[Allgemein] Warum wir lesen

DSC_0032 [4801890]Der Literaturblogger Sandro Abbate vom Blog novelero hat sich vor einer Weile die Frage gestellt, warum er überhaupt liest. Inzwischen ist aus diesem Beitrag ein großes Projekt geworden, zu dem er andere Literaturblogger eingeladen hat. Auch uns stellte er beizeiten die Frage, warum wir lesen und nun folgt unsere Antwort.


GravatarJanine Hasse

Vermutlich werden viele Leser bei der Beantwortung dieser so simpel anmutenden Frage zu dem Schluss kommen, dass sie nicht anders können. Manch einer mag sogar behaupten, dass er Bücher wie die Luft zum Atmen braucht. Ein wenig schaudert es mich bei solchen Sätzen, denn obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass das Lesen von Büchern die Lebensqualität deutlich anhebt, glaube ich dennoch nicht, dass irgendein Leser auf dieser Welt nicht auch ohne Bücher leben könnte. In meinem Leben gab es immer wieder Phasen, in denen ich monatelang kein einziges Buch gelesen habe, sei es, weil das Leben mich so vereinnahmte oder ich schlicht nicht das Bedürfnis danach hatte. Schlecht ging es mir dabei nie. Metapher und Pathos hin oder her, ich glaube mit solchen Phrasen kommt man der eigentlichen Antwort nicht wirklich nah. Darum also wieder von vorn: Warum lese ich?

Im Kleinkindalter wurde meinen Eltern von der Kindergärtnerin mitgeteilt, dass ich vermutlich sprachgeschädigt sei, weil ich nicht sprechen würde. Gesprochen habe ich im Kindergarten tatsächlich nur in Ausnahmefällen: Dann, wenn ich es wollte. Sprache war für mich ein Werkzeug, das ich kontrolliert und gezielt einsetzen konnte. Wollte ich mit jemandem nicht sprechen, dann hatte ich auch die Möglichkeit es nicht zu tun. Meiner Freude am sprachlichen Klang und den späteren faszinierenden Buchstabenketten tat das keinen Abbruch. Auf dieser Ebene jedoch ist auch das Lesen für mich wie ein Werkzeug, das allein meiner Kontrolle unterliegt. Ich entscheide, was ich wann lese und mit wem ich darüber sprechen möchte. Irgendwie paradox daran ist die Tatsache, dass die Texte von einer anderen Person kommen, ich trotz aller Freiheit nun aber doch abhängig bin vom geschriebenen Wort eines anderen. Dieses Spannungsfeld reizt mich stark am Lesen. Es sind die gedanklichen Räume einer anderen Person, in die ich gezielt eintreten kann, um mir dann einen eigenen Raum zu erschließen. In diesem Raum kann ich die gesetzten Buchstabenketten entweder um der Unterhaltung willen konsumieren und aus purem Spaß an den gesetzten Bildern in meiner Vorstellungswelt versinken. Oder ich zerlege und hinterfrage sie, sehe mich neuen Blickwinkeln und Wirklichkeiten ausgesetzt, die es im Geist zu analysieren und zu verarbeiten gilt.

Diese Art des Lesens ist für mich die befriedigendste Variante, weil sie mich nicht stillstehen lässt. Literatur, die mich derart bewegt, lernte ich kennen, als mein Deutschlehrer mir einen Zettel mit einem kurzen Text reichte, der mit „Franz Kafka – Die Heimkehr“ überschrieben war. Ich merkte schnell, dass bloßes Konsumieren mich diesem Text nicht näher brachte, dass ich die Leerstellen darin nicht füllen konnte ohne hinter eine weitere Tür zu blicken. Der Text schleuderte mir Fragen und Emotionen vor die Füße, auf die ich keine Antworten hatte. Er machte mich ruhelos, obwohl keine fremden Buchstabenketten vor mir lagen. So zurückgeworfen zu sein auf mich selbst, allein durch die Worte einer anderen Person, das faszinierte mich enorm. Ich suchte nach Antworten auf Fragen, die ich mir so dringlich noch nie gestellt hatte, wollte sie um meiner und des Autors willen finden. Dieser fundamentale Kontakt zwischen mir und meinem Geist hat mich meinem Ich, sofern man es so nennen will, näher gebracht. Indem ich meinem Ich nahekomme, lerne ich aber auch zwangsläufig etwas über die Welt und die Menschen an sich und zwar aus sicherer Distanz. Ich bin überzeugt, dass sich dadurch die eigene Lebensqualität enorm steigert, glaube aber nicht, dass man diesen Prozess nicht auch durch das Leben und die Menschen an sich anstoßen kann. Das konzentrierte Lesen ist für mich persönlich jedoch die einfachste Art dahinzugelangen. Und wieder habe ich die Wahl: Gehe ich auf Distanz zur Welt, um sie zu erfahren oder schmeiße ich mich mitten hinein?

