[Rezension] Julia Jessen – Alles wird hell

In „Alles wird hell“ erfahren wir alles über Oda, die Ich-Erzählerin dieses Romans. Die Autorin Julia Jessen nutzt verschiedene Stationen,9783956140242 um das gesamte Leben ihrer Protagonistin zu erzählen: Kind, Jugendliche, Frau in mittleren Jahren und Greisin. Das Leben der Protagonistin ist nicht spektakulär, sie nimmt uns nicht mit auf ein großes Abenteuer – und doch zeigt sich, wie außergewöhnlich ein Leben in all seiner scheinbaren Normalität und Massenkompatibilität sein kann. Was die Stationen miteinander verbindet, ist Odas Lebensfrage nach dem Dunkeln in uns und dem Hellen, das man für die anderen sichtbar machen möchte. Dieses Motiv prägt bereits die Szene aus Odas Kindheit. Oda ist fünf Jahre alt, als sie ihre Oma belügt und das Dunkle in sich entdeckt.

„Meine Großmutter steht im Sonnenlicht. Sie ist ganz hell. Ich stehe auch im Licht, aber ich bin mir sicher, dass ich ganz schwarz geworden bin. Vom Lügen.“

Auch elf Jahre später lässt Oda die Frage nach dem Hellen und Dunklen im Menschen nicht los.

„Und jetzt denke ich an das Dunkle. Die kleinen Geheimnisse . die wir haben. Und das Helle. Das, was alle sehen können. Und ich frage mich, ob es Menschen gibt, die immer nur hell oder immer nur dunkel sind.“

Wer nun befürchtet, dass Julia Jessen einen Roman über Aura, Energiekörper oder Heiligenscheine geschrieben hat, den kann ich beruhigen. Das Bild von hell und dunkel hat natürlich eine stark religiöse oder zumindest moralische Färbung, doch leuchtet der Protagonistin schnell ein, dass nur in der Verbindung von hell und dunkel ein Glanz entstehen kann.

„Ich träume von frischer Erde. Dunkelschwarze und fruchtbare Erde. In der alles keimt. Alles wachsen kann. Alles wird so groß, bis es platzt. Niemand spricht in meinem Traum. Denn es gibt keine Worte für die Dinge. Alles ist prächtig. Und es gibt eine Brücke vom Hellen ins Dunkle und in der Mitte wird das Helle dann dunkel und das Dunkle hell. Dort vermischt es sich zu einem Glanz. Irgendwie so. Und ich laufe immer hin und her. Durch den Glanz. Es ist ganz leicht und angenehm.“

Auch muss man keine Angst haben, dass auf knapp dreihundert Seiten permanent selbstreflektiert wird. Die Protagonistin steht zu jeder Zeit mit beiden Beinen im Leben und das äußere Erleben verleiht der Handlung immer wieder Frische und Dynamik. So treffen wir auf eine Jugendliche, die T-Shirts trägt, auf denen „Kein Applaus für Scheiße“ steht, die auf der Hochzeit ihrer Tante mit dem Bräutigam schläft und auf der Bühne den Flug des Staubes tanzt.
Wir verlassen die Jugendliche Oda in einem Moment des Triumphes und begegnen ihr über zwanzig Jahre später. Oda ist müde geworden.

„Ich habe nur noch Miniaturausgaben von Gefühlen. Sie sind wie kleine Landschaften, in kleine Glaskugeln gegossen, wie man sie in Touristenorten kaufen kann. (…) Manche mit Schneegestöber drin, andere mit Glitter. Und wenn ich sie ganz arg schüttle, dann geht das Schneegestöber los, und alles glittert in der kleinen Kugel. Aber eigentlich bewegt sich da nichts. Ist nur zum Angucken da.“

Oda hat sich mit fast vierzig Jahren im Jammertal verlaufen. Aber Oda wäre nicht Oda, wenn sie nicht aktiv versuchen würde, den Ausgang zu finden.

„Diese Wiederholungen müssen aufhören. Die Müdigkeit muss aufhören. Aufwachen, denke ich! Wach auf, Oda. Ich sehe mich, wie ich stehe. Meinen neuen Bräter unter dem Arm. Wie sich meine Gedanken im Kreis drehen. Wie sich die Listen abspulen, mit all den Dingen, die ich noch besorgen muss. Die ich noch machen muss. Und ich möchte schreien. Den Bräter wegwerfen. Aber das mache ich natürlich nicht.“

„In der Obst- und Gemüseabteilung steht ein großer Mülleimer. Ich schmeiße den Bräter in den Müll. Dann fahre ich mit der Rolltreppe runter. Dann fahre ich mit der Rolltreppe wieder hoch und hole den Bräter wieder aus dem Müll. Der Akt sollte eigentlich symbolisch sein. Aber in so was war ich noch nie gut.“

