[Literaturpreis] Der Franz-Tumler-Literaturpreis 2015: And the winner is…

11252173_910324319013511_5197048034071075469_nAm 18.09.2015 wurde in der kleinen Gemeinde Laas im Südtirol zum fünften Mal der Franz-Tumler-Literaturpreis ausgetragen. Jeder Mitglied der fünfköpfigen Jury, bestehend aus der u.a. vom Ingeborg-Bachmann-Preis bekannten Literaturkritikerin Daniela Strigl (A), dem Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Toni Bernhart (D), dem Kulturpublizist Manfred Papst (CH), dem Autor und Musiker Gerhard Ruiss (A) und dem Schriftsteller und ehemaligen Finalisten des Franz-Tumler-Preises Gregor Sander (D), hat einen preiswürdigen Debütroman vorgeschlagen. Zur Auswahl standen Romane, die zwischen dem 01.01. und dem 15.05.2015 veröffentlicht wurden. Eine Selbstbewerbung war nicht möglich. Letzte Woche trafen die Autorinnen und die Jurymitglieder zusammen, um unter der Matterhorn-Leselampe mit einer Marmorhalterung aus ihren Werken vorzutragen bzw. über die Gewinnerin abzustimmen.

Bilkau

Die Lesereihe eröffnete die von Daniela Strigl vorgeschlagene Hamburger Autorin Kristine Bilkau mit ihrem Roman „Die Glücklichen“ – einem Postwirtschaftskrisenroman bzw. einer modernen Version von Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“. Alle Mitglieder der Jury fanden den Roman gut, auch wenn aus unterschiedlichen Gründen. Der Roman handle hauptsächlich von Angst, beeindrucke durch präzise Beschreibungen und eine hervorragend dargestellte Kluft zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten, das allein am Körper der Figuren, wie z.B. zittrige Hände, sichtbar gemacht werde. Ob nun das Verschweigen und Vorenthalten der Informationen durch die Protagonistin auch als eine Lüge zu klassifizieren sei, war sich die Jury nicht ganz einig. Unschlüssig waren sich die Jurymitglieder auch darüber, ob es sich hier um eine düstere und deprimierende Darstellung des Verfalls der Mittelschicht handle, oder ob darin doch die Hoffnung auf ein besseres Leben mitgetragen werde. Dennoch waren alle von dem Roman sichtlich beeindruckt, denn über das Glück zu schreiben, sei mutig! So überrascht es nicht, dass dieser Roman das Rennen machte und am Ende des Tages den Preis gewann.

Die Lesung von Kristine Bilkau und die Jury-Diskussion zum Nachhören:

Lesung:

Jurydiskussion:

Hier zu unserer Besprechung des Romans „Die Glücklichen“.

 

GugicAuf die Einladung von Toni Bernhart las als Nächste Sandra Gugić aus dem Roman „Astronauten“ vor. Dieses Werk hat Bernhart auf dreifache Weise überzeugt, und zwar durch seine Lyrizität, Dialogizität und seinen Mut, nicht die Handlung sondern die Stimmungen darzustellen. Ruiss lobte die Redimensionalisierung des Romans, dessen Welt sich stets verkleinere. Spannende Gleichzeitigkeit der Gegensätze gehöre ebenfalls zu seinen Stärken. Für Strigl sei ein Satz aus dem durchkomponierten Roman sein Programm, und zwar „Es sind immer die Details, die mich ablenken“. Sprachlich sei der Roman in der Tradition der österreichischen Literatur gehalten. Sander vermisse ein Zentrum, um das die Figuren kreisen. Dieses findet er aber dann in Jugoslawien, denn obgleich das Land im Roman nicht einmal erwähnt wird, scheint es für ihn doch präsent zu sein und ein thematisches Zentrum bilden. Darüber hinaus sei die psychische Verfassung der Figuren, die nur um sich selbst zu kreisen scheinen, sehr ähnlich, sodass es manchmal schwierig sei, diese auseinanderzuhalten. Papst hob die rhythmische Sprache hervor, Ruiss beobachtete, dass in dem Roman ein immanentes Bedürfnis der modernen Gesellschaft nach Erhöhung, ein Verlangen nach immer mehr, zur Sprache kommt. Strigl erklärte die Ähnlichkeit der Figuren mit ähnlichen Erlebnissen des Krieges, wodurch sie ihre Schwerkraft und ihre Erdung verloren hätten.

