[Literaturpreis] Kristine Bilkau – Die Glücklichen

Am 18.9.2015 wird der Franz-Tumler-Preis für den besten deutschsprachigen Debütroman in Laas verliehen. Wie wir bereits ankündigten, verfolgen wir die Verleihung und darüber hinaus hat jede von uns einen der nominierten Romane gelesen. Wir werden nun in einer kleinen Reihe jeweils die Autorinnen in einem Interview und Statements zu ihren Romanen vorstellen.

Wir beenden unsere Reihe mit Kristine Bilkaus „Die Glücklichen“

042_87453_153599_xxlDie Glücklichen, so heißt DER Roman, auf den scheinbar alle so sehnsüchtig gewartet haben, da er thematisch gegenwärtiger kaum sein könnte. Kristine Bilkau wendet sich in ihrem Debütroman dem Alltag der Generation 30+ zu und findet dort einen klaffenden Abgrund zwischen Selbstverwirklichung und den Anforderungen der modernen Gesellschaft. Die Autorin erzählt von der tiefen Verunsicherung einer jungen Kleinfamilie, die an ebendiesem Abgrund steht und nicht weiß, wie er am besten zu überbrücken ist. In einer Welt, in der das persönliche Scheitern zur größten Sünde wird, verlieren die Protagonisten Georg und Isabell mehr und mehr den Blick für das eigene Glück.
Aus wechselnder personaler Erzählperspektive verfolgen wir den Alltag dieser typisch deutschen Familie aus dem Mittelstand. Sie ist Cellistin, hat aber nach der Geburt ihres Sohnes bei der Arbeit mit zitternden Händen zu kämpfen. Er hingegen sorgt sich um seinen Job bei der Zeitung, erträumt sich aber in seiner Unsicherheit ein Leben auf dem Land, fernab der Großstadthektik. Beide verschweigen ihre Sorgen konsequent voreinander, ihre Ängste und Unsicherheiten auszusprechen würde bedeuten, sich einzugestehen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Es kommt aber, wie es kommen muss: das Orchester, in dem sie arbeitet, wird durch digitale Aufnahmen ersetzt, er fällt dem Zeitungssterben zum Opfer. Das multiperspektivische Erzählen erlaubt es der Autorin, ihre Figuren in ihrer Entwicklung in verschiedene Richtungen laufen zu lassen, wodurch der Roman etwas an Dynamik gewinnt. Er versucht sich an die neue Situation anzupassen, sie hingegen hält sich krampfhaft an den Dingen fest, aus denen ihr bisheriges Leben bestand. Kristine Bilkau erschafft so eine Spannung zwischen den Figuren, die den Roman vorantreibt. Leider lässt sie ihre Figuren aber kaum aus diesem Muster ausbrechen, wodurch die Geschichte trotz aller Dynamik eine Gleichförmigkeit aufweist, die auf Dauer anstrengt. Das wird vor allem bei Isabell schnell nervig, wenn sie sich stellenweise wie das Abziehbild eines bockigen Kleinkinds gibt. Ihre depressive Verstimmung, weil sie sich den Hotelurlaub nicht mehr leisten können, wirkt etwas überdramatisiert. Insgesamt ist die Innenschau auf die Figuren sicherlich eine der Stärken des Romans, in großer Nähe und doch mit der nötigen Distanz erleben wir die gedanklichen Reaktionen und Reflexionen der Protagonisten auf die gesellschaftlichen Ansprüche.
Besonders auffällig ist auch die betont nüchtern und unprätentiös gehaltene Sprache, in der Kristine Bilkau die Ängste und Unsicherheiten ihrer Protagonisten ausformuliert. Es finden sich kaum ausgeprägte Sprachbilder oder Motive, wodurch der Roman noch stärker in der Realität verankert wird. Trotz eines hohen Realitätsanspruchs fehlt hier erfreulicherweise die übliche Angwohnheit junger Autoren alles hyperrealistisch bis ins kleinste Detail auszuformulieren. Die Autorin versteht sich vielmehr auf die passende Wortzahl und auch Wortwahl, um Realität ohne Längen abzubilden.
Die Autorin wirft einen soziologisch-kühlen Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen und Ansprüche, zeigt auf, wie wirtschaftliche Veränderungen Einfluss auf viele Bereiche des Privaten nehmen, sei es die Kindererziehung, die Wohnsituation, das Lebensgefühl, die Partnerschaft etc. Dieses Eindringen ins Private verwebt Bilkau vielgestaltig mit Georg und Isabell. So fühlt sich Georg in seinem eigenen Viertel bereits fremd, weil er durch seine Arbeitslosigkeit glaubt, nicht mehr dazuzugehören, Isabell kauft die Brötchen neuerdings in einer Manufaktur, die den alten Bäcker verdrängt hat und deren handgemachte Brötchen stellvertretend für die Gier nach Exklusivität und Bedeutung stehen. Der gesamte Roman ist durchzogen mit aktuellen gesellschaftlichen Bezügen dieser Art. Es sind diese berichtenden Momentaufnahmen, die „Die Glücklichen“ zu DEM Roman machen, auf den die Leser gewartet haben. Preisverdächtig ist er damit allemal, allerdings frage ich mich persönlich, was mir nach der Lektüre dieses Romans bleiben wird, der wie eine Bestandsaufnahme unserer Zeit daherkommt? Eine Antwort habe ich bisher nicht, aber noch stecke ich ja auch mittendrin in dieser Realität…

