[Rezension] Martin Lechner – Kleine Kassa

cover_1682_lLädiert, zerschlagen, aber trotzdem erstaunlich gut gelaunt. So könnte man meinen Zustand nach der Lektüre von „Kleine Kassa“ nennen – und da geht es mir wohl nicht anders als dem Protagonisten Georg Röhrs.
Georg Röhrs ist kaufmännischer Lehrling in einer Eisenwarenhandlung in Linderstedt, im Heidekreis, in der Provinz. Er trägt schöne Lederschuhe, hat immer einen Kamm dabei, um sich einen richtigen Scheitel zu ziehen, und sein mageres Gehalt gibt er für ein teures Jackett aus, das er dann vor dem Spiegel in sämtlichen „Kombinationen mit seinen Hosen und Schuhen und Hemden und Gürteln“ ausprobiert. Warnung: Schon nach wenigen Seiten wird von diesem Georg nicht mehr viel übrig sein.
Alles beginnt mit einem Auftrag. Der Auftrag, den Georg von seinem Chef Herrn Spick erhält, ist denkbar einfach: Georg soll nur einen Koffer (über den Inhalt können wir nur spekulieren, wir vermuten Schwarzgeld) zu Herrn Kraus nach Niedergellersen bringen, zur titelgebenden Kleinen Kassa, dem Meisterwerk der Verwahrungstechnik.

„Die Kleine Kassa“, erklärte Herr Spick, „schweigt wie ein Totenschädel“.

Doch Georg springt aus dem Bus, weil er auf dem Plakat an der Bushaltestelle seine erste große Liebe Marlies zu erkennen glaubt. Sie ist es natürlich nicht – und Georg ist zu spät dran für die Kofferübergabe. Man mag sich fragen, warum er nicht einfach Herrn Spick anruft und sagt, dass er sich ein wenig verspätet. Der Protagonist antwortet nach circa hundert Seiten:

„Und warum? Weil du keinen Verstand besitzt! Und warum? Weil du dich mit einem Verstand in deinem Schädel niemals aus dem Bus geworfen hättest! Weil du mit einem Verstand in deinem Schädel schon gestern Abend zurück gewesen wärst, den Koffer abgegeben hättest bei Herrn Spick, mit Clemens, dieser Ratte, Schach gespielt hättest, Bier getrunken hättest, dann geschlafen, aber du?“

Georg ruft also nicht bei Herrn Spick an. Er klaut einem „Fettsack“ namens Dietmar sein Mofa und befindet sich von nun an auf der Flucht. Beim Lesen fühlt es sich an, als flüchte er in dreiundsechzig Stunden um die Welt, doch tatsächlich bewegt er sich nur zwischen seiner Heimatstadt Linderstedt und dem Nachbarort Bieskamp hin und her. Und die Flucht hat Folgen: Von Georgs geradem Scheitel ist bald nichts mehr zu sehen, weil er sich bei einem schlechtgelaunten Friseur braune Locken anschweißen lässt, um nicht erkannt zu werden. Seine schönen Lederschuhe hat er bereits einige Seiten zuvor verloren. Er tuckert mit dem Mofa über Landstraßen, wird von Schuljungs verprügelt, in einen Einkaufswagen gesetzt und die Hauptstraße hinuntergeschickt. Und vor seinem Chef flüchtet er in eine Küchenbank, wo ihm Schrauben den Rücken zerlöchern. Spätestens da versteht man allerdings, wieso Georg seinen Chef nicht einfach angerufen hat:

„Aber vielleicht wäre es auch besser, wenn der Chef, statt sich immer weiter in Rage zu kommandieren, zu brüllen, man solle jedes gottverdammte Kuschelkissen abstechen, aufschlitzen, umstülpen, ausschütten, einfach den Deckel aufklappte, ihn, Georg, seinen durchgebrannten Lehrling, aus der Kiste riss und zur Strafe mit Schwung an der Wand zerschmetterte.“

