[Interview] Zehn Fragen an zwölf DebütantInnen

cropped-bild_13.jpgIm Rahmen des Schwerpunktes „Literarische Debüts“ auf Literaturkritik.de haben mein Kollege Nils Demetry und ich zwölf DebütantInnen zehn mehr oder weniger ernst gemeinte Fragen zum Debüt, zur Kritik und zur Lage der Gegenwartsliteratur überhaupt gestellt. Entstanden ist dabei ein schöner Beitrag, den wir euch nicht enthalten wollen.

An der Umfrage haben sich insgesamt zwölf Autorinnen und Autoren beteiligt. Einige von ihnen kennt ihr schon aus unseren Rezensionen, Interviews oder ihr habt sie sogar bei einer Lesung in der Reihe „Das Debüt im LIVRES“ in Essen erlebt. Es sind: Anna Baar Die Farbe des Granatapfels, Shida Bazyar Nachts ist es leise in Teheran, Aljoscha Brell Kress, Massum Faryar Buskaschi oder Der Teppich meiner Mutter, Peter Goldammer Der Zirkus der Stille, Mirna Funk Winternähe, Pierre Jarawan Am Ende bleiben die Zedern, Karin Kalisa Sungs Laden, Martin Lechner Kleine Kassa, Frank O. Rudkoffsky Dezemberfieber, Tilman Strasser Hasenmeister, Sandra Weihs Das grenzenlose Und.

Den Originalbeitrag findet ihr hier.

Viel Spaß beim Lesen!


Muss die Gegenwartsliteratur gerettet werden?

„Nein. Ich habe sie kürzlich in Leipzig getroffen, da hat sie mir erzählt, dass es ihr gutgeht.“ (Pierre Jarawan)

„Ich glaube nicht für 50 Cent, dass die Gegenwartsliteratur gerettet werden muss. Gerettet werden vor was? Vor wem? Vor Autoren, die uns mit ichbezogenen Belanglosigkeiten drangsalieren. Vor Verlagen, die im Minutentakt Liebeschmonzetten und Vampirerotik auf den Buchmarkt römern? […] Ich glaube vor allem, das Begriffe wie ‚Rettung‘ und ‚Krise‘ am Ende deswegen uninteressant sind, weil sie nichts Substantielles beschreiben. Das sind Etiketten, die wir irgendwo draufkleben können, hochzustimmungsfähig, alle nicken im Kreis und dann stoßen wir an mit einem Glas Weißwein. Die Gegenwartsliteratur muss nicht gerettet werden. Vielleicht – vielleicht! – leistet die Literatur einen Beitrag zur Rettung der Gegenwart. Aber das wäre dann ein ganz anderes Thema.“ (Aljoscha Brell)

„Wie überall sonst auch, handelt es sich vielleicht einfach nur um einen Generationendiskurs. In der Art: Erfahrene lehren, die „Schülerinnen“ schreiben aber anders. Ich denke, so mancher Kritiker würde sagen, die Gegenwartsliteratur müsste vor solchen Autoren und Autorinnen gerettet werden, die einen Debütroman schreiben wie ich. Aber da kann man aber auch bisschen stolz darauf sein.“ (Sandra Weihs)

„Das würde ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Was mich aber an Gegenwartsautoren nervt, ist diese schreiende Leere. Die Leere, die sie in sich spüren, wird an den Leser unreflektiert weitergegeben. Mir fehlt das Politische, das Mutige, das Aufbegehrende.“ (Mirna Funk)

„Wenn schon, dann vor jenen eifrigen Literaturkritikern, die in der Lage sind, bewusst oder unbewusst mit ihrem persönlichen Geschmack und Interesse die Leser anzustecken, ja zu manipulieren.“ (Massum Faryar)

„Nö. Aber stärker wahrgenommen werden – besonders von GenerationsgenossInnen.“ (Tilman Strasser)

Welches Buch hat dich literarisch wachgeküsst?

