[Rezension] Saskia Hennig von Lange – Zurück zum Feuer

Eine Sprache ohne Sprechen

Die Gedanken sind frei – das wissen wir nicht erst seit dem 19. Jahrhundert. Warum also nicht gerade in dieser Freiheit nach Antworten auf die Fragen suchen, die uns seit Menschengedenken beschäftigen? In ihrem Debütroman Zurück zum Feuer spürt Saskia Hennig von Lange existenziellen Themen nach und wird auf schmerzhaft anrührende Weise in den Köpfen ihrer Protagonisten fündig.

Es sind drei Köpfe, in die der Leser sich mit dieser Geschichte einklinkt. Wir begegnen der sterbenden Box-Legende Max Schmeling, der mit sich, seinem Körper und dem unausweichlichen Ende seines Lebens kämpft. Und wir begegnen dem Ehepaar Max und Inge, die ihren Sohn verloren haben und nun verzweifelt versuchen, weiterzuleben, sich dabei aber immer mehr aus den Augen verlieren. Alle drei stehen auf ihre Weise vorm Kampf ihres Lebens, doch statt leichtfüßig den Gegner zu umtänzeln, sind sie erstarrt oder stolpern über ihre eigenen Füße. Der Leser sitzt bei dieser Show dank der Autorin in der ersten Reihe, denn ihr erzählerisches Prinzip lautet: Der Mensch zeigt sich mehr im Denken als im Sprechen. Tatsächlich findet sich nur an wenigen Stellen wörtliche Rede, hingegen stößt man etwa 468 mal auf das Wort „Denken“. Die gesprochene Sprache existiert in diesem Roman nicht, in dem alles vom Unaussprechlichen überschattet wird. Die Protagonistin Inge sieht diese Leerstelle, kann sie aber nicht überwinden:

„Was sie spürt, ist bloß, dass etwas nicht da ist. Ein Fehlen eben. Eine Lücke. Ein unaussprechlicher Verlust. So wie diese Gedanken hier eine Sprache ohne Sprechen sind.“

Anfangs noch etwas befremdlich wird diese Gedankenschau stilistisch schnell zum größten Kniff des Romans. Als Leser ist man direkt bei den Figuren, die Unmittelbarkeit wird durch die Wahl des Tempus (Präsens) noch verstärkt. Man steckt im Kopf der Figuren fest, wie sie selbst auch. Wer jetzt fürchtet, dass er sich in psychoanalytische Selbstreflektionen der Figuren verstrickt, den kann ich beruhigen. Die Protagonisten sind weit davon entfernt, sich selbst zu verstehen oder gar verstehen zu wollen. Saskia Hennig von Lange entblättert sorgsam alle Facetten der gedanklichen Weite, so reihen sich Selbstbetrug, quälende Erkenntnis und Plattitüde nebeneinander ein. Näher kann man Figuren und somit auch einer Geschichte nicht kommen.
Die Sätze folgen ebenfalls einer gedanklichen Struktur, sie sind entweder kurz und sprunghaft oder bilden eine lange Reihe, die sich assoziativ fortsetzt. Dennoch bilden sie einen Zirkel, man gelangt immer wieder an einen Anfang und vor allem zu den Fragen, die uns alle antreibt. Was bedeutet Sterben, Verlieren, Leben und Lieben und wie durchsteht man all das ohne den Verstand zu verlieren?
Gerade die Sache mit dem Verstand scheint nicht so leicht zu sein. Während Inge versucht, ihren Verlust wie eine alte Tapete zu entfernen und am Ende grotesk lachend in den Fetzen sitzt, bricht Max zu einer irrwitzigen Tour auf. Er soll nach dem Tod Max Schmelings ein Gutachten über den Zustand des Schmeling-Hauses erstellen. Inmitten der Stille des Hauses und den Überbleibseln Max Schmelings verliert er dann neben seinem Handy auch zunehmend sich selbst.

„Es ist schon seltsam, woran man denken muss, wenn man allein in der Dunkelheit steht, denke ich. Ich wundere mich über mich, aber so ist das wohl, wenn man sich in einer ungewöhnlichen Situation befindet, dann wird man eben auch ungewöhnlich. Und sich selbst fremd.“

Immer wieder findet er Ausflüchte, warum er das Haus nicht mehr verlassen kann, genießt das Gefühl, sich dort aufzulösen. Hennig von Lange nutzt stark symbolträchtige Bilder, die sich aber allesamt harmonisch und angenehm unaufgeregt in die Geschichte einfügen. So schläft Max mit dem Gewehr Schmelings auf den Knien ein, die Stirn am Abzug. Tatsächlich feuert sein Kopf in der folgenden Szene starke gedankliche Geschosse ab, wie ein Mantra wiederholt er in Gedanken die Worte „Mein Kind ist tot.“ Rührender Höhepunkt dieser Episode um Max ist ein Zusammenstoß mit einem Wildschwein, bei der sich all die Trauer endlich Bahn bricht. Hennig von Lange schafft eine poetisch aufgeladene, berührend intime Szene, in der sich ihr literarisches Talent zur Gänze zeigt. Hier ist nichts peinlich, wie es in solchen Szenen oft vorkommt. Mit beeindruckender Leichtigkeit schafft die Autorin eine Atmosphäre aus Trauer, Wut, Unverständnis und purer Ehrlichkeit. Doch nicht nur die Episoden um Inge und Max zeichnen sich durch diese Attribute aus, auch die Episode um den sterbenden Max Schmeling werden von dieser Leichtigkeit getragen. Max Schmeling blickt auf sein Leben zurück und versucht, das aufzuschreiben, was sich abseits des Medienrummels um ihn zugetragen hat. Er will die Dinge festhalten, die wirklich wichtig sind und landet doch immer bei bei abgenutzten Plattitüden, die man bereits ein ganzes Leben mit sich herumträgt.