Georg lässt keinen Scheißhaufen aus, nein, er tritt auch noch wortwörtlich mit nackten Füßen hinein. Er schläft kaum, betrinkt sich, wird von seinem Schachkumpel Clemens durch ganz Linderstedt verfolgt und bekommt kaum etwas zu essen, sodass er, man ahnt es schon, die Mülltonne einer WG plündert. Natürlich nicht mit spitzen Fingern, sondern kopfüber mittenrein. Das ist das Motto dieses Romans, und da ist er konsequent bis zur Schmerzgrenze.
Doch bevor die Schmerzen unseres Protagonisten unerträglich werden, taucht der stadtbekannte Obdachlose Reinhard auf. Reinhard, der früher als Arzt tätig war, hat zusammen mit zwei Kumpels eine Art Musikkapelle gegründet, und gemeinsam ziehen sie mit Tröte, Tonne und Mundharmonika durch die Gegend. Reinhard ist der versiffte Engel dieser Geschichte.
Bleiben wir ein wenig bei den Namen, denn sie allein klingen schon so herrlich nach Provinz: Spick, Röhrs, Kraus, Zack, Görges, Köpp, Lempert … Und wie die Namen klingen, so ist auch die Sprache. „Prall, als wüchse ein außerirdisches Ungeheuer darin, das jeden Augenblick ans Licht platzen wollte.“ Auch wenn hier eigentlich der Bauch von Dietmar beschrieben wird, könnte es auch eine passende Bezeichnung für die Sprache des Romans sein. Vor einigen Jahren hat David Bösch „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“ von Werner Schwab inszeniert. Werner Schwab ist sicherlich nochmal ein ganz anderes Kaliber, aber bei der Lektüre von „Kleine Kassa“ musste ich plötzlich an diese Inszenierung zurückdenken. Daran, wie dieses derbe, bitterböse Stück von David Bösch virtuos und lustvoll inszeniert wurde. Und genau da ist die Verbindung zu Martin Lechners Roman. Die Sprache ist prall und derb, aber sie wird gekonnt und präzise eingesetzt. Auch wenn mich die Derbheit in manchen Momenten ermüdet, – „ Er versuchte gewaltsam einen Rülpser aus dem Hals zu pressen, so einen klebrig zerplatzenden Urlaut, der ihr noch bis zum Morgen in den Ohren hing“ – so bin ich doch nachhaltig von Lechners Umgang mit Sprache beeindruckt. Mitten in der Erzählung, ja mitten im Satz wird spielerisch in erlebte Gedankenrede gesprungen, an anderer Stelle wird unvermittelt aus einer Ansprache vom Schuldirektor Dr. Grabbitz zitiert – da muss manchmal sogar an den guten alten „Berlin Alexanderplatz“ denken. Die Provinz und die Großstadt sind nicht so weit voneinander entfernt, wie man manchmal denkt!
Oder wenn Georg von der Zukunft zu träumen beginnt und wir die Stimme der abwesenden Marlies hören:

„Er würde fliehen müssen, weit über den Heidekreis hinaus, und wenn es sein musste, dann eben auf diesem müde röchelnden Mofa, wenn auch lieber in einem Zug und am liebsten in diesem Nachtzug, von dem Marlies ihm erzählt hatte, so einer dunkelblauen Rakete, die schon eine halbe Stunde, bevor sie losschoss, zischend am Bahnsteig stand, sodass, wer früh genug da wäre, sich gleich ins Abteil verdrücken und auf die Liege werfen konnte, diese schöne, schmale Bahre unter der gewölbten Decke des Waggons, um auf die Geräusche der Fahrgäste zu lauschen, die sich durch den Gang rauften, auf das Gemuffel des Schaffners und auf die ans Glas gehauchten Wiedersehenswünsche, bis endlich alle Türen auf einen Schlag ins Schloss krachen und der Zug sich langsam, so langsam als führe der Bahnhof ab, in Bewegung setzt, schon über die Elbbrücken rattert und ganze Länder durchquert auf dem Weg zu diesen nackten, grauen Stränden, dorthin, wo niemand mehr brutzelt und kreischt, zu den winterlich leergefegten Promenaden, allein dorthin rast der Zug, das Abteil, unsere Liege, mein Lieber, auf der wir dicht beisammenliegen, mit offenen Mündern und heimlich wandernden Händen, denn die Hände, sie beginnen zu wandern, hoch zur Stirn wandern sie und von der Stirn hinab in die Nacht.“

Dann zeigt uns der Autor: Wir können auch anders als derb. „Wir können auch anders“. An den Film von Detlev Buck musste ich beim Lesen übrigens auch mehrfach denken
Georg Röhrs, der von der Welt nur den Heidekreis und die Ostsee kennt, wünscht sich weit weg. Nach Süden. Ich kann ihn verstehen, denn spätestens nach diesem Roman weiß jeder, dass das Leben in der Provinz so hart ist wie ein Vorschlaghammer, Latthammer, Schlosserhammer, Treibhammer, Klauenhammer, Sickenhammer oder Schweifhammer. Hammerhart eben.

[Martin Lechner – Kleine Kassa
Residenz Verlag
264 Seiten, 2014, gebunden, 22,90 €]

Sehenswertes:

Der Trailer zum Buch

5 Gedanken zu “[Rezension] Martin Lechner – Kleine Kassa

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