[Interview] Vor dem Debüt – Seitwärts zum Roman (Teil 1)

Nicht nur das Web 2.0, auch die guten alten Printmedien bringen Menschen zusammen: Das Bücher-Magazin hatte Mitte des Jahres auf unsere Seite hingewiesen, wodurch wir (mindestens) einen neuen Leser gewonnen haben. Sein Name ist Oliver Wenzlaff. Wir kamen ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass er gerade seinen Debütroman vollendet, aber noch nicht veröffentlicht hatte – er war auf der Suche nach einem Verlag. Wir schlugen ihm vor, die Suche zu dokumentieren und in regelmäßigen Abständen Interviews zu führen. Das erste Interview führten wir Ende August, das zweite fand Ende Oktober statt.

Hier nun also die ersten Stationen auf Olivers „Reise zum Romandebüt“:

August 2015

Gib uns doch zu Beginn einen kurzen Einblick über die Anfänge deines literarischen Schreibens.

Meine ersten Schreibversuche hab ich als Kind unternommen. Da hab ich Micky-Maus-Charaktere aus Lustigen Taschenbüchern genommen. Und mir auf Karopapier Geschichten für sie ausgedacht. Später, so ungefähr in der vierten Klasse, hab ich zum ersten Mal ein Hörspiel geschrieben. Das haben wir dann sogar in der Schule aufgenommen. Ich dachte immer, es wäre verschollen, aber meine Grundschullehrerin hat mich vor nicht allzu langer Zeit mit einer Kopie überrascht.

Hast du Schreibworkshops besucht oder hast du an anderer Stelle das Schreiben „gelernt“?

Oliver kommt vom Hörspiel – und gibt gemeinsam mit Autorenkollegin Julia Powalla (2.v.r.) zwei VHS-Hörspielkurse pro Jahr: Hier der Kurs vom ersten Halbjahr 2015, aufgenommen im Tonstudio von Dirk Jacobs (links).

Das Handwerkzeug zum Schreiben hab ich an der Volkshochschule gelernt. Ich liebe die Volkshochschule. Mittlerweile gebe ich da auch selbst Kurse. Ansonsten bin ich Hörspielautor. Da lernt man, wie wichtig Dialoge sind.

Wie ist der Roman entstanden?

Die Auslöser für den Roman waren Beobachtungen. Ein paar Sachen hab ich an mir selbst beobachtet. Viele bei anderen. Und sehr viele in der Gesellschaft. Themen wie Gentrifizierung, hohe Mieten, die Macht des Geldes, der Kampf der Menschen um Aufstieg und Anerkennung. Damit stand der Rahmen. Dann hab ich die Figuren ausgearbeitet, Start und Ziel festgelegt und die Figuren laufen lassen. Phasenweise ist der Text ziemlich romantisch geworden. Hart am Kitsch, habe ich mal in einem Interview gesagt. Aber nicht drüber.

Worum geht es?

In zwei Sätzen: Rationaler Geschäftsmann trifft auf verträumten Sonderling. Der wiederum verschwindet, und eine Suche nach dem Sonderling beginnt, die sich mehr und mehr als Sinnsuche entpuppt.

Wie lange hast du an deinem Roman geschrieben?

Die erste Notiz in meinem Handy ist vom 21. Februar 2013. An dem Tag hab ich spontan den Anfang der Geschichte eingetippt. In der fertigen Fassung ist davon aber kaum noch was übrig.

Warum möchtest du einen Roman veröffentlichen?

Ich lebe seit einigen Jahren vom Schreiben. Von Sachtexten, Pressemitteilungen, Berichten für Print- und Onlinemedien. Ein Roman ist für mich ein schöner und wichtiger Ausgleich. Und es ist eine Herausforderung: Bin ich überhaupt gut genug dafür? Will das jemand lesen? Und wenn ich es schaffe, schaffe ich es dann nochmal? Und noch einmal?

