[Rezension] Verena Friederike Hasel – Lasse

Mutter werden ist nicht schwer, Mutter seinVerena Friederike Hasel - Lasse dagegen sehr?
Es ist das größte Wunder der Natur; neun Monate kämpfen sich schwangere Frauen durch kraftzehrende körperliche Veränderungen und erdulden all das für diesen einen Moment. Die Mutter sieht ihr Kind das erste Mal und wird von bedingungsloser Liebe, Glück und Bindungsgefühlen übermannt. Oder doch nicht? Verena Friederike Hasel nimmt sich in ihrem Debütroman Lasse einem gesellschaftlichen Tabuthema an. Eindringlich erzählt sie vom Schrecken fehlender Mutterliebe und der Verzweiflung des Alleinseins unter Vorzeigefamilien. Hätte die Autorin ihrer Figur auch abseits dieser Thematik ein wenig mehr Komplexität zugetraut, wäre dies ein großartiger Roman geworden.

Nicht viele Autoren beweisen den Mut, sich in ihrem Debütroman einem gesellschaftlichen Tabuthema anzunehmen. Die, die sich dann doch daran abarbeiten, scheitern oftmals kläglich daran, dem Verdrängten eine Stimme zu geben. Dass es auch anders geht, beweist Hasel mit ihrem Roman Lasse.
Die Studentin Nina ist schwanger. Während sie sich die Zukunft mit ihrem Kind und Lennart, dem Vater des Kindes, in den schönsten Farben ausmalt, trauert letzterer seiner Exfreundin hinterher und will Nina zur Abtreibung überreden. Im letzten Moment entscheidet sie sich, das Kind zu behalten und ist von da an auf sich gestellt. Ihre Gedanken fokussieren sich nun auf das Kind und die Schwangerschaft, die sie in kitschigem Pathos überhöht:

„[…] alle sind mir egal, denn da unterm Herzen, so sonst diese Leere aufklaffte, dieses Sehnen, bin ich nun bewohnt. Bin nie mehr allein, in keiner Nacht, und genieße die Müdigkeit und die innere Schwere, genieße es, dass meine Füße anschwellen und ich Gewicht vor dem Körper habe […].“

Voller Vorfreude bewegt sie sich zwischen Pränatalyoga, Erste-Hilfe-Kursen für das Kind sowie den Einkäufen im Ökokaufhaus durch die Schwangerschaft. Was Hasel hier durch die Naivität ihrer Protagonistin beschreibt, könnte aktueller nicht sein. Eine Schwangerschaft ist heutzutage längst keine einfache Schwangerschaft mehr. Der Zustand des Schwangerseins wird förmlich zelebriert und in dem Bemühen, nur das Beste für das eigene Kind zu wollen, jagen die Mütter von Termin zu Termin, um ihr Kind bereits im Mutterbauch zu fördern. Sie haben es heute auch denkbar einfach, denn Angebote gibt es dank übermotivierter und miteinander konkurrierender Mütter genug. Hasel zeigt die Konsequenzen, die diese Entwicklung auf manch eine Mutter haben kann. Nina ist alleinerziehend, kann sich die Kurse kaum leisten. In dem Versuch, nicht als Rabenmutter unter Vorzeigefamilien angesehen zu werden, gibt sie ihr letztes Geld für einen Kurs aus, in der Hoffnung, dort Anschluss an die anderen Mütter zu finden. Richtig gelingen will ihr das jedoch nicht. Während die anderen von ihren vorbildlichen Männern erzählen, rutscht Nina die Wahrheit heraus und kann sich auch mit einer Notlüge nicht mehr behelfen.