„Wäre es nicht viel schöner zu hören, welches Buch mich so geschlagen hat, dass die Lichter erst flackerten und dann erloschen? Ja, das wäre es. Auch wenn ich die Antwort leider gar nicht weiß.“ (Martin Lechner)

„Meine literarische Prägephase haben die großen Musikpoeten bestimmt: Cave, Cohen, Neil Young, Patti Smith, Lennon auch. Die Musik war mir lange Trägersubstanz für die Sprache, damit die unter die Haut ging. Dann kam Der Fremde, Albert Camus. Mein Freund hat mir das Buch geschenkt, zwei Wochen vor seinem Tod.“ (Anna Baar)

„Star-Trek-Romane. Ohne Scherz. Ich erinnere mich nicht wirklich an die Titel oder den Inhalt, ich war zehn oder elf, und es gab etwa ein Dutzend davon in unserer örtlichen Leihbibliothek. Meine Mutter ist mit uns alle zwei Wochen dorthin gefahren. Ich habe jeden einzelnen verschlungen, und danach niemals zu lesen aufgehört.“ (Aljoscha Brell)

„Das Werk von Franz Kafka.“ (Massum Faryar)

„Eigentlich waren es zwei Bücher: Die Korrekturen von Jonathan Franzen und Unendlicher Spaß von David Foster Wallace. Nie zuvor habe ich so plastische, glaubwürdige Figuren wie bei Franzen erlebt; nie zuvor so eine sprachliche und erzählerische Vielfalt, einen solch literarischen Irrsinn wie bei Wallace. Ich habe natürlich schon vorher einiges Großartiges gelesen – aber diese beiden Bücher haben, jedes auf seine eigene Weise, meinen Horizont erweitert.“ (Frank O. Rudkoffsky)

Welchen Stellenwert hat das Debüt für dich?

„Etwas Ungeheures, das man vor Scham und Stolz gegen die Wand klatschen will.“ (Anna Baar)

„Ich habe jetzt einmal einen Roman geschrieben, Leute haben den Roman gelesen und dabei nicht total die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, also wird es vermutlich in Ordnung sein, wenn ich noch einen schreibe.“ (Aljoscha Brell)

„Es hat mein Leben verändert, in schöner Weise. Freies Schreiben kann nun ein Beruf sein.“ (Karin Kalisa)

„Großen. Da finden sich Lebensthemen oft in unverstelltester Form. Und viele haben noch etwas herrlich Wildes im Vergleich zu späteren Werken. Stier von Ralf Rothmann zum Beispiel.“ (Tilman Strasser)

„Das eigene Debüt ist natürlich etwas Besonderes, ein erlebter Lebenstraum, vielleicht auch ein bisschen eine Erlösung – der Weg zur ersten Buchveröffentlichung ist ja nicht selten von Rückschlägen und Selbstzweifel geprägt. Literarisch gesehen gelingt aber nur wenigen AutorInnen mit ihrem Debüt gleich der große Wurf (und wenn, dann sind es oft One Hit Wonder oder, schlimmer, One Trick Ponys). Anders als zum Beispiel Musiker, die mit der Zeit zwar technisch immer besser werden, aber oft irgendwann künstlerisch nachlassen, brauchen viele Autoren erst Lebenserfahrung, um ihr bestes Werk zu schreiben.“ (Frank O. Rudkoffsky)

„Für mich sollte jedes neue Buch, das man schreibt, eine Art Debüt sein. Debüts wirft man oft Unausgegorenheit vor oder übersteigerte Emotionalität. Ich glaube aber viel mehr, dass sich in Debüts eine Dringlichkeit finden lässt. Also dass etwas unbedingt gesagt werden muss. Und diese Dringlichkeit sollte in den nachfolgenden Büchern nicht verloren gehen.“ (Mirna Funk)

„Das Wort ‚Debüt‘ gehört zu jenen, die ich nicht mag. Ein ‚Debüt‘ ist eher eine Eintrittskarte in den Literaturbetrieb. In meinem Fall ist mein 654-seitiges Afghanistan-Epos Buskaschi oder, an dem ich achteinhalb Jahre gesessen habe, mein Lebenswerk.“ (Massum Faryar)

Bestimmt in Deinem Roman der Inhalt die Form oder die Form den Inhalt? Warum?

