[Interview] Selfpublishing – Dann mache ich‘s mir eben selbst

Vor einiger Zeit bekamen wir eine freundliche Email von Victoria Hohmann, die uns auf ihren Debütroman „Überschallflieger“ aufmerksam machte.
Victoria Hohmann lebt als freie Autorin, bildende Künstlerin und Kunsthistorikerin in Berlin und veröffentlichte ihren Roman im Dezember 2014 bei „epubli“.
Wir nahmen diese Mail zum Anlass, mit ihr über das Thema „Selfpublishing“, das Romandebüt im Eigenverlag, zu sprechen.

Worum geht es in deinem Roman „Überschallflieger“?

Es geht um die Protagonistin Mag, die in der Nacht vor ihrem 31. Geburtstag wachliegt und über die letzten, sehr entscheidenden dreiCover_v3.4 Jahre ihres Lebens nachdenkt. Diese drei Jahre werden dann in Rückblenden erzählt. Die Beziehung mit ihrem Freund Paul, ihre vergebliche Liebe zu dessen besten Freund Nico, die Beziehung zu ihrer besten Freundin Bianca, die sich vergeblich in Paul verliebt. Dieser ganze Beziehungsmist, der sich zwischen dem Einstieg ins Berufsleben der Protagonistin ereignet, das sich dann auch nicht so gestaltet wie sie sich das vorgestellt hat. Mag macht die Erfahrung, dass das Leben nie so läuft wie man es plant, ganz gleich welche Entscheidungen man trifft. Aber wird schließlich auch durch eine, vielleicht schicksalhafte, Begegnung zwischen einer Geburt und einem Todesfall darauf gestoßen, dass sich immer wieder Zeitfenster auftun, um seine Träume zu leben – die ja schließlich der Sinn des Lebens sind. „Überschallflieger“ zeichnet Menschen Ende 20 / Anfang 30, die zum ersten Mal richtig auf die Realität prallen.

Wie ist der Roman entstanden?

Der Roman ist aus einer Glosse über heutiges Beziehungsleben heraus entstanden. Der Anfang trägt darum unverkennbar diesen Stempel. Die Glosse hatte irgendwann einen solchen Umfang, dass sie schlicht zu lang für eine Glosse war. Da habe ich rückwirkend begonnen die Figuren zu formen, zu individualisieren. Die Handlung hat sich dann beim Schreiben von selbst entsponnen. Das Korsett der Rahmenerzählung habe ich ihr erst spät übergestülpt, damit sie nicht in Szenen auseinanderfällt. Die „Szenen“ sind übrigens auch nicht nacheinander entstanden. Bei dem Roman handelt es sich also um ein völlig unstrukturiertes Projekt. Kennt man die Entstehungsgeschichte, wirkt der Roman erstaunlich homogen.

Wie lange hast du an deinem Roman geschrieben?

Zwei Jahre. In diesen zwei Jahren gab es immer wieder längere Pausen. Dann spitzte sich glücklicherweise eine Beziehungskrise zu, die den Roman letztlich motivierte (er stellt allerdings kein Abbild derselben dar). Das Buch war dann ratzfatz fertig – die Krise gleichzeitig praktischerweise von der Seele geschrieben. Schreiben ist ja schönerweise auch immer Selbsttherapie.

Was hast du versucht, um einen Verlag zu finden?

Erst habe ich zwei große Verlage angeschrieben, deren Verlagsprogramm passend schien. Ergebnis: Standardabsage. Dann habe ich mich an Literaturagenturen gewandt, um vielleicht so an einen Verlag vermittelt zu werden. Bei der Ersten kam ein sehr positives Feedback, was mich zu einem Schleifen der Story bewog, aber im Endeffekt dann doch in eine Absage mündete. Auch die anderen kontaktierten Agenturen lehnten eine Vermittlung ab. Niemand sah Vermarktungspotential, wie es etwas schnörkeliger in den Erklärungen hieß und auf das es im Buchhandel nun einmal ankommt, schließlich sollen Blätter, die die Welt deuten, auch Mäuler stopfen und Mieten generieren. Im Netz hatte ich zwischenzeitlich schon die von Droemer Knaur und Rowohlt betriebene E-Book-Publikationsplattform „neobooks“ entdeckt, via der die Verlage auch scouten, und beschlossen, dann wenigstens da das Manuskript online zu stellen – schließlich braucht ein Buch Leser und ein Autor Feedback. Im Dezember 2014 habe ich „Überschallflieger“ dort veröffentlicht und war dann im Januar unter den Gescouteten von Rowohlt. Da gerade der Verlag mich bereits auf dem klassischen Postwege abgelehnt hatte, fand ich das sehr lustig. Der Roman passte dann zwar immer noch nicht ins Verlagsprogramm, aber ich bekam ein persönliches Feedback einer Lektorin, das sehr hilfreich war und an das ich auf anderem Wege nie gekommen wäre. Via „neobooks“ habe ich auch „epubli“ entdeckt, da die Firmen miteinander kooperieren.