Von den für den Franz-Tumler-Literaturpreis nominierten Autorinnen ist Kristine Bilkau diejenige, deren Roman im Feuilleton am stärksten vertreten ist. Ob klassisches Printmedium, Radio oder Literaturblog, nahezu in jeder Sparte finden sich, teilweise sogar flächendeckend, Besprechungen des Romans „Die Glücklichen“, die voll des Lobes sind. Deutlich kritisch ist lediglich die Rezension von Hans-Peter Kunisch in der Süddeutschen Zeitung. Hymnischen Lobgesang findet man dagegen beispielsweise bei Paul Jandls Besprechung in der WELT oder bei Eberhard Falcke im SWR. Mitdiskutieren kann man zum Roman übrigens beim Blog Let’s talk about books.

Kristine Bilkau wurde 1974 geboren, ihre Vita weist die typischen Eckpunkte heutiger Autoren auf. So war sie 2008 Finalistin des Literaturwettbewerbs Open Mike in Berlin und 2009 Stipendiatin der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. 2013 nahm sie an der Bayerischen Akademie des Schreibens des Literaturhauses München teil.


Interview mit Kristine Bilkau

August 2015

Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet?

© Thorsten Kirves

© Thorsten Kirves

Innerhalb eines Zeitraums von etwa vier Jahren in mehreren Etappen.

Wie schwer gestaltete sich die Verlagssuche?

Ich habe 2012/2013 an einer Romanwerkstatt der bayerischen Akademie des Schreibens teilgenommen. Im Literaturhaus München gab es am Ende der Werkstatt eine Abschlusslesung, bei der meine Lektorin Susanne Krones im Publikum saß und auf den Text aufmerksam wurde.

Was war es für ein Gefühl, dein fertiges Buch in Händen zu halten?

Schön und doch unwirklich. Mir wurde auch etwas bange, weil ich begriff, dass nun die Arbeit im Verborgenen wirklich und unwiederbringlich abgeschlossen ist.

In deinem Roman fokussierst du ein überaus aktuelles Thema: die Probleme mittelständischer Kleinfamilien, die unverschuldet in die Arbeitslosigkeit geraten. Warum hast du dich für dieses Thema entschieden? Ist dein Roman Zeugnis unserer Zeit?

Ich erinnere mich an die Jahre 2002 und 2003, als sich mein Studium dem Ende neigte, die Dotcom-Blase im Jahr zuvor geplatzt war und viele Uniabsolventen mit ihren Bewerbungen nur freundlich mitleidig belächelt wurden und Standardabsagen sammelten, weil überall gespart wurde. Es entstand diese Mentalität, noch besser, schneller, flexibler sein zu müssen als man war. Dieser Druck, dem viele ausgesetzt sind, hat sich durch die Finanzkrise 2008 nochmal verstärkt und beeinflusst unmerklich alle Lebensbereiche, auch die Privaten – Partnerschaft, Kindererziehung, das Verhältnis zum Scheitern und Fehler machen. Daraus resultiert ein angestrengtes Streben danach, den Idealen von Optimierung und Effizienz – hässliche Wirtschaftssprache – als Mensch gerecht zu werden: Wie kann ich noch mehr aus meinem Leben, aus meiner Arbeitskraft, aus meinem Körper, meiner Zeit herausholen? Was passiert, wenn Lebenskonzepte unter solchen Prämissen ins Schlingern kommen, das habe ich mich gefragt.

