[Zweierlei] Frank Witzel – Bluemoon Baby

Bluemoon Baby von Frank Witzel

Es gibt mal wieder ein neues Zweierlei für euch, diesmal sogar in neuer Besetzung. Marion (vom Blog schiefgelesen) und ich haben Frank Witzels Debütroman gelesen und waren beide gleichermaßen begeistert.

Worum es geht: Frank Witzels Roman erzählt aus dem Leben sehr unterschiedlicher Menschen während eines langen Wochenendes in den 1990er Jahren: die Geschichte des Gymnasiallehrers Hugo Rhäs oder der Professorin für Gender Studies Sabine Rikke; die der alternden Schlagersänger Tamara Tajenka und Bodo Silber; die des Grateful-Dead-Fans Abbie Kofflager oder des Psychiaters Rubinblad und anderer in Deutschland, den USA und Kenia. Begegnen sie sich zufällig oder ist doch alles von der CIA arrangiert? 

Janine GremmelJanines Antworten                Marions AntwortenMarion

Worum es wirklich geht:

  • Es geht um das Konstruieren und Wahrnehmen von Wirklichkeiten. Was können wir wirklich wissen?

  • Der Geheimdienst weiß zu verhindern, dass wir das abschließend verstehen.

War dir die Autorin / der Autor bereits bekannt? Wodurch?

  • Ich bin erst durch den deutschen Buchpreis 2015 auf den Autor aufmerksam geworden. Der mehr als auffällige Titel seines Romans, mit dem er dort angetreten ist, hat mich neugierig gemacht, allein der Umfang des Romans hat mich bisher davon abgehalten ihn zu lesen.

  • Spätestens durch den Deutschen Buchpreis 2015. Den manisch-depressiven Teeanger hatte ich kurz vorher gelesen und sehr geliebt, später dann auch Revolution und Heimarbeit.

Welche Erwartungen hattest du an den Roman?

  • Ich hatte keine bestimmten Erwartungen an den Roman.

  • Sehr, sehr hohe. Weil die beiden anderen Romane wirklich brillant waren.

Überzeugt dich der Plot?

  • Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Mich überzeugt der Roman als Gesamtkonzept völlig, der Plot an sich ist aber derart irrsinnig und überzogen, dass man hier vielleicht eher davon sprechen sollte, dass er in sich stimmig ist.

  • Ja. Nein. Jeder einzelne Handlungsstrang ist gnadenlos übertrieben und absurd, der Plot somit völlig hanebüchen, aber das ist einfach nicht das Kriterium, mit dem man hier arbeiten kann. Der Plot ist völlig bescheuert, aber nur so funktioniert das Buch.

Sofort mittendrin oder langsam reinkommen – wie gefällt dir der Einstieg in die Geschichte?

  • Es ist ein eher langsamer Einstieg mit vielen Erklärungen zu Situationen und Personen, dennoch ist man aufgrund der Struktur des Romans in den einzelnen Handlungssträngen auch mittendrin. Sie bauen sich auf und nach jedem Kapitel bzw. Sprung hofft man auf Wiederholung oder Auflösung der einzelnen Handlungen, stattdessen gibt es zu Beginn immer wieder neue Fäden, die der Autor spinnt. Das ist einerseits mühselig, andererseits erhöht es auch die Spannung.

  • Da hab ich schon ein bisschen gebraucht. In die einzelnen Erzählstränge findet man zwar leicht rein, es dauert aber, bis man die Zusammenhänge findet.

Was hältst du vom Ende des Romans?

  • Das Ende der Handlungen ist so irrsinnig wie der komplette Roman, aber durchaus in sich schlüssig. Der sich anschließende Epilog war für mich die erhellendste und zugleich frustrierendste Leseerfahrung des Romans. Es bleibt schlussendlich die Frage: Was können wir wissen?