Wann hast du die Entscheidung getroffen, deinen Roman bei „epubli“ herauszubringen?

Als ich das Angebot von „epubli“ sah, war sofort klar: Also, Selfpublishing. Ich hatte das für diesen Roman Mögliche in Sachen Veröffentlichung ja bereits probiert. Darum habe ich nicht lange gefackelt, schließlich hatte ich nichts zu verlieren. Da die Zielgruppe des Romans Leute um die 30 sind und ich zumindest in meinem Freundes- und Bekanntenkreis so gut wie keine E-Book-LeserInnen habe, benötigte ich also irgendwie eine gedruckte Version, um Leser zu gewinnen und Feedback zu erhalten. Mich für „epubli“ zu entscheiden, bedeutete ja in erster Linie auf unkomplizierte Weise an einen qualitativ hochwertige Druckversion meines Manuskripts inklusive ISBN zu kommen – es damit aus der Schublade herauszubringen und in den Buchhandel bzw. vom Desktop in Hände und Bücherregale – und sei es erst mal nur in bekannte. Weil für die Schublade schreiben, halte ich für schwachsinnig, wenn man mit seiner literarischen Arbeit vorankommen möchte.

Wie genau funktioniert „epubli“?

Erstmal muss ich dieses Verlagsunternehmen wirklich loben, (ich werde nicht dafür bezahlt oder so): Die Produktqualität ist top, das Preis-Leistungsverhältnis stimmt, das Angebot ist generell einwandfrei. Dort Publizieren funktioniert folgendermaßen: Account einrichten, Manuskript plus Cover hochladen, für knappe 15 Euro (14,95 EUR) eine ISBN beziehen – fertig. Das Buch ist dann jederzeit druckbereit und damit auf Bestellung druckfrisch im Buchhandel erhältlich. Den Verkaufspreis kann man selbst festlegen, sprich: Druckkosten plus kleine Summe für den Verlag plus gewünschtes Autorenhonorar.

Auf die Frage nach Selfpublishing wurde beim Interview „Vor dem Debüt“ (Interview wurde vor einigen Monaten auf diesem Blog veröffentlicht) folgendes gesagt:

Wäre für dich Eigenverlag oder Selfpublishing eine Option?
Nö. Es gibt wahrscheinlich zwei Möglichkeiten: Entweder du ruinierst deinen Ruf, weil es als dilettantisch gilt, oder es kann sein, wenn man die ganz große Nummer startet und viel verkauft, dass man darüber an einen Verlag kommt. Ich glaube das bei meinen Sachen nicht. Ich glaube nicht, dass das da viele Leute kaufen würden. Und ich will meine Sachen auch nicht in irgendein Internetforum stellen, wo das dann irgendwelche Freaks lesen und blöde Kommentare dazu abgeben. Ich halte auch nichts davon, bei „Books on Demand“ ein Buch rauszubringen, nur um dann ein Buch zu haben. Dann kann ich auch sagen: Ich kopiere das im Copyshop und gebe das meinen zehn Freunden, die das lesen wollen. Man muss auch irgendwann dazu stehen: Ich will, dass mein Buch im Buchladen steht, dass es ernsthaft literarisch wahrgenommen wird, mit Arbeit, mit Lektor, mit Rezensionen. Ich möchte eine gewisse professionelle Anerkennung haben.

Kannst du diese Haltung verstehen?