Was hast du bislang unternommen, um einen Verlag zu finden?

Ich habe eine Agentur gesucht, weil ich nicht daran glaube, dass der direkte Kontakt zu größeren Verlagen etwas bringt. Und einen kleinen Verlag, wo das eher denkbar ist, möchte ich im Augenblick nicht.

Worauf setzt du die meisten Hoffnungen?

Dass ich bald eine neue Agentur finde. Die erste habe ich gerade gekündigt. Das ist einerseits schade, andererseits war es richtig. Die Agentur ist zwar seriös und hat auch tolle Erfolge, aber mir schienen die Leute einfach überlastet. Die haben zu viele Autoren, die sie betreuen müssen.

Hast du über die Agentur Rückmeldung zu deinem Roman bekommen?

Die Agentur hat mit verschiedenen Interessenten über das Thema des Romans gesprochen. Aus Sicht der Verlage war meine Zielgruppe zu eng gewählt. Der Fokus lag auf Schöngeistern und Freigeistern. Ich habe dann den Roman stark überarbeitet. Das heißt: Inhaltlich war die Überarbeitung gar nicht so stark. Viele Eingriffe, aber jeder einzelne war nicht so groß. Meist waren es einfach nur Kürzungen. Jetzt ist der Text massentauglicher, ohne dass ich mich und mein Werk verbogen habe.

Noch mehr Rückmeldungen?

Seriöse Fotos: In der aktuellen Mappe setzt Oliver auf Verlässlichkeit. Fotograf: Markus Nass 2015.

Es gab noch Rückmeldungen zu einer Präsentationsmappe, die ich der Agentur mitgegeben habe. Sie sei etwas zu flippig. Ich hatte bei den Fotos etwas gewagt, und es klang so, als trauten mir die Verlage nicht die erforderliche Verlässlichkeit zu. Also hab ich den Stil in Richtung seriös zurückgedreht. Beides – sowohl den Roman mit neuer Zielgruppe als auch die neue Mappe – hat die Agentur dann aber nicht nochmal angeboten.

Hast du dir irgendwelche Tipps geholt, wie man an einen Verlag kommt?

Ich habe mit verschiedenen Autoren gesprochen, die bei Agenturen sind oder schon einen Verlag haben. Und im Netz gibt es Erfahrungsberichte von Leuten, das hilft auch. Ansonsten hab ich ja die Präsentationsmappe erstellt, da haben mir Leute gesagt, die bei großen Verlagen untergekommen sind: Halte die Mappe kurz. Die Verlage fühlen sich vielleicht erschlagen, wenn das zu umfangreich ist.

Und Tipps zum Roman selbst?

Beim Roman – so meine Erkenntnis aus den Gesprächen – scheiden bestimmte Themen in bestimmten Zeiten grundsätzlich aus. Eine Weile waren Dystopien en vogue. Wer jetzt einem größeren Verlag eine Dystopie anbietet, hat keine Chance. Es gibt da immer Wellen, wann ein Thema funktioniert. Vampire, Drachen, Dystopien – alles kommt und geht und dann kommt es wieder. Mein Roman ist zeitgenössisch und spielt in Deutschland. Das kommt hoffentlich nie aus der Mode. Ansonsten: Ich hab mir Testleser geholt, die sowohl aus der Verlagswelt als auch aus der normalen Welt kommen.

Wie schätzt du gerade deine Möglichkeiten ein, einen Verlag zu finden?

Die Möglichkeiten, irgendeinen Verlag zu finden, schätze ich auf fast 100 Prozent. Es stellt sich nur die Frage, ob der Verlag dann auch gut für mich ist. Ich hab mal ein Sachbuch veröffentlicht. In einem Verlag, den es kurz danach schon nicht mehr gab. Deshalb hoffe ich auf eine neue Agentur. Eine gute Agentur hat den Überblick, wo man als Autor reinpasst und wo es eine gemeinsame Zukunft gibt.