  • Das Ende ist ebenso abstrus wie der Rest des Romans. Witzel lässt einen mit wenig losen Enden zurück, das meiste klärt sich irgendwie auf, darüber war ich ganz froh. Noch froher war ich über den Epilog, der rückblickend ein, zwei Fragen beantwortet hat.

Was sind zentrale Themen und Motive des Romans?

  • Bei den Themen und Motiven fährt Witzel so einiges auf: Von Beat-Literatur über Derrida und den Geheimdienst bis hin zum Verein Lebensborn findet sich hier alles. Zentral ist sicherlich ein kritischer Blick auf den Umgang der Medien mit Ereignissen und Wirklichkeiten und den all zu naiven Blick der Konsumenten.

  • Der Geheimdienst, der eigentlich alle Strippen zieht. Außerdem Beat-Autoren, Wahnsinn, christliche Sekten, die Nachkriegsjahre, Schlager und Derrida.

Wie sind die Charaktere beschrieben?

  • Die Charaktere sind allesamt krankhaft überzogen. Jeder steigt irgendwelchen fixen Ideen nach, ist überfordert mit seinen Lebensaufgaben oder gerät in völlig abstruse Situationen, die ihn dauerhaft prägen.

  • Manisch. Die Charaktere sind ebenso abstrus wie der Rest des Romans, ihreHandlungen und Motivationen sind aber in sich schlüssig.

Ausufernde Detailverliebtheit oder flüchtige Überschau – wie gestaltet die Autorin / der Autor die Welt der Geschichte und was gefällt oder missfällt dir daran?

  • Der Roman lebt nicht von einer Detailverliebtheit, sondern von den wahnhaften Ideen und Figuren. Es ist alles so präzise wie nötig geschildert, um einen Eindruck der Szene zu bekommen, im Vordergrund stehen aber die Figuren und die Dialoge.

  • Große Detailverliebtheit sehe ich in diesem Roman nicht, auf jeden Fall aber wird alles so beschrieben, dass man es sich vorstellen kann. Die Szenerie spielt in den meisten Kapiteln auch überhaupt keine große Rolle, so dass man auf große Beschreibungen gut verzichten kann. Ich fand es also ganz gut, dass diese mehr oder weniger irrelevanten Details ausgelassen wurden.

Wie gefallen dir Stil und Sprache des Romans?

  • Ich bewundere den lockeren Ton, in dem Witzel seine doch sehr komplexe Geschichte erzählt. Es gelingt nicht vielen Autoren eine solche Geschichte zu erzählen ohne dabei ins Alberne oder auch ins Verklärte abzurutschen. Witzel ist ein souveräner Erzähler, der ein Händchen für die Balance aus Anspruch und Unterhaltung hat.

  • Sehr. Obwohl Witzels Romane immer ziemlich komplex sind, hat er eine lockere und oft auch sehr witzige Art zu schreiben, ohne dass es jemals platt wird.

Wie lange hast du an dem Roman gelesen?

  • Ungefähr eine Woche.
  • Drei Tage, aber an einem dieser Tage habe ich 8 Stunden mit Zug fahren verbracht.

Was sind die Stärken des Romans?

  • Definitiv der Humor Witzels: Es gab tatsächlich Momente, in denen ich beim Lesen laut auflachen musste. Die Vermischung von realen und erdachten Fakten ist herrlich verwirrend. Des Weiteren finde ich Konzept und Idee des Romans schlicht großartig.

  • Der Witz, die Menge der Themen, die Art, wie sich die einzelnen Handlungsstränge, die nichts miteinander zu tun haben, langsam zu einem großen Plot verbinden.

Was sind die Schwächen des Romans?

  • Ich habe die eingebrachten philosophischen Konzepte im Roman teilweise als störend empfunden. Sie stechen oftmals unangenehm aus einer zum Himmel schreienden Handlung heraus. Auch der überbordende Themenkessel, aus dem Witzel schöpft, ist manches Mal zu viel des Guten.

  • Wenn man andere, spätere Romane von Witzel kennt, merkt man, dass er bei Bluemoon Baby noch nicht alles gegeben hat. Die Ansätze dessen, was seine späteren Bücher so großartig macht, sind absolut da, aber er holt noch nicht alles raus.