Dein Stil ist durch klare Strukturen und realistische Schilderungen gekennzeichnet. Wie nah kann man der Realität beim Schreiben überhaupt kommen?

Schwierige Frage. Texte bilden nur einen winzigen Ausschnitt der komplexen Realität beziehungsweise der komplexen Wahrnehmung eines Menschen ab; Realität ist ja auch schon so ein diskussionswürdiger Begriff. Beim Schreiben komme ich meiner komplexen Wahrnehmung in Momenten sehr nah, das sind die schönen, erfüllende Momente der Arbeit. Was im Leser vorgeht, ist eine andere Frage, die ich nicht beantworten kann.

Du bist einerseits sehr nah an deinen Figuren dran, andererseits entsteht durch den wechselnden personalen Erzählstil eine Distanz. Warum brauchen deine Figuren diesen Abstand?

Gerade weil ich durch die personale Erzählsituation Isabell und Georg jeweils sehr nah bin, finde ich es wichtig und interessant, dass die Wahrnehmung der einen Figur durch jene der anderen Brüche bekommt und in Frage gestellt werden kann.

Gibt es Autoren oder Bücher, die dich und dein Schreiben beeinflusst haben?

Ja, es ist eine stetige Suche nach Stimmen, nach Verbindungen, nach Anregungen, die mir den Blick auf die Möglichkeiten des Erzählens immer wieder neu öffnen. Dabei begegne ich vielen Autoren, und mein Verhältnis zu ihren Büchern ändert sich im Lauf der Zeit. Um konkrete Beispiele zu nennen. Lydia Davis, Sylvia Plath und Marlen Haushofer gehören zu den Stimmen, die mir wichtig sind. Für mich geht es, in Bezug auf mein eigenes Schreiben, vor allem um eine Suche nach Resonanz.

Ist ein weiteres Buch geplant?

Ja, ich werde bald abtauchen, um endlich daran zu arbeiten.

Welche Bedeutung hat der Franz-Tumler-Literaturpreis für dich?

Er ist eine Anregung, sich mit seinem Namensgeber auseinanderzusetzen. Die Nominierung der Jury ist eine schöne Anerkennung. Und ich freue mich auf die Begegnung mit den anderen Autoren und den Juroren.

Was hast du gedacht, als du von deiner Nominierung erfahren hast?

Kein Gedanke, sondern ein kurzes Flattern im Bauch.

Steigert das Lesen der anderen nominierten Romane die Nervosität?

Ich bin vor Lesungen immer nervös.


Vorstellung in Büchern

Nenne ein wichtiges Buch…

…aus deiner Kindheit9783789129407

Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren. Das Buch erzählte mir von Liebe und Vergänglichkeit auf eine Weise, die ich damals, mit acht oder neun Jahren, als aufwühlend und tröstlich zugleich empfand. Jetzt lese ich es gerade meinem Sohn vor (aus meinem alten Exemplar).

… aus deiner JugendIrmgard Keun

Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun. Die zerbrechliche und zugleich so zähe Figur, die durch die Großstadt geschubst wird. „Liebe an sich strengt an.“ Doris, mit ihren Hoffnungen und Rückschlägen, hat mich als junges Mädchen stark beschäftigt.

… aus deiner aktuellen LebensphaseLydia Davis

Lydia Davis, Formen der Verstörung, Erzählungen und Miniaturen, deren Bedeutung sich immer neu entfalten für mich, und die so anmutig geschrieben sind.

… das du dir für die Gegenwartsliteratur wünschen würdest, das aber noch nicht geschrieben wurde.

[Kristine Bilkau – Die Glücklichen

Luchterhand Literaturverlag

304 Seiten, 2015, gebunden, 19,99 €]


Kristine Bilkau, 1974 geboren, war 2008 Finalistin des Literaturwettbewerbs Open Mike in Berlin und 2009 Stipendiatin der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. 2010 erhielt sie das Stipendium des Künstlerdorfes Schöppingen und 2013 nahm sie an der Bayerischen Akademie des Schreibens des Literaturhauses München teil. Sie arbeitet als Journalistin für Frauen- und Wirtschaftsmagazine und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. „Die Glücklichen“ ist ihr erster Roman.

4 Gedanken zu “[Literaturpreis] Kristine Bilkau – Die Glücklichen

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