„In meinem Roman Sungs Laden hat sich ein Gedankenexperiment seine eigene Form und seinen eigenen Ton gesucht.“ (Karin Kalisa)

„Selten eindeutige Antwort: Die Form den Inhalt. Wollte im Aufbau unbedingt eine klassische Kompositionsstruktur widerspiegeln. Entsprechend habe ich mich bei der literarischen Behandlung vieler Motive von der musikalischen Kompositionsstruktur inspirieren lassen. Kann man diskutabel finden. Hat aber Spaß gemacht.“ (Tilman Strasser)

„Die Form meines Romans ergab sich aus der Hauptfigur. Da sie Borderlinerin ist, musste das Buch ganz tiefe Tiefen und ganz hohe Höhen haben, um den Leser die Stimmungsschwankungen mitfühlen zu lassen. Auch die Abgeklärtheit und Beziehungslosigkeit der Heldin führten zu dieser Zeitweise sehr harten Sprache. Für mich war es wichtig, dass die Ich-Erzählerin in der Gegenwart spricht, dass der Leser oder die Leserin die Aktualität begreift und Position beziehen muss. Und vielleicht auch den Impuls bekommt, die Protagonistin zu schütteln und sie anzuschreiben. Oder sie zu umarmen – dadurch entsteht eine intime Begegnung mit der Heldin.“ (Sandra Weihs)

„Ersteres. Ich bin ein Geschichtenerzähler. Ich bewundere Autoren und Autorinnen, die einen anderen Zugang zu Literatur haben als ich, die mit Sprachen und Formen experimentieren. Grenzen ausloten. Wenn ich schreibe, ordnet sich jedoch alles automatisch der Geschichte und ihren Figuren unter.“ (Frank O. Rudkoffsky)

„Uff. Die Form hat mir geholfen, diesen riesengroßen Inhalt zu bündeln. Und der Inhalt ist inmitten des kreativen Prozesses entstanden, den die Form ihm vorgab. Aber am Anfang war der Inhalt. Dann kam die Form. Dann der Inhalt im Inhalt.“ (Shida Bazyar)

Bist du deinen Figuren schon mal im wahren Leben begegnet?

„Manche ähnelten ihnen. Keiner schaute ihnen gleich.“ (Anna Baar)

„Vor und während des Schreibens nicht, aber manchmal sehe ich jetzt Leute auf der Straße, bei denen ich an die Figuren aus meinem Roman denken muss. Das gefällt mir.“ (Karin Kalisa)

„Mir scheint, dass diese Unterscheidung zwischen dem wahren und dem falschen Leben, die ja selber gar nicht wahr ist, vor allem auf der Annahme beruht, dass wir die Literatur durch die Brille der Welt prüfen müssten. Was natürlich sehr bequem ist. Statt die Welt durch die Brille der Literatur zu betrachten.“ (Martin Lechner)

„Meine Figur aus „2009“ ist mir einmal begegnet, Mo, der Student, der etwas rotzig und trotzig durch die Welt geht, irgendwie politisiert ist, und irgendwie auch wieder nicht. Aber ich habe ihn nicht gesprochen. Er ist mir auf der Straße begegnet und weitergelaufen. Vermutlich war er zum Döner-Essen verabredet, oder er musste dringend Tabak kaufen. Er hat mich keines Blickes gewürdigt. So gehört sich das ja auch, für eine Romanfigur.“ (Shida Bazyar)

„Nein, aber den Emotionen, die sie umtreiben.“ (Pierre Jarawan)

Welche Rolle spielt für dich literarische Tradition?