Die Lesung von Sandra Gugić und die Jury-Diskussion zum Nachhören:

Lesung:

Jurydiskussion:

Hier zu unserer Besprechung des Romans „Astronauten“.

HoffmannDie dritte Autorin, die spätere Trägerin des Publikumspreises, war Petra Hofmann, die aus ihrem Roman „Nie mehr Frühling“ vorgetragen hat. Petra Hoffmann las in Laas auf Einladung von Manfred Papst. An diesem Roman wurde sichtbar, wie die Stimme des Autors die Perzeption des Romans beeinflussen kann. Denn wie Papst gestand, hat er einen völlig anderen Roman gelesen, als er ihn nun hörte. Papst hat vor allem die Darstellung der Protagonistin, Hermine, überzeugt. Mit einem präzisen Bild sage sie pars pro toto, was das Leben auf dem Dorf bedeute und wie sich die Welt draußen verändert habe. Ruiss findet vor allem die Konstellation der ungleichen Brüder interessant. Einige Stellen im Roman beeindruckten ihn mit ihrer Simplizität und der Reife, wie z.B. der Satz: „Man muss nicht glücklich sein, um alt zu werden.“ Für Strigl ist es eine Geschichte einer Obsession, die gegen die Tradition von Dorfgeschichten erzählt wird, ohne dabei jedoch spannend genug zu sein. Sie störe auch die inflationäre Verteilung von Gut und Böse. Das ganze Model werde zu perfekt ausgeführt, um überraschen zu können. Sander überzeugte die weibliche Perspektive, auch wenn manche Stellen aufgrund der stereotypen Bilder ermüdend waren. Für Bernhart ist es ein Roman über das Warten, was schwer zu erzählen sei. Und das sei für Papst genau der Punkt: Für Hermine steht die Zeit still, während sie draußen rast.

Die Lesung von Petra Hofmann und die Jury-Diskussion zum Nachhören:

Lesung:

Jurydiskussion:

Hier zu unserer Besprechung des Romans „Nie mehr Frühling“.

MössmerAls vorletzte Teilnehmerin war Margit Mössmer zu erleben, deren Roman „Die Sprachlosigkeit der Fische“ von Gerhard Ruiss nominiert wurde. Für Ruiss gehe es in diesem Roman, der ihn erfrischt habe, um die Kunst aller Art. Papst sei von dem Buch, das an den magischen Realismus anknüpft, dennoch geerdet und in der Realität verortet sei, entzückt und belustigt worden. Die offene Form habe ihn fasziniert, obschon ihm im Text einige sprachliche Eigenheiten aufgefallen wären. Für Strigl sei es ein charmantes Buch, aber kein Roman. Der Realismus kippe immer in eine phantastische Welt um. Summa summarum sei es Strigl aber ein Vergnügen gewesen. Bernhart hat im Publikum schallendes Lachen vermisst. Denn obwohl in dem vorgelesenen Text einige witzige Stellen zu hören waren, war das Publikum doch ernst geblieben. Für ihn gehe es in dem Roman zudem nicht nur um die Kunst, sondern um noch viele andere Themen. Der Text, der für ihn aufgrund der episodischen Form auch kein Roman sei, sei lustig und grausig zugleich. Sander gefällt es, dass man trotz der Surrealität immer an realen Orten sei. Das episodische Erzählen sei für ihn kein Makel des Romans.

Die Lesung von Margit Mössmer und die Jury-Diskussion zum Nachhören:

Lesung:

Jurydiskussion:

Hier zu unserer Besprechung des Romans „Die Sprachlosigkeit der Fische“.

