in Ricarda heimlich verliebt… Und nun, da sie beide verwitwet sind, nutzt Philip kurzer Hand seine Chance und bietet Ricarda ein Zimmer in seiner neu gegründeten WG an. „Was für ein unglaublicher Zufall“ (S. 11). Von solchen Zufällen ist dieser Unterhaltungsroman überfüllt. Zu schön, um wahr zu sein, würde eine böse Zunge sagen. Doch vielleicht brauchen die Menschen mehr von eben solchen Romanen, die in der kapitalistischen Realität von einer anderen, besseren Welt berichten, in der Menschen zueinander halten und sich gegenseitig unterstützen?

Auch die vergehende Zeit spielt immer wieder eine Rolle:

„Ich dachte immer, irgendwann mach ich das und das“, sagte er [Philip]. „Wen ich ‚groß‘ bin, mach ich das und das. Ich habe nicht gemerkt, dass dieses ‚irgendwann‘, wenn ich es denn wirklich wollte, jetzt sein musste. Ich habe die Zeit so verstreichen lassen. Als ginge es ewig so weiter, verstehst du? Und plötzlich bin ich über sechzig. Und diese ganze Zeit ist jetzt weg.“ Er lachte. „Über sechzig! Ric! Über sechzig. Krieg ich nicht in den Kopf! Du?“ (S. 229)

Dies ist womöglich keine tiefsinnige Aussage, doch vielleicht sollten wir, die noch keine sechzig sind, überlegen, was wir selbst mit 60 sagen wollen. Würden wir auch bedauern, so viel Zeit verloren zu haben? Oder sollten wir nun versuchen das alles, was wir machen wollen, wenn wir mal „groß“ sind, jetzt in Angriff nehmen, anstatt zu warten, bis Philips Worte zu unseren werden?

Abschließend ist noch zu vermerken, dass die Autorin keine eigentliche Debütantin ist, da sie bereits für ihre Drehbücher gefeiert wurde. Ihr letztes Drehbuch „Abseitsfalle“ erhielt 2013 beim Festival des Deutschen Films in Ludwigshafen sogar den Drehbuchpreis. Auch diese hier besprochene Geschichte wurde bereits verfilmt. Denn parallel zu diesem Romandebüt erscheint am 20. März 2015 bei ARD seine Verfilmung… Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Die Autorin hat zeitgleich an dem Drehbuch und ihrem Roman gearbeitet. Zwar ist das Buch mit über einem Monat Vorsprung erschienen, doch die Dreharbeiten brauchten womöglich mehr Zeit als der Druck eines Buches. Aus diesem Grund zwingt sich eine Frage danach auf, um welches Genre es sich hier eigentlich handelt. Ist es eine „Verfilmung des Romans“ oder „ein Buch zum Film“?

Ist der Roman zu empfehlen? Dies hängt von dem Anspruch des Lesers ab. Wenn man sich damit abgefunden hat, dass dieser Roman nur unterhalten will, dann tut er es sogar gut. Denn trotz des Schlaganfalls einer der Hauptfiguren gibt es in diesem Buch viele lustige Szenen, wie z.B. Eckarts ungewöhnliches Andenken an seine Frau. Es ist auf jeden Fall ein „Gute-Laune-Buch“. Doch für meinen Geschmack ist er tatsächlich ein wenig zu süß, wie die bunten Macarons auf seinem Umschlag…

[Beatrice Meier – Alleine war gestern

KiWi Verlag

304 Seiten, 2015, Taschenbuch, 9,99 € [D]

oder als E-Book erhältlich]

Lesens- und Sehenswertes:

Alleine war gestern – der Film bei ARD

Auftakt:

„Sechs Monate?!“, fragte Ricarda.


© Stephanie Gagel

© Stephanie Gagel

Beatrice Meier wurde 1969 in Bochum geboren und studierte an der Universität Düsseldorf Literaturübersetzen. 2002 war sie Stipendiatin der Drehbuchwerkstatt München und nahm 2006 am Autorenprogramm an der Internationalen Filmschule Köln (ifs) teil. Für ihr Drehbuch zum Kinofilm »Abseitsfalle«, der auf vielen Festivals, aber auch auf DGB-Veranstaltungen und im Europäischen Parlament gezeigt wurde, erhielt sie 2013 beim Festival des Deutschen Films den Drehbuchpreis. »Alleine war gestern« ist ihr erster Roman. Er ist gerade verfilmt worden und wird im Frühjahr 2015 in der ARD ausgestrahlt. Beatrice Meier arbeitet und lebt in Straßburg.

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