Das Leben geht seltsame Wege, schreibt er.“

Der Ärger über seinen eigenen schwächer werdenden Körper lässt er an der Krankenschwester aus, die mit ihm im Haus lebt, bis er irgendwann erkennen muss, wie tröstlich ihre Nähe ist. Sie begleitet sein Sterben, auch wir als Leser scheinen neben ihm zu liegen und auf seinen Atem zu lauschen. Warum es ausgerechnet Max Schmeling ist, dem wir beim Sterben zuschauen wird nicht ganz klar, Hennig von Lange beteuert aber, ohne ihn hätte es diese Geschichte niemals gegeben. Ein Foto von Max Schmeling und seiner Frau in der Zeitung habe sie zu dieser Geschichte inspiriert. Letztendlich ist es mir als Leser egal, wer da stirbt, denn eigentlich geht es nicht hier nicht um das „Wer“, sondern um das „Wie“. Wie schlagen sich die Figuren durch das Dickicht ihres Unbewussten, durch ihren Wahnsinn und die eigenen Schwächen und da hat jeder der drei seine eigene Methode. Es sind drei ganz und gar unterschiedliche Verlusterfahrungen, die dennoch miteinander verknüpft sind. Sie spiegeln sich, lösen sich ab und ergänzen sich sinnvoll. Sie durchbrechen einander, mit jedem neuen Abschnitt wechseln wir wieder die Perspektive. Dieses multiperspektivische Erzählen macht den Text lebendig und lässt die einzelnen Episoden eng umeinander kreisen.
Am Ende müssen sich alle drei entscheiden. Loslassen oder mit der eigenen Last untergehen?
Es sind große Themen, mit denen Hennig von Lange sich in ihrem Roman beschäftigt. Größer noch als diese Themen sind aber die Antworten, die man in den Köpfen der Protagonisten findet, denn eigentlich ist doch alles klar: Es gibt einen Tag, an dem wir geboren werden und ein Tag, an dem wir sterben. Dazwischen leben, lieben und verlieren wir. Was dabei von uns bleibt? Die Erinnerung.
Alles in diesem Roman kreist um den Tod, erdrückt wird man davon aber nicht, denn in der Leichtigkeit liegt die Stärke der Autorin. Mit Zurück zum Feuer legt Hennig von Lange keine Erstveröffentlichung vor. 2013 veröffentlichte sie bereits die Novelle Alles, was draußen ist. Und auch hier beweist die Autorin ihren feinsinnigen Umgang mit menschlichen Abgründen. Man darf gespannt sein, was diese Autorin noch alles vorlegen wird.

Zurück zum Feuer ist eine Geschichte von existenzieller Wucht, die trotzdem nicht zarter hätte sein können. Der Roman überzeugt mit einer so gar nicht verkopften Gedankenschau dreier Menschen, deren größter Feind sich in ihnen selbst befindet. Der Ton von Hennig von Langes Debütroman ist pur, ehrlich und lotet die Gefühle der Protagonisten exakt aus. Literarisch kunstvoll durchstöbert sie auch den hintersten Winkel der Köpfe ihrer Figuren und entblößt sorgsam ihre Gedanken. Die Leichtigkeit, mit der Saskia Hennig von Lange menschliche Abgründe und existenzielle Probleme offenlegt, sucht derzeit ihresgleichen.

[ Saskia Hennig von Lange – Zurück zum Feuer

Jung und Jung

214 Seiten, 2014, gebunden, 19,90 €]

Lesens- und Sehenswertes:

Auftakt:

Man muss sich dem stellen, und es hilft ja auch nichts, wenn man eine solche Entscheidung, eine Entscheidung, von der einiges abhängt, Dinge und Ereignisse, die das Eigene weit übersteigen, wenn man also eine solche Entscheidung ewig hinauszögert und vor sich herschiebt.


© Stefan Freund

© Stefan Freund

Geboren 1976 lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Frankfurt am Main. Sie studierte Angewandte Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. Sie forscht und arbeitet an der Justus-Liebig-Universität Gießen an ihrer Dissertation zum Verhältnis von Bild, Rahmen und Körper in der spätmittelalterlichen Kunst.

2013 veröffentlicht sie die Novelle „Alles, was draußen ist“, 2014 folgt dann ihr Debütroman „Zurück zum Feuer“. 2015 erhält sie dafür den Clemens Brentano Preis.

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