OlkuszAls letzte durfte Gesa Olkusz ihren Roman „Legenden“ präsentieren. Dazu eingeladen wurde sie von Georg Sander. Für den Juror gehe es in dem Roman um Schuld und den Nationalsozialismus, auch wenn die Handlung in der Gegenwart spielt. Hinzu benutze der Roman zahlreiche filmische Elemente und Schnitttechniken, was ihm gut gefallen habe. Ruiss fragte sich, ob dies nun wirklich passierte ob es nur eine mögliche Geschichte sei. Für Strigl arbeite dieser Spurensuche-Roman gegen sein Muster der Aufklärung und klinge keinesfalls wie ein Erstlingswerk. Das Tantchen habe ihr besonders gut gefallen. Papst war gleichermaßen von der Sprache wie der Leichtigkeit und Differenziertheit der im Text verarbeiteten Metaphern fasziniert. Dieses Buch sei für ihn ein schönes Rätsel gewesen, doch mit vielen Lösungsvorschlägen. Für Bernhart brauche dieser Text einen Subtext bzw. einen Begleittext. Denn trotz glasklarer Sprache habe er nicht deutlich verstehen können, worum es wirklich geht. Für Ruiss liege es an dem Abstand zu Figuren, denn je näher man an der Sache ist, desto schwieriger ist es, alles zu erkennen.

Die Lesung von Gesa Olkusz und die Jury-Diskussion zum Nachhören:

Lesung:

Jurydiskussion:

Hier zu unserer Besprechung des Romans „Legenden“.

Laas

Nach den Diskussionen haben sich die Nominierten wie die Zuschauer und Organisatoren in die Pause begeben, um nach der getanen Arbeit den sonnigen Nachmittag mit dem Blick auf die Alpen und beim Kaffee und Kuchen genießen zu können. Doch nicht die Jury, die nun den gemeinsamen Gewinner zu beschließen hatte. (Auf dem Bild Jury vor der Entscheidung.)

Jury vor der Pause

Um 19 Uhr haben sich die Nominierten, die Jury, sowie die Organisatoren und zahlreiche Zuschauer in der Markus-Kirche in Laas gesammelt. In dem einmaligen Ambiente dieser profanierten Kirche, in deren Mauern sich eine jahrhundertelange Geschichte spiegelt, hing die Anspannung in der Luft. Musikalisch untermalt von dem lokalen Blasorchester ging man recht schnell zur Sache.

PreisverleihungNach der offiziellen Begrüßung durch die lokale Regierung, wurde zunächst der Publikumspreis verliehen. Obwohl die Kritik der Jury für Petra Hoffmann nicht einheitlich positiv ausfiel, wurde ihr Roman von den lokalen Lesern gewürdigt. Seit die Nominierungen vor zwei Monaten bekannt gegeben worden waren, standen die Bücher in Laas und Umgebung in den Bibliotheken zum Verleih bereit. Die Leser durften dann für ein Buch abstimmen, das ihnen am meisten gefallen hat. Auch während der Lesungen wurden die Abstimmzettel gesammelt und ausgewertet. Die Leser haben sich für „Nie wieder Frühling“ entschieden, was aufgrund der Identifikationsnähe zur lokalen Bevölkerung nicht wundern mag. Die sichtlich überraschte Petra Hoffmann durfte unter den abgegebenen Stimmen dann fünfzehn Buchpreise auslosen. Nun darf Petra Hoffmann nächstes Jahr einige Zeit in der einsamen Berghütte verbringen, in der sich die Autorin weit von den Sorgen des Alltags, in aller Ruhe und umgeben von der Natur ihrem neuen Werk widmen kann.

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Begleitet vom Glockenläuten wurde anschließend von Daniela Strigl die Gewinnerin verkündet: Kristine Bilkau „Die Glücklichen“. Ihr Erstlingsroman wurde mit einer Marmorplatte und einem Preis in der Höhe von 8.000 Euro prämiert. Das nach der Preisverleihung folgende Festessen bot allen Teilnehmern noch die letzte Möglichkeit an, sich auszutauschen und diesen emotionalen und ereignisreichen Tag mit einem Glas Wein ausklingen zu lassen.

