[Rezension] Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern

produkt-2667Pierre Jarawan war bisher nur den Poetry-Slam-Fans bekannt. Dies änderte sich allerdings im Frühjahr dieses Jahres, als er seinen Debütroman „Am Ende bleiben die Zedern“ veröffentlichte – eine Suche nach dem verschollenen Vater und den eigenen Wurzeln. Was von dem vor vielen Jahren verschwundenen Vater blieb, sind seine Gute-Nacht-Geschichten und eine Verehrung für die alte Heimat der Elter, den Libanon, der sich übrigens in der Realität als vollkommen anders erweist.

„Schon als Kind liebte ich die Vorstellung, einmal hier zu sein. Doch jetzt steckt mir dieses Messer zwischen den Rippen, und der Schmerz schießt in meinen Brustkorb, dass ich nicht mal schreien kann. Wir sind doch Brüder, will ich rufen, während sie mir den Rucksack vom Rücken reißen und mich treten, bi ich auf die Knie sinke. […] Ich fühle Angst in mir aufsteigen. Und Wut. Ich bin nicht fremd hier, will ich ihnen hinterherschreiben. Das Echt ihrer Schritte verhört mich. Ich habe Wurzeln hier, will ich rufen, doch heraus kommt nur ein Gurgeln.“

Seit der Veröffentlichung ist Pierre Jarawan nicht nur ein beliebter Lesungsgast, der seine One-man-Show souverän absolviert, sondern auch ein Best-Seller-Autor. Es überrascht nicht, da Pierre Jarawan ein interessantes Thema behandelt und dies sprachlich gekonnt und auf eine spannende Weise tut – auch wenn sich seine „Klippenhänger“-Taktik schnell durchschauen lässt. Was allerdings überrascht, ist die vergleichbar niedrige Anzahl an Rezensionen zu diesem Roman, die sich noch bei einer genaueren Lektüre als wenig aussagekräftig.

Was sagen sie aber? Die meisten begrenzen sich auf die Inhaltswiedergabe, die Feststellung, der Roman sei redundant und ausufernd und greifen auf die Poetry-Slam-Erfahrung des Debütanten zurück oder suchen in seiner Biografie nach der Berechtigung zum Schreiben eines Romans über die Suche nach der eigenen Identität zwischen zwei Kulturen (und finden sie auch natürlich).

Doch der Roman hat mehr zu bieten, als nur seinen grob nacherzählten Inhalt, denn abgesehen von der Identitätssuche, der Selbstfindung zwischen zwei Kulturen oder der Liebesgeschichte, behandelt er z.B. die Frage nach der erfolgreichen Integration der Einwanderer (im Falle Samirs handelt es sich sogar bereits um die zweite Generation, denn er kommt schon in Deutschland auf die Welt) in die Kultur der neuen Heimat. Hierfür sind in diesem Roman zwei Figuren zuständig, die sich auf mehreren Ebenen bespiegeln. Samir und Yasmin. Beide sind unter fast gleichen Bedingungen und zudem so gut wie zusammen aufgewachsen, haben gleiche Schulen besucht und sind doch unterschiedlich geworden… Aber warum?

Die Antwort auf diese Frage liegt womöglich in dem Umgang der Eltern mit ihrer alten Heimat. Denn während Yasmins Vater ihre Tochter wie eine Deutsche aufwachsen lässt, bleibt Samir blind in die alte Heimat seines Vaters – sein Vaterland – verliebt. Diese Verehrung wurde ihm von seinem Vater vermittelt, der seinem Sohn Märchen – im wahrsten Sinne des Wortes – über das Land erzählte. Dies wurde vom Autor auf eine interessante Art und Weise im Text komponiert: Während sich die Figuren aus diesen Geschichten als lebende Menschen entpuppen, muss Samir alles, was ihm als der „wahre Libanon“ schien, als ein Märchen erkennen. Es ist eine bittere Erfahrung, als der Protagonist als junger Erwachsener dieses Land zum ersten Mal besucht und feststellen muss, dass es dieses Land, das er so viele Jahre verehrte, gar nicht mehr gibt und alles, was man dort vorfindet einem fremd erscheint:

„Für mich ist es schwierig zu akzeptieren: Ich bin ein Tourist im Land meiner Eltern.“

Ein weiterer Punkt, der in keiner von mir gesichteter Rezensionen angesprochen wurde, ist das für einen deutschsprachigen Leser eigentlich wenig nachvollziehbare Romanende. Denn niemanden scheint zu wundern, dass Samir die im Libanon vorgefundene Situation gar nicht hinterfragt, sondern vollkommen akzeptiert. Haben sich die Leser des Romans wirklich nicht gefragt, warum Samir seinen Vater nicht um Erklärung bietet? Dieses Ende scheint allerdings, ebenso wie die in Anlehnung an die orientalische Literatur gestaltete Erzählform, auf zwei zwar nicht schriftlich fixierten, doch dadurch nicht weniger respektierten „Naturgesetzen“ des Orients beruhen: die Macht des Vaters und das Recht des Erstgeborenen.

[Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern

Berlin Verlag

448 Seiten, 2016, gebunden, 22,00 €]

Auftakt:

„Alles pulsiert, alles leuchtet.“


f0aeac737bPierre Jarawan wurde 1985 als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Amman, Jordanien, geboren, nachdem diese vor dem Bürgerkrieg geflohen waren. Im Alter von drei Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Seit 2009 zählt er zu den erfolgreichsten Bühnenpoeten im deutschsprachigen Raum. 2012 wurde er Internationaler Deutschsprachiger Meister im Poetry Slam. »Am Ende bleiben die Zedern« ist sein Romandebüt, für das er 2015 das Literaturstipendium der Stadt München und 2016 den Bayerischen Kunstförderpreis erhielt. Pierre Jarawan lebt in München. Mehr zum Autor unter http://www.pierrejarawan.de.

2 Gedanken zu “[Rezension] Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern

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