„Ich versichere ihnen, dass inzwischen alles anders und Lennart ein begeisterter Vater geworden ist, aber auch das hilft nichts, an einem Tisch mit dem Unglück will keiner sitzen.“

Hasel treibt den Druck, der auf ihrer Protagonistin lastet, stetig voran, wodurch der Roman an Dynamik gewinnt. Doch erst mit der Geburt des Kindes beginnt zugleich auch die zerstörerische Kraft des übermächtigen Drucks und erst dort setzt die Bewegung der Geschichte ein. Hasel holt ihre Protagonistin inhaltlich und sprachlich aus ihrer gedanklichen Traumwelt und wirft sie in die Realität zurück. Die Autorin, selbst Mutter dreier Kinder, weiß genau, wovon sie hier schreibt. Die authentischen Schilderungen der Abläufe und körperlichen Reaktionen der Protagonistin lassen den Roman erstmals richtig aufleben. Hier wird nichts beschönigt oder in Pastelltönen ausgemalt, hier wird geblutet, gekotzt und um Schmerzmittel gebettelt. Den Wendepunkt des Romans markiert Hasel, indem sie ihrer Protagonistin die schönen Assoziationen nimmt.

„[…] ich drücke so fest, wie ich auf der Toilette noch nie gedrückt habe, und als der Druck nachlässt, sehe ich, dass ich nicht Kot, sondern mein Kind ausgeschieden habe.“

Mit einer Eindringlichkeit, an dem es dem Roman bisher mangelte, können wir nun verfolgen, wie Nina über ihre eigene Gefühlslosigkeit ihrem Kind gegenüber stolpert und befinden uns bei einem weiteren zentralen Thema des Romans. Mutterliebe ist nicht so beständig, wie man es ihr gerne andichtet, viele Frauen empfinden in der ersten Zeit nach der Geburt wenig oder gar keine Gefühle für ihr Kind. Darüber zu sprechen fällt vielen Betroffenen schwer, zu groß ist die Angst, dass man als Rabenmutter abgestempelt wird. Hasel spielt in verschiedensten Situationen mit dieser Angst und dem Druck, dem eigenen Kind entgegen der eigenen Gefühle gerecht zu werden. Authentisch und überzeugend lässt sie ihre Protagonistin angesichts ihrer fehlenden Mutterliebe schier wahnsinnig werden. So glaubt Nina anfangs sogar, dass es eine Verwechslung im Krankenhaus gegeben habe, will das Kind zurücktauschen.

„Es kann ja nichts dafür, dass es nicht sonderlich süß ist, wahrscheinlich fühlt es sich mit mir genauso fremd wie ich mit ihm […]“

Sprachlich arbeitet Hasel diese Fremdheit mit einfachen, aber effektiven Änderungen aus. Statt Lasse, heißt es plötzlich nur noch „das Kind“, später bei der Namensvergabe nennt sie es gar „Felix“, weil es doch nicht ihr Lasse sein kann. Immer wieder versucht sie für ihren Sohn da zu sein, scheitert aber permanent an dem Druck der Außenwelt und ihren eigenen Erwartungen. Als sie ihn beim Stillen anlegen soll, denkt sie an Gewehre und als Lennart sich, in einem kurzen Zeitraum des Interesses, besorgt zeigt, als Felix scheinbar krank ist, versucht Nina alles, um ihren Sohn tatsächlich kränkeln zu lassen. Hoffnungslos überfordert sucht sie Anschluss, bemerkt aber angesichts des Scheins, den die Mütter in ihrem Umfeld wahren, nicht, dass auch sie teilweise überfordert sind. Allein unter Vorzeigemüttern steigt die Frustration über die eigene Unzulänglichkeit. Als der letzte Versuch, Normalität mit ihrem Sohn herzustellen, scheitert, nimmt sie Abstand von ihm, mit folgenschweren Konsequenzen.
Hasel schildert den Druck des Festhaltens an einer Idealvostellung derart drastisch, dass es einem beim Lesen den Hals zuschnürt. Die Protagonistin dreht sich in einer Mischung aus Ablehnung, Erschütterung und versuchter Normalität und Rückversicherung im Kreis, schafft es nicht, sich Hilfe zu holen und verliert zunehmend den Halt in der Realität.
Die Figur ist in ihrer Zerrissenheit komplex angelegt und kann auch überzeugen, leider kann man beim Lesen aber das Gefühl bekommen, dass sich der Roman und somit auch die Figur in zwei Teile spaltet, die qualitativ unterschiedlicher kaum sein könnten. Während Nina nach der Geburt in ihrer Verwirrung und Verzweiflung sehr lebendig erscheint, ist sie vor der Geburt ein Abziehbild, das sich an Klischees festhält. Sie lebt mit Freunden in einem etwas heruntergekommenen Haus, das luxussaniert werden soll. Während sie früher gegen jedwedes Spießertum waren, entwickeln sich die anderen nun weiter, während Nina stagniert. Seit ihrer Kindheit sehnt sie sich nach Sicherheit und Zugehörigkeit und die findet sie vorerst bei Lennart. Und hier beginnt das klischeeverminte Gebiet, durch das uns die Autorin lenkt, denn Lennart ist Arzt, in seiner Wohnung ist alles klinisch weiß und für Nina klingen Ärzte