Natürlich lese ich heute oft aus reinem Spaß an den Geschichten und Bildern, nehme die Bücher auf wie einen guten Film. Häufiger lese ich aber, um in den Dialog mit mir und der Welt zu treten und sie auf diese Weise kontrolliert zu erfahren. Potenziert und ins Leben rückgeführt wird das Ganze dann im Austausch mit anderen Lesern oder den realen Ereignissen in der Welt. Darum ist das Lesen für mich auch so ein kostbares Erlebnis.


LauraLaura Penning

Obwohl es in meinem Bekanntenkreis kaum jemanden gibt, der nicht liest, sehe ich mich manchmal doch der Frage gegenübergestellt, warum ich lese. Und dann noch so viel. Meistens ist die erste Antwort: „Ich habe schon immer soviel gelesen, es ist ein Teil von mir.“ Aber warum liebe ich das Lesen so, warum ist es mir nicht viel zu anstrengend und warum verbringe ich die unzähligen Stunden, die ich lese, nicht mit etwas anderem? Sich damit auseinander zu setzen, warum man eigentlich liest, finde ich ziemlich spannend, weil es gleichzeitig bewusst macht, was das Gehirn dabei leistet. Und wie gut es sich nicht nur emotional anfühlt, sondern auch für unseren Geist ist.

Warum lesen? Ambitionen

  • Urlaub in der Fiktion“: In andere Welten eintauchen

    Es hat natürlich auch mit Eskapismus zu tun, aber es kommt letztlich immer auf das Maß an: Der eigenen Welt und Identität entfliehen, indem man in eine ganz andere literarische Welt eintaucht, darin aufgeht, sich dort mental aufhält… das kann einen sehr wohltuenden Effekt haben. Sich mal nicht mit den eigenen Problemen herumschlagen, sondern jemand anderem zusehen, wie er lebt, sich verhält, Lösungen findet, in schwierige oder sehr glückliche Situationen gerät… Die Realität außen vor lassen und sich durch ein Buch wie durch eine Tür in die Fiktion hineinbegeben.

  • Rollenspiel im Kopf: Sich in (fiktive) Figuren hineinversetzen / Identifikation

    Durch das Eintauchen in die Fiktion, besteht die Möglichkeit, sich komplett mit anderen Menschen/Figuren zu identifizieren – oder im Gegenteil ihr Verhalten / ihren Charakter etc. kritisch zu betrachten und sich von ihnen zu distanzieren. Lesen wird zu einer Schulung des Rollenverständnisses, des Charakters. Man kann jemand anders sein, indem man sich in dessen Welt begibt und für eine Zeit lang die Welt aus seinen Augen sieht. Dies kann dazu führen, dass man auf einer reflektierenden Ebene das eigene, reale Leben und Verhalten überdenkt, andere Sichtweisen in Betracht zieht oder Entscheidungen revidiert.

  • Unterhaltung

    Manchmal will man einfach nur eins: Unterhalten werden. Gut unterhalten werden. Sei es durch Spannung oder eine nette Liebesgeschichte, durch etwas Fantastisches oder eine Geschichte, die einen zum Lachen bringt. Nicht zuletzt dafür lesen wir: Um nicht vor Langeweile zu vergehen und apathisch den Wolken am Himmel nachzublicken, um dem Geist neuen Input auf sanfte Weise zu geben, ohne gleich neue Horizonte zu erschließen, Wissensgewinn zu haben oder Katharsis durch ein mentales Rollenspiel zu erleben 😉 Der Unterhaltungswert eines Buches ist nicht zu unterschätzen.

  • Wissensgewinn

    Wer liest, lernt. Er sammelt Faktenwissen auf (variierend je nachdem, was man liest natürlich), er lernt, objektiv einen Sachverhalt zu betrachten oder zumindest aus einer anderen Sichtweise als der eigenen, er lernt Distanz einzunehmen oder sich zu identifizieren.

Weitere positive Nebeneffekte sind natürlich darüber hinaus ebenso vorhanden, z.B. dass Lesen auch ein Gedächtnistraining (vor allem bei personenreicher, umfangreicher Lektüre) ist. Lesen fördert die Konzentrationsfähigkeit, Empathie durch das Einfühlen in verschiedenste Figuren, Allgemeinbildung und nicht zuletzt die Kreativität und Phantasie! Im Grunde gibt es für mich für mehr Gründe dafür zu lesen, als nicht zu lesen.

Viel des Gesagten kann man natürlich auf das Rezipieren von (fiktiven) Geschichten im Allgemeinen beziehen, also ebenso auf das Filme ansehen. Es bestehen zahlreiche Gemeinsamkeiten. Und dennoch ist mir das Lesen immer noch die liebste Beschäftigung, gerade weil ich dort selbst mentale Bilder in meiner Phantasie entfalten kann.

