[Literaturpreis] Petra Hofmann – Nie mehr Frühling

Am 18.9.2015 wird der Franz-Tumler-Preis für den besten deutschsprachigen Debütroman in Laas verliehen. Wie wir bereits ankündigten, verfolgen wir die Verleihung und darüber hinaus hat jede von uns einen der nominierten Romane gelesen. Wir werden nun in einer kleinen Reihe jeweils die Autorinnen in einem Interview und Statements zu ihren Romanen vorstellen.

Wir setzen die Reihe fort mit Petra Hofmann und ihrem Debütroman „Nie mehr Frühling“

Der Roman beginnt mit dem Ende: Hermine liegt tot auf dem Küchenboden. Ihr Sohn hofmann_frühlingblickt in eine Fratze, blickt auf dunkelgelbe Zähne im aufgerissenen Mund und graue Fusseln auf dem Schädel.
So wird das Leben der Protagonistin enden, aber begonnen hat es anders: Hermine ist wunderschön und sie liebt Karl. Sie heiratet, bringt zwei Kinder zur Welt. Doch Karl muss in den Krieg ziehen und kommt nicht zurück. Hermine wartet auf ihn, jahrzehntelang. Sie vernachlässigt ihre Kinder, beschimpft die Dorfbewohner, schläft auf Stroh.
Es sind die unterschiedlichen Stimmen der Dorfbewohner und Familienmitglieder, die in kurzen Episoden von Hermines Leben erzählen und gleichzeitig Einblick in ihre eigenen Erfahrungswelten geben. Immer wieder geht es in diesen Geschichten um Verluste und wie man mit ihnen umgehen kann.
Manch ein Debütroman neigt zu einer „hyperpersonalisierten“ Prosa. Davon ist Petra Hofmanns Roman weit entfernt. Die Hauptfigur wird nur von außen betrachtet und beobachtet. Sie bleibt immer auf Distanz, darf einem bis zu einem gewissen Grad fremd bleiben, und man ist nie gezwungen, sie vollkommen in ihrer Haltung verstehen zu müssen. Gerade dadurch bekommt Hermine als beharrlich Wartende und Liebende – trotz grauer Fusseln und gelber Zähne – Züge einer antiken Dramenfigur mit all ihrer Kraft, Wucht und Kompromisslosigkeit. Die dörflichen Stimmen bilden einen Chor, der nicht nur über die tragische Heldin, sondern auch über sich selbst erzählen darf. Die Wahl für diese Perspektive(n) ist eine der großen Stärken dieses Romans.

Sprache und Stil spiegeln den dörflichen Charakter. Schlicht, direkt, ohne abstrakte Bilder oder abgehobene Metaphern. Ein Satz bildet bei Hofmann ein dichtes Netz aus direkter Rede, Gedanken und Beschreibungen. Alles gehört zusammen, ist miteinander verbunden, und so findet das „dörfliche Gewebe“ seinen passenden Ausdruck in der Satzstruktur.

Die Handlung des Romans beginnt in den Dreißigerjahren und erstreckt sich über ungefähr fünfundsechzig Jahre. Mit der Beschreibung von Dorfbewohnern im historischen Wandel ist die Handlungsebene sicherlich nicht innovativ, frisch oder neu. Der Blick auf das traditionelle Dorfleben wirkt in manchen Momenten verklärend: auch wenn die Dorfmenschen Schwächen und Fehler haben und mitunter schlimme Dinge tun, es bleibt doch ein gemeinsamer Heimatbegriff als ein Ort, an dem man jeden nimmt, wie er ist.

Aber vielleicht ist auch was Wahres dran an diesem dörflichen Idealmodell:
Die irre Alte, die in der Großstadt nur als irre Alte durch die Straßen ziehen würde, behält im Dorf ihren Namen und ihre Biographie.
Zudem schafft die Autorin mit der wartenden Liebenden ein universelles Bild, das an keine Zeit gebunden ist. Auch das große Thema aller Dorfbewohner, der Verlust und wie man mit ihm umgehen kann, sprengt jegliche historisierende Form.

Petra Hofmann, die 1959 in Süddeutschland geboren wurde und in der Schweiz als freie Regisseurin und Lektorin von wissenschaftlichen Texten arbeitet, hat für ihren Roman bislang noch wenig öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. In Deutschland hat bislang nur Christine Westermann in einem Beitrag auf WDR2 über den Roman berichtet. Aber immerhin beschert diese Aufmerksamkeit meist einen Platz auf Büchertischen in diversen Buchhandlungen.

Sollte dieser Roman nicht den Franz-Tumler-Literaturpreis gewinnen, so sollte er in jedem Fall einen Preis für sein in allen Zeiten relevantes Motto bekommen: „Ein Leben ist ein Leben, und es gilt. Das ist alles.“


Interview mit Petra Hofmann

August 2015

Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet?
Sieben Jahre, mit längeren Pausen dazwischen.

© Anja Gschwind

© Anja Gschwind

Wie schwer gestaltete sich die Verlagssuche?
Die Verlagssuche war lang und intensiv; es kamen ganz unterschiedliche Rückmeldungen: gar keine oder formale Absagen, aber manche bezogen sich auch auf den Text, und es gab Verlage, die interessiert waren, aber zögerten, bis dann Frau Giller vom Picus Verlag fand, dass das Manuskript unbedingt gedruckt werden muss.