Vor zehn Jahren war das vermutlich noch eine verbreitete Haltung. Ich finde sie antiquiert und arrogant. Steht der Name eines Verlags auf dem Buchcover, stellt das zwar meist ein Qualitätsmerkmal dar, aber nicht zwingend. „Richtige“ Verlage verlegen, meiner Erfahrung nach, auch viel Schund. Wer über Schund oder nicht Schund entscheidet, sind letztlich sowieso die Leser. Und die gilt es als Autor zu erreichen. Eigenverlag bzw. Selfpublishing sind da wunderbare Möglichkeiten – das hat ja nix mit Manuskript kopieren im Copyshop zu tun, sondern bedeutet 1. Qualitativ hochwertiges Produkt und 2. ISBN und damit: Das Buch ist im Buchhandel! – Und das muss ein Buch doch sein, sonst bleibt es Manuskript.
Ich verstehe nicht, wie man als Debütautor einen Ruf ruinieren soll, den man noch gar nicht hat, weil man bisher von niemandem gelesen wurde. Wenn man als Autor davor Angst hat, sollte man sich vielleicht überlegen, ob man tatsächlich für die Öffentlichkeit schreibt. Ich glaube auch nicht an einen notwendigen Weg über erlesene Kreise, die einem Buch den Segen erteilen. Ich schreibe aber auch nicht der professionellen Anerkennung zuliebe. Das Allerwichtigste für mich als Autorin ist, gelesen zu werden und Reaktionen auf mein Buch zu erhalten. Dafür gilt es die Voraussetzungen zu schaffen und erst dann kann mein Buch doch wahrgenommen werden. Warum da nicht selbst die Initiative ergreifen, bevor in der Schublade die Seiten vergilben? Wenn man meint, dass sich drinnen, im Internet, nur Idioten tummeln, die den eigenen literarischen Würfen intellektuell nicht gewachsen sind, dann ist man offensichtlich vorurteilsbeladen und nicht besonders kritikfähig. Ich habe bei der Veröffentlichung von „Überschallflieger“ im Netz tolle Literaturforen und Buch-Blogs entdeckt, zum Beispiel „Lovelybooks“, wo man Leserunden starten und so Rezensionen bekommen kann. Mit „Überschallflieger“ habe ich die Erfahrung gemacht, dass befreundete, bekannte und unbekannte LeserInnen – ob via Internet oder live und in Farbe – in ihren Hauptkritikpunkten und bei ihrem Lob insgesamt überraschend übereinstimmten – ob sie der Zielgruppe entsprachen oder nicht. Lesern ist also einiges zuzutrauen, auch ohne Doktortitel und literarturwissenschaftliche Orden, und das Sinnloseste, was man tun kann, ist sein Buch, aus welchen Gründen auch immer, vorzuenthalten. Wenn ein Buch tatsächlich das Zeug hat „ernsthaft literarisch wahrgenommen“ zu werden, dann wird es so kommen. Eigenverlag und Selfpublishing stehen dem, meiner Meinung nach, nicht im Wege – im Gegenteil.

Hast du das Gefühl, dass „Überschallflieger“ dein Romandebüt ist?

Ja. Es ist mein erstes Roman-Projekt, mit dem ich mich an die Öffentlichkeit gewagt habe – und damit mein Debüt.

Was erhoffst du dir von der Veröffentlichung über „epubli“?

Ich erhoffe mir da nichts Besonderes. Es ist einfach eine Möglichkeit der Publikation und des Vertriebs. Auch eine Chance, Erfahrungen zu sammeln und dabei die Zügel selbst in Händen zu halten. Dank „epubli“ ist mein Buch im Buchhandel. Und zwar in hübscher Optik zu einem absolut erschwinglichen Preis. Ich kann es bewerben, verkaufen, bestellen, an Rezensenten senden. Ohne „epubli“ wäre das nicht möglich. Punkt.

Haben sich bereits Hoffnungen erfüllt?

In Bezug auf „Überschallflieger“ ist schon wesentlich mehr geschehen als ich mir erhofft hatte. Ich habe ein Lektoratsgutachten bekommen. Der Roman wurde im Frühjahr für den Indie-Autor-Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ich habe viel mehr Exemplare verkauft als jemals erwartet. Und wertvolles Feedback bekommen, von Bekannten und Unbekannten. Auch die Welt der Buch-Blogs hat sich geöffnet. Fremde Leser haben den Roman rezensiert. Wunderbar! Ausnahmslos Ereignisse, mit denen ich nicht gerechnet habe und die weit über meine Erwartungen und Hoffnungen hinausgegangen sind.

Welche Rückmeldungen hast du bislang bekommen?

Insgesamt habe ich sehr positive Rückmeldungen erhalten. Größter Kritikpunkt war: Wortspiele gehören nicht in Romane. Größtes Lob war: Leserinnen haben sich in der Protagonistin wiedergefunden. Der Story wurde ein Unterhaltungswert bescheinigt, ein literarischer Anspruch, mir als Autorin sprachliches Vermögen. Unter dem Strich: Die Rückmeldungen waren ermutigend. Zumal niemand gesagt hat: Hilfe, von DER Autorin lese ich garantiert nichts mehr. Obwohl: Möglicherweise hat das auch jemand gedacht, aber nicht geäußert.

Zweifelst du manchmal an deinem Können, weil du bislang keinen Verlag gefunden hast?