„Ich mag Bücher, die ihre Geschichte nicht mit, sondern in der Sprache erzählen.“ (Martin Lechner)

„Darüber mache ich mir beim Schreiben nur wenig Gedanken, zumal ich vor meinem Debüt recht unterschiedliche Romane geschrieben habe. Grundsätzlich fühle ich mich in der amerikanischen Literatur aber ein wenig mehr zuhause; der Spagat zwischen Tragik und Komik, zwischen Anspruch und Unterhaltung gelingt – zumindest für meinen Geschmack – dort häufig besser. (Frank O. Rudkoffsky)

„Ich verbinde drei Traditionen miteinander: die schwärmerische und poetische Tradition des Orients, die klassisch-russische Erzählweise bei der Entfaltung der Erzählstränge und die deutsche Tradition des exakten Denkens und Planens in der Konzeption sowie in der Formulierung.“ (Massum Faryar)

Welche Unterschiede in der Rezeption gibt es deiner Meinung nach zwischen dem Feuilleton und der Blogosphäre usw.?

„Blogger schreiben für ihre Leser, Feuilletonisten für ihre Kollegen. Und umgekehrt. Denn jede Aussage über eine Gruppe von Menschen mit mehr als einem Mitglied ist auch ein Klischee.“ (Peter Goldammer)

„Es gibt großartige Blogs und seichte, es gibt wunderbare Beiträge im Feuilleton und triviale – wenn es einen Unterschied gibt, dann ist es wohl eine größere Subjektivität, Unmittelbarkeit, Freude an der Mitteilung in den Blogs. Aber ich würde das eine dem anderen nicht vorziehen; sie ergänzen sich doch ganz gut.“ (Karin Kalisa)

„Es ist sicher so, dass die Blogs spezialisierter sind, also ihre Inhalte deutlich stärker auf ihre jeweilige Zielgruppe maßschneidern.“ (Aljoscha Brell)

„Das Feuilleton scheint mir oft in einer Art selbstreferentiellem Fegefeuer zu schreiben. Der Wille, mitzureden über die angeblich zehn oder zwanzig Bücher der Saison, die aus den unzähligen Neuerscheinungen pro Halbjahr ausgewählt werden, vom wem eigentlich, ist offenbar größer, als etwas Neues oder Abseitiges selbstständig zu entdecken. In den Blogs herrscht eine größere Offenheit. In beiden Bereichen wünsche ich mir aber eine verschärfte Abstinenz, sowohl von der Nacherzählung als auch vom Gefühle und Gefinde.“ (Martin Lechner)

„Literaturblogs sind persönlicher, sie beschreiben häufig eigene Erfahrung beim Lesen und verzichten auf untermauernde Belege. Aber natürlich sind manche sachlicher, manche subjektiver. Einen markanten Unterschied finde ich aber eher beim Geschlecht. Frauen rezensieren meiner Meinung nach ganz anders als Männer. Bei den Kritiken zu meinem Buch finde ich ein Gefälle von Frau – meist positiv – zu Mann – meist negativ.“ (Sandra Weihs)

„Es gibt überhaupt keine Unterschiede mehr. Ich muss sogar sagen, dass ich die besten, klügsten, durchdachtesten und reflektiertesten Rezensionen auf Blogs gelesen habe. Das liegt natürlich daran, dass ein Blogger mehr Zeit hat, ein Buch auch wirklich durchzuarbeiten. Journalisten nehmen vielleicht Rezensionsaufträge an, weil sie dafür bezahlt werden, oder sie bieten es einer Zeitung an, weil sie wissen, dass sie den Text verkaufen können. Bei Winternähe weiß ich bis heute sofort, wer einfach nur andere Artikel gelesen hat, anstatt das Buch selbst durchzuarbeiten. Irgendein Journalist schrieb irgendwo, dass meine Hauptfigur am Ende – so wie die Autorin selbst – nach Israel auswandert. Das ist natürlich totaler Quatsch. Das Buch endet in Berlin, ohne irgendeine Auswanderung nach Israel.“ (Mirna Funk)

„Ich empfinde Literaturblogs als große Bereicherung. Die Art, wie da teilweise auf Bloggerinnen und Blogger herabgeschaut wird, empfinde ich als hochnäsig. Wir können nicht sagen ‚Bücher sind für alle da, aber nur die Elite im feuilletonistischen Elfenbeinturm hat das Recht, sich angemessen zu ihnen zu äußern‘, bzw. vorauszusetzen, dass eine Besprechung im Feuilleton wertiger ist, als eine auf einem Literaturblog.“ (Pierre Jarawan)

Sind Social Media für die Gegenwartsliteratur Fluch oder Segen?