Gab es nennenswerte Besonderheiten?

  • Das Konzept des Nebeneinanderstellens von Wirklichkeiten sowie die Dekonstruktion derselben im Text ist eine große Besonderheit des Romans.

  • Witzel bringt verschiedene philosophische Konzepte in seinem Roman unter, inkl. einem Cameoauftritt von Derrida. Auch die Beschäftigung mit der Literatur der Beat-Generation taucht häufiger im Roman auf. Und eben der etwas ungewöhnliche Aufbau des ganzen, den ich ja schon erwähnt habe.

Hat das Buch etwas in dir verändert oder hast du etwas Bedeutsames gelernt?

  • Der Roman hat mich nicht verändert, aber sicher ein Stück weit aufmerksamer auf spekulatives und realistisches Erzählen werden lassen .

  • Ich glaube jetzt, dass ich sehr wohl Spaß an Beat-Autoren haben könnte und werde mich damit nochmal auseinandersetzen. Mein letzter Versuch ist fulminant auf Seite 3 von Naked Lunch gescheitert, seitdem hatte ich keine Lust mehr.

Das Buch ist vergleichbar mit…

  • Extrem schwierige Frage. Wahnhaftigkeit und Komik könnten auch in Wolfgang Herrndorfs Sand auftauchen, die abstrusen Ideen erinnern an Romane von Clemens Setz, Aufbau und satirisch-ironische Kritik ließen mich an Uli Wittstocks Weißes Rauschen denken. Irgendwo dazwischen ließe sich Witzel wohl am ehesten einordnen.

  • Schwierige Frage. Die Art, wie die einzelnen Geschichten langsam miteinander verknüpft werden, hat mich sehr oberflächlich an Simple Storys von Ingo Schulze erinnert. Die Schlagergeschichte hat sich ein bisschen wie Giganten der Zärtlichkeit gelesen. Und die Figur des Kalle könnte von Heinz Strunk sein. Aber für den kompletten Roman finde ich kein vergleichbares Buch.

Wem würdest du das Buch empfehlen?

  • Allen, die völlig irrsinnige Handlungen, etwas Ungewissheit, und die Tatsache ertragen können, dass vielleicht einfach alles nur Humbug ist, was man gerade liest.

  • Allen, die keine Angst vor und Lust auf verschachtelte Erzählstränge haben und die es ertragen, wenn man über lange Strecken nicht weiß, was der Autor eigentlich von einem will.

Ein Moment zum Festhalten – deine liebste Stelle

  • „Die Wahnidee fängt wahrscheinlich dort an, wo man der Leere einen Sinn zuordnet.“

  • “Dem Geheimdienst hingegen geht es um Zusammenhänge. Alles ist immer von gleicher Bedeutung. Zufällig lautet auch die Definition der Paranoia so, aber das ist nur ein Zufall”

[Frank Witzel – Bluemoon Baby

btb

351 Seiten, 2017, Tasschenbuch 10,00 €]

Lesens- und Sehenswertes:

Auftakt

Siebzehn Jahre Deutschunterricht im staatlichen Dienst haben Hugo Rhäs nicht gut getan.


frank_bigFrank Witzel wurde 1955 in Wiesbaden geboren, lebt als Schriftsteller, Musiker und Illustrator in Offenbach und hat diverse Gedichtbände und Romane veröffentlicht. 2001 erschien sein Debütroman Bluemoon Baby, das von der Presse jedoch weitgehend unbeachtet blieb. Es folgten die Romane Revolution und Heimarbeit (2003) und Vondenloh (2008). Für seinen Roman Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 erhielt er den Deutschen Buchpreis 2015. Sein aktueller Roman Direkt davor und kurz danach ist im September 2017 bei Matthes & Seitz erschienen.

3 Gedanken zu “[Zweierlei] Frank Witzel – Bluemoon Baby

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