„so beruhigend nach Menschen, die immer da sind und nie nachlassen in ihrer Aufmerksamkeit“.

Hasel ist sich des Minenfelds sicherlich bewusst, versucht vielleicht auch deshalb die Arztposition Lennarts durch eine Situation zu legitimieren, in der statt Lebensretter doch eher Todesengel ist. Er versucht Nina von einer Abtreibung zu überzeugen. Der ganzen Szenerie fehlt es aber an Lebendigkeit, Lennarts plötzliche Zweifel an dem Vorhaben haben etwas von einem schlecht geschauspielerten Daily-Soap-Drehbuch.
Auch Nina könnte zu Beginn des Romans diesem Drehbuch entsprungen sein. Sie versucht ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit mit Sex zu stillen, auch bei Lennart spult sie diese kalte Routine ab. Wie eine Maschine befriedigt sie ihn mit den Worten: „Du willst es doch besorgt bekommen“, um kurz darauf winselnd zu flüstern: „Das war so schön vorhin […] das machen wir ganz bald wieder, ja?“ Der naive und verzweifelte Ton, den Hasel ihrer Protagonistin in den Mund legt, ist nicht nur nervig, sondern auch viel zu stark akzentuiert, als das man ihn Nina abnehmen könnte. Der Eindruck verstärkt sich vor allem im direkten Vergleich mit dem zweiten Teil, wo dieser Ton nicht mehr zu finden ist. Man will als Leser nicht glauben, dass diese beiden Teile wirklich zusammengehören. Hätte die Autorin ihrer Protagonistin von Anfang an die Komplexität zugetraut, die sie ihr als hoffnungslos überforderte Mutter zugesteht, wäre der Roman ein bemerkenswertes Debüt geworden.

Verena Friederike Hasel geht in ihrem Roman Lasse bis zum Äußersten und findet eindringliche Worte für etwas, über das man in unserer Gesellschaft ungern spricht. In der Zerrissenheit ihrer Protagonistin findet sich das authentische Bild einer hoffnungslos überforderten Mutter, die an den Idealvorstellungen unserer Gesellschaft scheitert. Leider gelingt der Autorin die Ausweitung der Komplexität ihrer Figur auf den gesamten Umfang des Romans nicht und hinterlässt einen etwas hastigen und unfertigen Eindruck.

[Verena Friederike Hasel – Lasse

Ullstein

208 Seiten, 2015, gebunden, 18,00 €]

Lesens- und Sehenswertes:

Auftakt:

Das erste Mal begegne ich Lennart im Krankenhaus.


© Doris Spiekermann-Klaas

© Doris Spiekermann-Klaas

 Verena Friederike Hasel wurde 1978 in Berlin geboren. Sie studierte Psychologie an der FU Berlin und Drehbuch an der Berliner Filmhochschule. Derzeit arbeitet sie als Journalistin und Autorin für den Tagesspiegel und Die Zeit. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter. Lasse ist ihr Debütroman.

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