Nicht wirklich. Ich weiß, dass ich mich allmählich erst warm schreibe. Wäre ein Manuskript, das ich für DAS Werk meines Lebens halten würde, mehrfach bei Verlagen und Literaturagenturen abgelehnt worden, sähe die Sache vermutlich anders aus. Natürlich zweifele ich auch so immer wieder an meinen Texten. Darum wäre es natürlich langfristig gesehen auch beruhigend, einen „richtigen“ Verlag zu finden, weil das damit verbundene Qualitätssiegel sicherlich Zweifel nimmt. Insgesamt vertraue ich aber meinem Gespür für Sprache und meiner Liebe zum Geschichtenerzählen.

Warum schreibst du – und für wen?

Bei „Überschallflieger“ habe ich hauptsächlich für mich geschrieben, eigentlich mehr, um mich freizuschreiben. Darum ist es eine Art innerer Monolog geworden. Es ist ein Versuch, eine Suche nach einem humoristischen Ton, der sich für einen Roman eignet, ohne Comedy zu sein.
Vici_BlogbildIch schreibe, weil es ein Grundbedürfnis ist. Ohne das Schreiben kann ich mir das Leben nicht vorstellen. Es wäre schön, irgendwann mal etwas zu Papier zu bringen, das Bestand hat und die Kraft zu berühren, zu bewegen. Kein Wunsch, der aus einer egoistischen Mausoleumssehnsucht entspringt, wobei die natürlich auch mit ein paar Prozent reinspielt, sondern vor allem aus einem persönlichen Anspruch bei der lebenslangen Entdeckungsreise durch die Sprache.
Beim Schreiben habe ich keine konkrete Zielgruppe im Blick wie Krimileser, Fantasy-Fans, Teenager etc. Natürlich von buchgeschäftlicher Warte aus ein Riesenproblem. Ich bediene das nicht so greifbare Genre der Gegenwartsliteratur, schreibe für differenzierte etwa gleichaltrige LeserInnen, die hoffentlich etwas von sich in den geschilderten Konflikten wiederfinden. „Überschallflieger“ ist in erster Linie ein Frauenbuch, allerdings kein typischer Frauenroman, der lediglich eine gewisse Erwartungshaltung befriedigen soll und einem gewissen Unterhaltungsanspruch gerecht zu werden versucht. Obwohl mir das Unterhalten sehr wichtig ist, denn das gehört für mich bei einer guten Geschichte dazu.

Wenn du dir irgendwas wünschen könntest, was du beim Leser mit deinen Texten auslöst, was wäre das?

Berühren, betroffen machen, fröhlich, traurig, nachdenklich. Die Leserin / den Leser emotional erreichen. Anregen, bewegen, ermutigen. Geschichten und Figuren zur Selbstreflexion bieten, jenseits von absehbaren Mainstream-Klischees, Kitsch, Happy Ends. Aber auch abseits von gestelzter Intellektualität.

Schreibst du bereits an deinem zweiten Roman?

Ja. Ich schreibe momentan an meinem zweiten Roman und an meiner ersten Novelle. Der Roman schließt stilistisch ein wenig an „Überschallflieger“ an. Er handelt von zwei jungen Künstlern, einem Schauspieler und einem Maler, die sich eine WG in Berlin teilen und natürlich auf der Suche nach sich selbst sind. Bei dieser Suche kommen ihnen sozusagen mehrere Frauen zu Hilfe – und ihre Großelterngeneration mit tragikomischen Lebenserfahrungen aus Weltkriegszeiten.
Die Novelle ist ein experimentelleres, lyrischeres Projekt. Eine beruflich erfolgreiche Akademikerin Ende 30 hat den Glauben an die Menschheit verloren. Darum ist sie ans Meer gefahren, an einen Ort, der ihr in einem längst vergangen Sommer die Welt bedeutet hat. Sie nimmt eine intensive Kommunikation mit diesem Ort auf. Und begegnet einem Einheimischen, der auf geheimnisvolle Weise mit den Wellen verwachsen scheint. Der Schein ist bekanntlich von trügerischem Charakter.

Was wünschst du dir für deine schriftstellerische Zukunft?

Zeit, Muße, Leser, Rezensionen, Kritiken, Lesungen. Auch mal eine Veröffentlichung in einem renommierten Verlag und die Zusammenarbeit mit professionellen Lektoren – weil es nicht einfach ist, vom ersten Satz bis hin zum finalen Entwurf des Buchcovers alles allein zu machen, von Lesungsorganisation ganz zu schweigen. Ein Traum wäre natürlich, so utopisch es auch sein mag, irgendwann hauptsächlich vom literarischen Schreiben leben zu können.

Vielen Dank für das Interview!

[Victoria Hohmann – Überschallflieger

324 Seiten, 2014, TB, 9,99 €]

Lesens- und Sehenswertes:

Buchtrailer

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