„Für mich steht Social Media für Vereinsamung. Nichtteilnahme. Nichtteilhabe.“ (Anna Baar)

„Weder noch. Die sozialen Medien gehören zur Realität von Autoren wie sie zur Realität von Metzgern gehören oder von Autoverkäufern. […] Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die das sehr gut machen. Ich selbst könnt das nicht. Ich finde mich viel zu albern, um irgendeinen Unfug aus meinem Leben zu teilen.“ (Aljoscha Brell)

„Such & Flegen.“ (Martin Lechner)

„Na klar: beides. Segen, weil viele soziale Netzwerke textbasierend sind – und AutorInnen ein Publikum finden, das sie auf klassischem Weg nicht gefunden hätten (zum Beispiel Stefanie Sacknagel oder Aboud Saeed). Fluch, weil das marktmechanisch diejenigen unter Druck setzt, deren Poetik nicht mit der Dynamik von Social Media kompatibel ist. Ich kenne viele AutorInnen, die bewusst alle Netzwerke meiden.“ (Tilman Strasser)

„Sowohl als auch. Sie helfen ungemein, um sich als Autor zu vernetzen und sichtbar zu machen. Dank sozialer Medien können Projekte realisiert werden, die früher undenkbar gewesen wären, kann Zusammenarbeit entstehen, die früher an Distanz gescheitert wäre. Richtig genutzt, kann Social Media sogar selbst zur Kunstform werden – etwa bei Tweets, siehe Frohmann Verlag.“ (Frank O. Rudkoffsky)

Schon mal richtig verrissen worden?

„Nein! Ich warte sehnsüchtig.“ (Tilman Strasser)

„Es gab wohl einen Verriss in der Berliner Zeitung. Den habe ich aber nicht gelesen. Und noch einen in irgendeinem lokalen Blatt. Daran kann ich mich nicht mehr richtig erinnern. Was ich noch weiß, ist, dass ich tierisch anfangen musste zu lachen, als sie schrieb, dass es unglaubwürdig und konstruiert sei, dass Lola und Shlomo in Badebekleidung am Strand von Tel Aviv über Politik diskutieren. Da möchte man der Journalistin sofort einen Tel Aviv-Urlaub während einer kriegerischen Auseinandersetzung spendieren. Da is‘ aber nix mehr mit Small Talk am Strand.“ (Mirna Funk)

„Das hingehudelte Lob ist oft der ärgste Verriss. Die Kritiker tun mir nichts. Den beiden, die da mutwillig etwas heruntermachen wollten, kann ich nachrufen: Ihr habt nicht gelesen! Ihr habt nicht verstanden!“ (Anna Baar)

„Ja, und wie! Nachvollziehbar. War gut für mich. Diesen literarischen Blickwinkel habe ich noch nie genommen auf mein Schreiben. Im ersten Augenblick natürlich furchtbar. Zuerst weiß kein Mensch, dass du schreibst, und plötzlich wird dein Text öffentlich kritisiert. Ich habe Achtung vor dem Gesagten, gepaart mit dem Drang zur inneren Rechtfertigung… Achterbahn.“ (Sandra Weihs)

Warum ist es heute noch eine gute Idee, einen Debütroman zu schreiben?

