[Rezension] Verena Mermer – die stimme über den dächern

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Vor der Lektüre von „die stimme über den dächern“ wusste ich nicht viel über Baku. Das, was ich wusste – ja, ich gebe es zu -, wusste ich durch die Berichterstattungen rund um den Eurovision Song Contest, der 2012 in Baku stattfand. Jenseits von „Euphoria“ und unter Überschriften wie „Kein bisschen Frieden“ ging es um Menschenrechtsverletzungen und staatliche Repressionen in Aserbaidschan.

„die stimme über den dächern“ erzählt nun von den Protesten in Baku im Frühjahr 2011.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei junge Paare: Nino und Ali sowie Che und Frida. Sie werden Teil der Protestbewegung, die jedoch aufgrund der Repressionswelle des autoritären Regimes bereits in ihren Anfängen stecken bleibt. Ali wird verhaftet, Nino, die als Lehrerin arbeitet, wird entlassen, die Beziehungen beginnen unter den Einschüchterungsmaßnahmen der Behörden zu leiden, Freundschaften drohen zu zerbrechen. Selbst der stille Protest zermürbt irgendwann.

Doch die Autorin möchte nicht nur eine Geschichte über junge Menschen erzählen, die im Jahre 2011 in Baku leben – sie möchte mehr. So wird irgendwann klar, dass Che nicht nur ein Namensvetter von Che Guevara ist, nein, es ist Che Guevara himself, der in einem aserbaidschanischen Krankenhaus arbeitet. Und seine Freundin Frida ist Frida Kahlo, die 2011 nicht mehr malt, sondern als Schauspielerin arbeitet und wie eine Katze sieben Leben hat.

Auch das andere Paar, Nino und Ali, wurde von Verena Mermer quasi wiedergeboren oder neu zum Leben erweckt. Die beiden stammen aus einem Roman von Kurban Said, der an zwei Stellen im Roman als „alter jude“ auftritt.

„und der alte jude, der sich ihnen mit unmerkbar leisen schritten genähert hat, lächelt, kratzt seinen bart und sagt shalom, bevor er sich – genauso leise, wie er gekommen ist – wieder entfernt. eigentlich ist er jung gestorben, also gar nicht da, aber weder ali noch che nehmen davon notiz.“

Durch die Straßen spukt ein weiteres „Gespenst aus der Vergangenheit“: der geheimnisvolle Richard, der immer wieder auftaucht, sei es in einer Kneipe, in einem Hauseingang oder an der Wohnungstür, ist Richard Sorge. Sorge wurde in Baku geboren und arbeitete während des Zweiten Weltkriegs als Spion. Er erstarrt am Ende des Romans wieder zu einer Statue, die in einem Park steht, der nach ihm benannt wurde.

Als es der Regierung schließlich gelingt, die Stimme des Protests zum Schweigen zu bringen, kehren Nino und Ali wieder zurück zwischen die Buchdeckel, Frida und Che verschwinden.

„stattdessen hat es ihn anderswohin verschlagen – zurück in das erdloch in bolivien, wo er verscharrt wurde; zwischen elfenbeinfarbene, vielleicht auch bräunliche buchseiten; oder auf anstecker aus metall und aufnäher aus wolle, die jugendliche mit sicherheitsnadeln an ihrer kleidung befestigen?“

Das literarische Gebäude, das Mermer baut, ist somit verwinkelter, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Nun stellt sich die Frage, ob diese Nischen und Winkel – kurz diese intertextuellen Bezüge – einfach nur gut aussehen, oder ob sich damit auch irgendein tieferer Sinn verbindet.

Zweifelsohne wirkt der Roman durch die Einbindung der historischen Persönlichkeiten, Frida und Che, und der literarischen Figuren, Ali und Nino, insgesamt stärker nach, denn es bleibt das Gefühl, einer tieferen Wahrheit, etwas zutiefst Menschlichem auf der Spur zu sein. Die Proteste in Baku bekommen einen überzeitlichen Anstrich, ohne dabei unwichtig oder beliebig zu werden. Durch die gewählte Konstruktion verwischen die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Kunst und Wirklichkeit. Alles hängt zusammen, ist miteinander verbunden. Wie Anna Seghers bereits in „Das siebte Kreuz“ schrieb: „Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns.“

Die Konstruktion ist gut gedacht, aber man merkt ihr eben auch an, dass viel gedacht wurde. So fehlt am Ende dann doch, nimmt man die Figuren und die Handlung nur für sich selbst, die eigene Tiefe.

