[Rezension] Szilárd Borbély – Die Mittellosen

Ein Gastbeitrag von Ansgar Skoda

Leben ohne Wert

Mein Großvater hält die Kätzchen am Schwanz und knallt ihren Kopf gegen die mit Zement abgerundete Kante der Verandatreppe. Der kleine Körper schwingt leicht und pufft kaum hörbar, als würde man einen Lappen 42450ausschütteln. Dumpf knallt der weiche Nacken gegen die graue Zementkante. Aus dem verrutschten Maul gucken die spitzen Nadeln der winzigen Zahnreihe heraus. Unter den Lidern dreht sich kein Augapfel mehr. Der dunkle Spalt der länglichen Pupille weitet sich. (Szilárd Borbély, Die Mittellosen, Seite 93)

Der Roman Die Mittellosen des ungarischen Literaturwissenschaftlers und Lyrikers Szilárd Borbély verstört, wie kaum ein anderes literarisches Werk. Aus der kindlichen Perspektive eines Elfjährigen wird von einer lieblosen und lebensfeindlichen Erziehung in einer unzivilisierten und verrohten Gesellschaft erzählt. Es ist das schwere Schicksal einer verarmten, bäuerlichen und in einem ungarischen Dorf benachteiligten Familie, das der Roman in meist kurzen Sätzen effektvoll zeichnet. Ein Junge wird dazu erzogen, seinen Eltern zu gehorchen und als Kind bereits schwere Arbeiten zu verrichten. Er muss grausam sein, um sich und seiner Familie das Überleben zu sichern:

Seit Vater nicht da ist, bin ich der Herr im Haus. Ich schneide den Hühnern und Enten den Kopf ab. Im Herbst auch den Gänsen. Man muss das Blut herausfließen lassen. Wichtig ist, dass sie nicht leiden und kein Blut in ihnen bleibt. „Blut zu essen ist verboten“, hat Vater oft gesagt. (S. 247)

Der namenlos bleibende Ich-Erzähler und seine ältere Schwester lernen, den Anweisungen ihrer Eltern unhinterfragt zu folgen. Oft verlieren sie dabei das Vertrauen in eigene Instinkte und Empfindungen. Denn obwohl sie die Regeln der Eltern nicht verstehen oder gutheißen, wird aggressiv eine Alternativlosigkeit postuliert:

Warum geht das nicht? Nur weil es immer so gemacht wurde?“ Wenn sich meine Schwester mit meiner Mutter streitet, dann sagt meine Mutter, rede mir nicht rein. „Ich habe dich rausgeschissen. Ich werde mich doch nicht mit meiner Scheiße streiten“, sagt sie. Es ist alles vergeblich. (S. 169)

Borbélys Debütroman arbeitet mit einer derben Sprache, die die Grausamkeit der Dorfgemeinschaft wirkungsvoll unterstreicht. Immer wieder wird beschrieben, wie Dorfbewohner hemmungslos andere des Spaßes halber quälen und diese so zu Opfern und Außenseitern in der Gemeinschaft machen: Sie pinkelten an den Türpfosten. Dann schiss einer von ihnen vor die Tür, wie ihn das Bedürfnis überkam. Als er furzte, brach das Gegröle los. (S. 184)

Größte Angst des Ich-Erzählers ist es, selbst als Außenseiter in der Gemeinschaft stigmatisiert und gequält zu werden. Mehr und mehr muss er erkennen, dass er hierauf wenig Einfluss hat, weil schon seine Eltern im Dorf nicht anerkannt werden. Sein Vater ist lange Zeit arbeitslos, obwohl er sich redlich um Verdienstmöglichkeiten bemüht. Seine Mutter wird immer wieder beim Einkaufen betrogen und sehnt sich danach, aus dem Dorf wegzuziehen. Es fällt den Eltern des Protagonisten schwer, sich mit den lebensfeindlichen Gegebenheiten im Dorf zu arrangieren. Der Roman lässt offen, ob die Familie des Ich-Erzählers im Dorf aufgrund einer von der Gemeinschaft abweichenden Religiosität benachteiligt wird. Vieles bleibt bewusst unausgesprochen. Borbély findet kraftvolle und poetische Bilder, wenn sich der Protagonist gedanklich in einen Hund hineinversetzt, weil ihm seine Mutter gewohnheitsmäßig eine Antwort auf eine grundlegende Frage schuldig bleibt:

Ich frage sie erneut, weil die Stille nicht gut ist. Sie gebiert Angst. Schnüffelt an einem herum wie ein Hund. Hat keine Stimme, taucht plötzlich auf, geräuschlos. Lauert einem immer auf. Er tut dir nichts. Schmiegt sich heimtückisch an dich. Verharrt in deiner Nähe. Doch zuvor entscheidet er, ob er es mit einem Dieb zu tun hat. Man muss dann warten, bis sein Herrchen auftaucht und die Stille, die in den unteren Ästen des Baumes hockt, aufschreckt. Der Ton lässt sie davonfliegen. Und der Hund verzieht sich hinter den Rücken des Herrchens. (S. 107)

Selten gibt es Momente, in denen der gleichförmige Alltag harter Arbeit unterbrochen wird, wenn dem Ich-Erzähler Geschichten erzählt werden und so aufschlussreiche neue Hintergründe in die Handlung hineinspielen. Der Großvater erzählt so vom Krieg, Gefangenschaft und dem Abtransport einer bekannten jüdischen Familie aus dem Dorf, während er seinen Enkel an sich drückt. Grenzen überschreitend wirkt auch die körperliche Nähe und Intimität der Familienmitglieder untereinander bedrohlich. Der Ich-Erzähler lebt mit seinen Eltern und Geschwistern äußerst beengt auf einem einzigen Zimmer und kennt keine Rückzugsmöglichkeiten oder Privatsphäre. Er kann sich somit den Wünschen und Bedürfnissen anderer, die ihm nicht guttun, nicht entziehen:

Manchmal bricht die Liebe aus meiner Liebe aus meiner Mutter heraus, dann küsst sie uns ab. Dann greift auch sie mir an den Hintern wie Tante Magdus. „Was du für einen schönen Hintern hast“, sagt sie. Sie streichelt auch meinen Pimmel. Nach einer Weile ziehe ich den Hintern weg. Ich möchte nicht, dass sie ihn anfasst.“ „Da, sie an, der kleine Fratz“, sagt sie, als sie bemerkt, dass ich mich entziehe. „Schon ein großer Junge“, sagt sie. (S. 257)

Beim Lesen von Die Mittellosen gerät man mit dem namenlosen Ich-Erzähler in einem Sog der Ausweglosigkeit unangenehmer Prüfungen, denen man sich auch als Leser kaum zu entziehen vermag. Zwangsläufig fragt man sich irgendwann, was Szilárd Borbélys Intension beim Erzählen dieser bedrückenden Geschichte war. Das Leiden des Protagonisten erscheint ebenso endlos, wie sein In-den-Raum-werfen von Primzahlen, mit denen er versucht, Dinge festzuhalten. Der zwanghafte Gedanke, dass man etwas nicht teilen kann, begleitet das Erzählte leitmotivisch. Vieles bleibt im Vagen, doch hinter dem Verschweigen der Zusammenhänge, die das Leid provozieren, steht auch das Leid im Nachkriegs-Ungarn, in dem über die unheilvolle Vergangenheit nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Borbély macht es seinen Lesern schwer, der Geschichte sinnstiftende Momente abzugewinnen, indem er in der kindlichen Perspektive verharrt und beispielsweise ausspart, welche Erfahrungen der Ich-Erzähler auf dem Gymnasium macht. Der 1963 selbst in dörflichen Verhältnissen geborene Autor wählte 2014 den Freitod, ein Jahr nach der Veröffentlichung seines autobiographisch grundierten Romans. In den erhellenden Nachworten der Übersetzer Heike Flemming und Lacy Kornitzer wird deutlich, dass Borbély unter der Veröffentlichung seines Romans litt, weil er sich an seine Heimat zurückerinnerte, mit der er insbesondere Gefühle der Wut, Ohnmacht und Angst verband. Die Mittellosen ist ein Roman, der aus diesen stets facettenreich mitschwingenden Gefühlen seine größte Kraft schöpft.

Diese Buchkritik erschien erstmals hier

[Szilárd Borbély – Die Mittellosen

350 Seiten, Taschenbuch, Broschur

Suhrkamp Verlag

Aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Lacy Kornitzer]


Ansgar2-150x150Ansgar Skoda ist Kulturkritiker, Redakteur und Social Media Manager aus Bonn. Seit vielen Jahren veröffentlicht er seine Beiträge in unterschiedlichen Medien wie beim Stadtmagazin Schnüss, der Fachzeitschrift Treffpunkt Europa und dem Online-Magazin Kultura Extra. Auf Radio Bonn-Rhein-Sieg wurden fünfzig einstündige Radiosendungen von ihm ausgestrahlt. Auf seinem Blog findet ihr die Vielfalt seiner gebündelten Beiträge zu den Themen Politik, Gesellschaft und Kultur etc.

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