„Ist es eine gute Idee? War es je eine gute Idee? Ist es nicht immer eine Anmaßung? Sobald ich ein Blatt beschrieben habe, muss ich an Zündholzer denken.“ (Anna Baar)

„Man kann ja nicht mit dem zweiten anfangen; Spaß beiseite: Ich glaube, es ist nicht so sehr eine Sache der Idee als vielmehr der Entscheidung, die nicht immer sehr bewusst sein muss. Man schreibt oder schreibt nicht. Oder wie es Marguerite Dumas einmal so unnachahmlich formuliert hat: ‚Ich werde nie herausfinden, warum man schreibt und wie man schreibt.‘“ (Karin Kalisa)

„Warum nicht? Weil es bereits zu viele Bücher gibt? Es gibt auch viel zu viel verschiedene Zahnpasten. Colgate, Dentagard, Aronal, Elmex, Meridol, blend-a-med, blend-a-dent, Blendax, Oral-B, Signal, mentadent, Lacalut, Eurodont, Friscodent, Dentalux, Salvamed, Dontodent, Alldent, Dentabella, Sensident, Perlodent, Acdoco, BioRepair, Blanx, PerlWeiss, elkadent, el-cemed, Perlodont, Putzi, Ajona, aminomed, Elina dent. Das sind bestimmt noch nicht alle.“ (Peter Goldammer)

„Die Frage scheint mir in mehreren Stufen falsch zu sein. Erstens, habe ich überhaupt eine Alternative dazu, ein Debüt zu schreiben? In dem Moment, in dem ich meinen ersten Roman veröffentliche, ist dieser ja notgedrungenerweise mein Debüt. Die Frage legt irgendeine Art von bewusster Entscheidung dahinter nahe, ausgerechnet ein Debüt zu verfassen. Richtiger wäre also die Frage, warum es heute überhaupt noch eine gute Idee ist, Literatur zu produzieren. Diese Frage allerdings macht aber noch weniger Sinn, denn das Wörtchen „noch“ darin suggeriert, es könne irgendwie unzeitgemäß sein, heute zu schreiben. Das Gegenteil ist aber der Fall. Wir produzieren mehr Literatur als jemals zuvor. Tatsächlich meine ich, dass es jeder Generation stets von neuem aufgegeben ist, die jeweils eigene Zeit mit den Mitteln der Kunst zu erfassen. Und zwar auch um den Preis der Wiederholung, denn die Erfahrungen von Liebe, Tod, Not, Flucht – das sind Erfahrungen, die jede Generation stets von Neuem macht, wenn auch immer unter den jeweils spezifischen Bedingungen ihrer Zeit. Schreiben ist eine zentrale Selbstvergewisserungsfunktion der jeweils lebenden Menschen. Die Frage, ob Schreiben „noch“ aktuell sei, stellt sich nicht. Wir haben keine Wahl.“ (Aljoscha Brell)

„Weil man beim Schreiben des ersten Dings blind ist und nichts sieht als die ständig unter den Fingern zerfasernden und ständig sich wieder zusammenfügenden Figuren, weil das Debüt zum Gravitationsfeld aller Wahrnehmung wird, weil die Schrift den Zuckungen einer Herzschlagmessung gleicht, weil man wie eine Comicfigur über die Kante des Abgrunds hinausläuft, dass man in der Luft geht, mein Freund, in der nackten und dummen, der allerbesten Luft.“ (Martin Lechner)

„Das ist eine furchtbare Idee. Man sollte davon Abstand nehmen. Lieber mal wieder was lesen.“ (Tilman Strasser)

„Weil man sonst schlecht einen zweiten schreiben kann! Außerdem wird man mit etwas Glück von ein paar charmanten jungen Bloggerinnen zu einer Lesung nach Essen eigeladen.“ (Frank O. Rudkoffsky)

„Vielleicht ist es gar keine gute Idee. Aber wer schreibt, kümmert sich vermutlich wenig darum, ob das eine gute oder eine schlechte Idee sein könnte. Wer schreibt, der schreibt halt. Und denkt später vielleicht: Was war denn das eigentlich für eine Idee? Und kocht sich dann einen Kaffee und liest weiter die Zeitung.“ (Shida Bazyar)

„Ist das eine Fangfrage? In dem Moment, wie man seinen ersten Roman veröffentlicht, hat man eben ein Debüt geschrieben. Aber schreiben sollte man immer, wenn man wirklich etwas zu sagen hat.“ (Mirna Funk)

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