Die einzige Figur, die mich wirklich berührt hat, ist der homosexuelle Bruder Alis. Vielleicht liegt es daran, dass er als einzige Stimme keinen intertextuellen Bezug hat (zumindest habe ich den nicht erkannt).

„und wir haben beschlossen, unser zusammensein, wenn nicht gleich der familie, so doch dem rest der welt zu offenbaren.“

In „die stimme über den dächern“ vernehmen wir verschiedene Stimmen. Neben einem auktorialen Erzähler, der Vergangenheit und Zukunft kennt, ergreifen Nino, Ali, Che, Frida oder Fuard immer wieder das Wort.

Der Text ist insgesamt nach rechts eingerückt. Die Stimmen und Gedanken der Figuren sind kursiv gedruckt, der Name der sprechenden oder denkenden Figur steht auf der linken Seite. Das gesamte Layout erinnert mit dem eingerückten Text an ein Theaterskript oder an ein Langgedicht. Die Autorin verzichtet auf Großschreibung – außer bei NEIN, JA, KGB und AZADLIQ (Freiheit). Allein das äußere Erscheinungsbild scheint mir also bereits vermitteln zu wollen, was ich von der Sprache denken soll. Getreu nach dem Motto von Nora Gomringer „Ich werde etwas mit der Sprache machen“ will uns Memringer wohl zu verstehen geben, dass sie etwas mit der Sprache machen wird, und zwar etwas ganz Besonderes, etwas Poetisches.

Besonders und poetisch soll die Sprache sein. Und ja, Verena Mermer löst ein, was sie ankündigt. So findet sie beispielsweise für das Eindringen des Staates in den privaten Raum starke Worte:

„und wir fürchten die klingel, fürchten das klopfen auf holz, wir fürchten das telefon und das rascheln – und es klingelt und klopft, es läutet und raschelt in unsere träume hinein.“ (…)

„wir öffnen nicht, sind wieder leise und warten, bis die klopfenden abziehen, wir sitzen in der küche und auf einmal sehen wir uns eine stundenlange debatte darüber führen, wer denn abwäscht … wir lenken uns ab von der liebe, von der enge der räume, von der politik; wir züchten neurosen und sommers vielleicht tomaten auf dem balkon.“

Dagegen wirkt manch ein surreales Bild jedoch allzu platt. Wenn die Wut nach Hause geht und am nächsten Tag wieder kommt oder eine Stimme zur Tür hinausgeht und eine Regenrinne hochklettert, dann denke ich nur müde, ja, das Spiel mit Traum und Wirklichkeit, Verschiebung von Wahrnehmungsebenen, ich habs doch auch so verstanden.

Verena Mermer unternimmt mit diesem Roman den Versuch, die Gegenwart und jüngere Vergangenheit einmal anders zu erzählen. Experimente braucht die Literatur so sehr, wie die Welt mutige Stimmen gegen Unterdrückung und Repression braucht.

Das Experiment von Mermer – mein Herz knapp verfehlt, aber den Kopf voll getroffen!

 

[Verena Mermer – die stimme über den dächern

Residenz Verlag

160 Seiten, 2015, gebunden, 19,90 €]

Auftakt:

„sackgassen, blinde wege, tote enden.“


© pawloff

© pawloff

Verena Mermer, geboren 1984 in St.Egyden am Steinfeld (Niederösterreich). Studium der Germanistik, Romanistik und Indologie. Arbeitsaufenthalte in Delhi, Baku und Cluj-Napoca. Lebt und arbeitet als Autorin und Literaturwissenschaftlerin in Wien. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, u.a. Lichtungen und perspektive. Longlist Europäisches Poesiefestival 2013. Shortlist Wartholz 2014. START-Stipendium für Literatur 2014. „die stimme über den dächern“ ist ihr erster Roman.

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