Schreibst du parallel an Erzählungen, Romanentwürfen etc.?

Ich hab sofort mit dem zweiten Roman angefangen, als ich den ersten in der Ursprungsfassung bei meiner Agentur abgegeben hatte. Dann hab ich den ersten ja nochmal überarbeitet. Kürzlich kam ein Hörspiel dazwischen, das ich zu einem Stichtag fertig kriegen musste. Insofern: Ja, es gibt oft mehrere Projekte gleichzeitig. Manchmal hemmt einen das. Manchmal ist es aber auch beflügelnd.

Wäre für dich Eigenverlag oder Selfpublishing eine Option?

Irgendwie reizt mich das Selfpublishing schon. Das muss ich zugeben. Es gibt jede Menge Leute, die mal bei großen Verlagen waren und heute bewusst im Eigenverlag veröffentlichen. Ich würde aber gerne erst einmal die Erfahrung mit einem größeren Partner machen. Denke ich zumindest im Augenblick.

Was sind deine weiteren Schritte?

Ich werde meine Präsentationsmappe nochmal aktualisieren. Dann arbeite ich an dem zweiten Roman weiter. Sollte es klappen mit dem Debüt, wollen die Leute schließlich mehr.

Was hoffst du, was in den nächsten zwei Monaten im „Kampf ums Debüt“ passieren wird?

Ich möchte gerne in den nächsten zwei Monaten Klarheit haben, wie es mit einer neuen Agentur aussieht. Dann sehen wir weiter.


Oktober 2015

Vor zwei Monaten haben wir ein erstes Interview geführt. Du wolltest in der Zeit zwischen dem Interview und heute gerne Klarheit haben, wie es mit einer neuen Agentur aussieht. Hast du inzwischen Antworten von Agenturen bekommen?

Flippig: In der ersten Mappe hatte Oliver noch auf unkonventionelle Fotos gesetzt. Fotograf: Fotostudio Charlottenburg 2013.

Ich hatte mir drei Agenturen ausgeguckt, die meine Unterlagen bekommen sollten. Mit einer hab ich dann telefoniert. Die Dame sagte, dass sie keine Kapazitäten für neue Autoren hat. Sie kommt überhaupt nicht hinterher, die Bewerbungen zu sichten, ich war da in einem Stapel irgendwo mittendrin, das fand ich wahnsinnig ehrlich. Die zweite Agentur hat einen Brief geschrieben, dass sie Autoren ausschließlich an die ganz großen Publikumsverlage vermittelt, und dass die Chancen meines Romans da nicht sehr hoch seien. Die dritte Agentur hat per E-Mail abgesagt. Ausgewählt hatte ich die Agenturen nach zwei Kriterien. Erstens: Nur, wenn ich von jemandem aus meinem Bekanntenkreis gehört habe, dass die Leute gut sind, habe ich sie auf die Liste gesetzt. Zweitens: Manche Agenturen sind schon beim Webauftritt sehr deutlich darauf aus, neue Autoren eher abzuwehren als zuzulassen. Die habe ich dann wieder gestrichen.

Welche anderen Schritte hast du in den letzten zwei Monaten unternommen, um weiter auf dich und deinen Roman aufmerksam zu machen?

Ich habe Lesungen gehabt. In einer Buchhandlung und ein paar Bibliotheken. Einmal sogar in einem Kochstudio. Allerdings habe ich da immer aus meinem neuen Text gelesen. Irgendwie habe ich eine Pause von meinem ersten Roman gebraucht. In jedem Fall ist der Dialog mit dem Publikum immer superspannend. Sehr visuell, wie ein Film, man hat das alles sofort vor Augen, sagte eine Dame neulich. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass es oft Zeitungsberichte über die Lesungen gibt. Und natürlich klassische Werbung. Einmal hing eine Ankündigung am S-Bahnhof, und beim Aussteigen dachte ich: Nanu, das bin ja ich da auf dem Foto.