Jurybegründung:

Kristine Bilkau erzählt in „Die Glücklichen“ mit großer Präzision von einem Paar, dem das scheinbar selbstverständliche Glück nicht mehr gelingt. Die allgemeine Krise wird zur persönlichen, sie bildet sich in ihren Körpern ab, in ihrer Beziehung zu einander, und sie trübt die Freude an ihrem kleinen Sohn. So erweist sich diese Geschichte als eine durch und durch gegenwärtige. In einer Komposition von beeindruckender Geschlossenheit beschreibt Kristine Bilkau bedächtig und subtil den stufenweisen Abstieg in ein städtisches Prekariat. Der Roman ist eine empathische und zugleich satirische Milieustudie der „Bobos“, die sich nicht zwischen Bourgeoisie und Bohemiendasein entscheiden können und denen scheinbar alle Lebensplanung aus den Händen genommen wird. Und es ist ein Buch über die Angst, ein melancholisches Buch, das aber sehr wohl den Ausweg aus der Lebenslüge und den Lichtblick in ein anderes Leben zulässt.

Die Preisverleihung in der Markus-Kirche zum Nachhören:

Statt des Schlusswortes:

Es ist beachtlich, was die kleine Gemeinde, meist dank des ehrenamtlichen Engagements der Bewohner und aus purer Liebe zur Literatur in den letzten Jahren auf die Beine gestellt hat. Einen Literaturpreis auf einem sehr hohen Niveau ins Leben zu rufen, ist keine einfache Aufgabe, die jedoch den Laasern gelungen ist. Der Franz-Tumler-Literaturpreis kann mit den bekannten Literaturwettbewerben sehr wohl mithalten!

Die Redaktion von „Das Debüt“ bedankt sich bei den Organisatoren für die Einladung, dank der wir sehr viele nette und herzliche Menschen kennen lernten und genauso viele nette und interessante Gespräche führen konnten. Dankeschön!

6 Gedanken zu “[Literaturpreis] Der Franz-Tumler-Literaturpreis 2015: And the winner is…

  1. Vielen Dank für den schönen Beitrag für all diejenigen, die leider nicht in Laas sein konnten. Ich kommentiere den Preis jetzt mal völlig subjektiv so: Ich habe von den nominierten Romanen nur Bilkaus „Die Glücklichen“ gelesen, deshalb hat sie den Preis völlig zu Recht bekommen ;).
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt mir

    • Liebe Claudia,
      vielen Dank für Deine Nachricht. Dieser Roman war von Anfang an einer der Favoriten. Doch alle präsentierten Romane waren auf einem hohen Niveau, auch wenn sie sich voneinander thematisch und stilistisch sehr unterschieden. Wir drücken Frau Bilkau fest die Daumen und hoffen, dass dem Franz-Tumler-Preis der Aspekte-Preis folgt!
      Herzliche Grüße, Bozena

      Gefällt 1 Person

  2. Das ist wirklich ein sehr schöner Bericht – vielen Dank! Ich habe wie Birgit auch nur „Die Glücklichen“ gelesen. Ich war von dem Buch zwar nicht so begeistert wie viele, aber den Preis für einen Debütroman hat es sicher verdient.
    Viele Grüße
    Norman

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    • Lieber Norman,
      auch Dir danke ich für die netten Worte! Der Roman spricht die aktuellen Ängste vieler Menschen an, das ist sicherlich sein großer Vorteil! Ich finde es gut, dass Du dieses Buch etwas kritisch betrachtest. Wenn uns allen immer das Gleiche gefallen würde, wäre es langweilig, oder? Dann gäbe es keine spannenden Literaturwettbewerbe und keine Auseinandersetzungen mit der Literatur. Das Leben wäre unerträglich!
      Herzlichen Gruß, Bozena

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  3. Pingback: [Literaturpreis] Das Jahr 2015 in Preisen | Das Debüt

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