Abgesehen von den oben genannten Gründen lese ich bspw. vor allem, weil ich nicht anders kann. Für mich ist Lesen eine Bereicherung, ein Zugewinn, ein Lebensinhalt, ein Zeitvertreib, eine Leidenschaft und ja – wohl auch eine Sucht.


SarahSarah Jäger

Manchmal finde ich kaum Zeit zum Lesen. Noch weniger Zeit zum Schreiben. Deshalb stelle ich mir meinen Handytimer auf zehn Minuten. Zehn Minuten für das Schreiben über das Lesen. Warum ich also lese … Um mich von der Welt zu distanzieren und mich gleichzeitig mit ihr zu verbinden. Dieser Gedanke schwirrt mir schon seit Tagen im Kopf rum und für mich bleibt er wahr. Wenn der Erzähler Maik in „Tschick“ erstaunt feststellt, dass er auf seiner Reise nur Menschen begegnet ist, die nett sind, obwohl sein Vater ihn immer vor Fremden gewarnt hat, dann hat diese Feststellung – ja, ganz pathetisch – im Moment des Lesens eine Lücke in meinem Herzen gefüllt. Oder wenn der Erzähler in „Der Fall Mersault – Eine Gegendarstellung“ meint, dass Gott für ihn eine Frage und keine Antwort ist, dann bin ich in einer Bar in Algerien und reiche ihm die Hand. Im realen Leben bin ich bislang nur bis Marseille gekommen. Ja, das Lesen macht es einem leicht, die Welt zu bereisen. Ein Reisen im „Sicherheitsmodus“. Was passieren wird, wird nur auf einer festgeschriebenen Seitenzahl passieren. Selbst wenn es nicht mit einem Punkt endet, selbst wenn es mitten im Satz endet oder mitten im Wort, ich weiß mit Sicherheit, es wird auf Seite 234 oder 5876 enden. Diese Sicherheit gibt mir das Leben nicht. In jedem Moment könnte alles oder nichts geschehen, es gibt keine Garantien, keine Sicherheiten, es gibt nur das Leben. Manchmal brauche ich den Zufluchtsort zwischen zwei Buchdeckeln, an dem ich die altbekannte Welt finde, oder neue Perspektiven oder manchmal sogar mich selbst. Und wenn es mich reizt, mich zu verkriechen, weil die Welt nur noch aus Brexit und AfD und Terror zu bestehen scheint, dann denke ich an Maiks Worte und gehe hinaus in die Welt, um mir selbst die Möglichkeit zu geben, all die netten Menschen kennenzulernen. Noch 34 Sekunden.


BozenaBozena Badura

„Lesen Sie nicht wie die Kinder, um sich zu unterhalten, und nicht wie die strebsamen, um sich zu bilden. Nein, lesen Sie, um zu leben“ (Gustave Flaubert, Juni 1857 an Mademmoiselle Leryoer de Chatepis)

Noch vor wenigen Jahrhunderten waren die Bücher ein kostbares Gut und Privileg, das nur einige wenige Auserwählte genossen. Doch dank Johannes Gutenberg und der modernen Technik sind die Bücher allen zugänglich gemacht worden. Dies ist selbstverständlich sehr zu begrüßen. Allerdings haben die Bücher vor allem durch die Einfachheit ihrer Vervielfältigung viel an ihrer Exklusivität und ihrem Zauber verloren. Hier wird das zur Paradoxie neigende Denken der Menschen sichtbar, denn was alle haben können, wollen nur wenige (und umgekehrt). Zudem hat sich das Buch im Laufe der Zeit und vor allem im 20. Jahrhundert zu einer Massenware entwickelt, die nicht mehr von Genies, sondern von ganz normalen Menschen geschrieben, um nicht zu sagen „produziert“, wird. Jeder kann heutzutage ein Buch schreiben und so gut wie jeder (gefühlt) tut es auch. Sehr oft wird ein Buch dann nur zu einem Haufen Papier, in das Buchstaben eingepresst wurden…

Doch für mich sind Bücher viel mehr als die Summe ihrer Buchstaben und Seiten. Denn die Bücher sind zwischen zwei Deckel eingeschlossene Welten, die es zu entdecken gilt. Es sind Geschichten, die berühren, belehren oder auch unterhalten und uns jedes Mal etwas von uns selbst erzählen. Durch einen Text kann ich die Welt, in der ich lebe, und die Menschen, denen ich begegne, besser verstehen, denn ohne Bücher wäre der Mensch einsam.

Warum lese ich? Darauf kann ich nur mit einer Gegenfrage antworten: Warum atmest du?

2 Gedanken zu “[Allgemein] Warum wir lesen

  1. Pingback: Warum ich lese – novelero

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