Hast du noch weitere/andere Rückmeldungen zu deinem Roman bekommen?

Es gab noch zwei neue Testleser. Eine Rückmeldung war sehr euphorisch, die andere sehr kritisch. Es war das erste Mal, dass ein Testleser das Buch im Normalfall weggelegt hätte. Das nehme ich sehr ernst. Aber ich mache mich nicht fertig. Es wird noch mehr Menschen geben, die das Buch nicht mögen.

Hat sich in den letzten zwei Monaten irgendwas in deiner Herangehensweise an die Verlagssuche geändert? Neue Wege? Neue Methoden? Neue Kontakte? Oder verfolgst du den eingeschlagenen Weg konsequent weiter?

Ich habe noch eine Empfehlung für eine Agentur, da gehen meine Unterlagen die Tage noch hin. Wenn es da auch eine Absage geben sollte, kommen tatsächlich neue Methoden ins Spiel. Ich werde dann versuchen, mich und meinen Roman persönlich vorzustellen. Das persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht bietet so viele Chancen auf einen Eindruck, der weit über eine Präsentationsmappe hinausgeht. Ich bin nicht naiv und weiß natürlich: Es ist schwer, überhaupt persönlich mit Agenten ins Gespräch zu kommen. Aber ich würde es trotzdem gerne versuchen.

Wie ist gerade deine Stimmung, wie nah oder wie weit entfernt fühlst du dich gerade von der Veröffentlichung deines Debütromans?

Ich mache ganz klar nur Seitwärtsbewegungen. Zuerst hat mich das gewurmt. Mittlerweile sehe ich das aber anders. Der Weg ist klar und er bleibt klar, und auch wenn mich meine Schritte im Moment noch nicht weiter gebracht haben, so lassen sie mich die Sache doch aus unterschiedlichen Perspektiven sehen. Jedes Feedback macht mich schlauer, ob bei einer Lesung oder von einer Agentur, auch die Absagen.

Was planst du für die nächsten zwei Monate?

Ich werde die Leipziger Buchmesse vorbereiten. Letztes Jahr hatte ich zwei Lesungen, eine auf der Messe und eine in der Stadt. Außerdem ist die Buchmesse natürlich ein Ort, an dem das persönliche Gespräch mit Agenten möglich ist. Das muss aber gut geplant sein.

Was erhoffst du dir für die nächsten zwei Monate?

Beim letzten Mal habe ich gesagt: Klarheit in Sachen Agentur. Das gilt weiterhin. Zusätzlich hoffe ich, dass es in den nächsten zwei Monaten Klarheit für Leipzig gibt. So weit weg ist der März ja nicht mehr.

Was macht der zweite Roman?

Er macht vor allen Dingen sehr viel Spaß. Ähnlich wie bei meinem ersten Roman stehen einige Punkte in der Entwicklung fest, ansonsten lasse ich die Protagonisten laufen und überrasche mich selbst. Auch das Setting überrascht mich. Der Text spielt vor 100 Jahren. Ich habe Stadtplanung studiert, ich bin kein Historiker, also muss ich den Alltag von damals recherchieren. Dazu kommt, dass die Geschichte nicht in Deutschland spielt, sondern in den USA. Ich muss also auch die amerikanische Kultur und Geschichte verstehen. Im Detail ist das schwierig. Aber wenn ich eine knifflige Frage gelöst habe, dann ist das umso schöner, manchmal ist es so berauschend wie ein richtig guter Kaffee, es ist ein Energieschub. Auch wenn die Lösung später nur in einem Nebensatz durchscheint.

Wir werden Olivers Weg weiter verfolgen und natürlich hier berichten. Der zweite Teil der Interviewreihe ist für April geplant. Dann wird uns Oliver von seinen Erlebnissen auf der Leipziger Buchmesse erzählen.

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