Es sind die Wiederholungen des Lebens, die die vierzigjährige Oda unerträglich findet. Es sind jedoch Wiederholungen, die diesen Roman motivisch gestalten und ihn so zu einer besonderen Leseerfahrung machen. Motive, wie Eis, Staub, das Tanzen, sich berühren und an der Hand halten, tauchen immer wieder in anderer Form auf und zeigen, dass in all der Wiederholung immer auch die Möglichkeit zur Veränderung liegt. Zurück zu Oda: Mit vierzig Jahren lebt sie ein angepasstes Einfamilienhausdasein und ist trotzdem herrlich unangepasst. Sie öffnet der Nachbarin betrunken und mit nackter Brust die Tür, ärgert beim Kinderturnen die anderen Mütter, wünscht sich ein zweites Kind, schläft wieder mit dem Ehemann ihrer Tante und fängt mit dem Rauchen an. Mit dem Kiffen beginnt Oda erst als alte Frau. Sie pflegt ihren todkranken Mann und im Moment des bevorstehenden Abschieds findet sie Trost in der Erfüllung ihrer Lebenssehnsucht, gesehen zu werden:

„Ich schaue ihn an. Unsere Blicke wandern hin und her. Begehbar sind wir füreinander. Wie Häuser. Wir bewohnen uns gegenseitig. Ich kann dich betreten, denke ich. Wie schön das ist.“

Dieses Gefühl, dass das Leben hinter all den Geheimnissen, Schmerzen und menschlichen Schwächen einfach wunderbar ist, überträgt sich auch auf den Leser.
Und nun wird es Zeit für ein Geständnis: Dieser Roman hatte es zunächst nicht leicht mit mir. Ich weiß, man soll nicht in Schubladen denken und die Vorurteilskiste geschlossen halten, aber manchmal kann man nicht verhindern, dass sie sich doch öffnet. So dachte ich nach der Lektüre von wenigen Seiten: Typisch, da erfindet eine Debütautorin einen eigenwilligen und schrägen Protagonisten, stattet ihn mit einer zur Figur passenden Sprache aus (mal wieder Aneinanderreihung von Hauptsätzen und Ich-Perspektive …) und nennt das Ganze dann Roman. Zu allem Überfluss ist die Autorin auch noch Schauspielerin. Die sind es ja gewohnt, sich in fremde Figuren hineinzuversetzen, deshalb ist dieser Roman natürlich von der Figur her gedacht und ausgearbeitet und nicht vom Plot oder der Sprache. So las ich nun – vollkommen vorurteilsbehaftet – und erlebte, wie die Protagonistin älter wurde. Es blieben die Hauptsätze, und trotzdem änderte sich die Sprache und der Ton. Die Protagonistin wurde achtzig und ich stellte überrascht fest, dass Oda für mich längst kein literarisches Konstrukt mehr war, sondern irgendwann auf ihrem fiktiven Lebensweg lebendig geworden und mir sehr nah gekommen ist. In diesem Sinne eine Protagonistin über einen Zeitraum von achtzig Jahren in verschiedenen Lebensphasen zu gestalten – das ist eine Kunst und hat mich am Ende sehr für den Roman und die Autorin eingenommen. Vollkommen unspektakulär und unaufgeregt ist Julia Jessen ein Roman über den Glanz des Lebens gelungen.

[Julia Jessen – Alles wird hell
Verlag Antje Kunstmann
288 Seiten, 2015, gebunden, 19.95 €]

Lesens- und Sehenswertes:

Videolesung

Auftakt:
„Ich bin schon fast am Gartenzaun.“


Julia Jessen, geboren 1974, hat ihr Literaturstudium abgebrochen und eine Ausbildung als Schauspielerin gemacht. Sie jessen-juliaarbeitete zehn Jahre für Film und Fernsehen, spielte in mehreren Theaterproduktionen und unterrichtete an verschiedenen Schauspielschulen. 2010 gründete sie das »Kurswerk« in Hamburg für Schauspielunterricht und Persönlichkeits- und Präsenztraining. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg.

4 Gedanken zu “[Rezension] Julia Jessen – Alles wird hell

  1. Ich habe das Buch auch sehr gerne gelesen. Julia Jessen hat auch letzte Woche bei uns gelesen und hat mich für den Text erneut, wenn nicht sogar noch mehr begeistern können.
    Liebe Grüße aus Kiel, Hauke

    Gefällt mir

  2. Pingback: Deutscher Buchpreis 2015-Was könnte auf der Longlist stehen?

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