Was war es für ein Gefühl, dein fertiges Buch in Händen zu halten?
Das Belegexemplar kam kurz vor Weihnachten.

Gibt es Autoren oder Bücher, die dich und dein Schreiben beeinflusst haben?
Ja, sicher. Ich habe immer wieder Anregungen bekommen aus anderen Büchern, erzähltechnische, inhaltliche, auch sprachliche. Ich mag vor allem Texte, die in einer klaren poetischen Sprache sagen, was sie sagen wollen. Dass „deutsch und deutlich“ formuliert wird, ist mir gerade nach 1945 ein Bedürfnis. (Zu den Autoren und Büchern siehe unten!)

Ist ein weiteres Buch geplant?
Sowieso!

Welche Bedeutung hat der Franz-Tumler-Literaturpreis für dich?
Zunächst war ich sehr erfreut über die Nominierung; es ist eine Anerkennung für das Buch und ich bin Manfred Papst ausgesprochen dankbar dafür. Ich finde es wunderbar, dass in Südtirol ein Literaturpreis ausgeschrieben wird und mir gefällt besonders die Besetzung der Jury. Allerdings hatte ich mich vorher nicht mit Franz Tumler befasst, was in der Folge der Nominierung aber notwendig wurde. Dass der Preis Leben und Werk eines Autors würdigt, der während der NS-Zeit zu den bedeutendsten Autoren des Regimes zählte und sich nachher persönlich nicht deutlich davon distanziert hat, aber doch als rehabilitiert gilt durch sein Werk nach 1945, hat mich verunsichert und mir schnell klar gemacht, dass ich mich damit auseinandersetzen, einen Standpunkt beziehen, eine Haltung einnehmen muss.
Ich schätze diesbezüglich den Hinweis auf Franz Tumler und diese Problematik in der Ausschreibung des Preises und die Veranstaltung selbst, die im März 2014 in Laas mit Vorträgen und offener Diskussion durchgeführt wurde, und ich vertraue darauf, dass diese kritische Auseinandersetzung wie angekündigt weitergeführt wird.

Was hast du gedacht, als du von deiner Nominierung erfahren hast?
Ich war überrascht und erfreut, konkret etwas gedacht habe ich da nicht. Ich hatte gerade erfahren, dass nach wenigen Wochen bereits eine zweite Auflage von „Nie mehr Frühling“ gedruckt worden war – und als dann auch noch die Nachricht von der Nominierung kam, konnte ich es erstmal gar nicht richtig glauben.

Steigert das Lesen der anderen nominierten Romane die Nervosität?
Nein, gar nicht. Ich bin froh über die Qualität der anderen Texte. Besonders einer überzeugt mich sehr. Aber ich verrate natürlich nicht, welchen ich meine.


Vorstellung in Büchern

Nenne ein wichtiges Buch…

… aus deiner Kindheit

In meiner Kindheit habe ich keine Bücher gelesen, nur einmal einen Drei-Groschen-Roman, den ich bei meiner Grossmutter auf dem Nachttisch entdeckt hatte. Schon diese Lektüre hat mich beeindruckt und fasziniert, sie hat mir eine leise Ahnung gegeben, ein untergründiges Flimmern von etwas, das ich damals wohl kaum einordnen konnte.

… aus deiner Jugend41dHNmTDGXL._SX312_BO1,204,203,200_

In der Schule haben wir dann irgendwann „Ansichten eines Clowns“ von Heinrich Böll gelesen und da ist mir eine neue Welt aufgegangen, in der ich mich zuhause gefühlt und die ich von da an nie mehr verlassen habe. Ich habe später auch über Heinrich Böll meine Magisterarbeit geschrieben und mich während meines Studiums vor allem mit den deutschen Nachkriegsautoren (wie Christa Wolf, Ingeborg Bachmann („Wir müssen wahre Sätze schreiben.“)) befasst.

… aus deiner aktuellen Lebensphase

Derzeit lese ich gerne auch nordische Autoren. Ich mag ihre Sprache und die Bodenständigkeit.

… das du dir für die Gegenwartsliteratur wünschen würdest, das aber noch nicht geschrieben wurde.

Grundsätzlich wünsche ich mir vermehrt Bücher, die etwas Eigentliches zu sagen haben und zwar mit einer gewissen Dringlichkeit. Die Texte sollten einen deutlich spürbaren glühenden Kern haben, der den Leser und die Leserin erreicht. Es wäre mir lieber, es müsste mich beim Gang durch die entsprechenden Buchläden nicht immer wieder schaudern. Für mein Empfinden gibt es zu viele Bücher, die nicht nötig sind. Obwohl, wenn ich dann wieder an meine erste Lektüre denke –

[Petra Hofmann – Nie mehr Frühling

Picus Verlag

232 Seiten, 2015, gebunden, 19,90 €]

Ein Gedanke zu “[Literaturpreis] Petra Hofmann – Nie mehr Frühling

  1. Pingback: Petra Hofmann: Nie mehr Frühling (2015) – buchpost

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