[Interview] Anja Kampmanns Debüt „Wie hoch die Wasser steigen“ oder ein Mann ohne Zukunft

Zwar hat Anja Kampmann mit ihrem Romandebüt Wie hoch die Wasser steigen den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 nicht erhalten, doch er bescherte ihr eine mediale Aufmerksamkeit, die für jede Debütantin und jeden Debütanten überlebensnotwendig ist. Ihr Romandebüt erzählt die Geschichte von Waclaw, den es über viele Jahre in die weite, exotische Ferne zog. Doch als ihn dort nichts mehr hält, muss er einsehen, dass die zurückgelassene Welt nicht mehr auf ihn wartet. 

Waclaw ist ein Ölplattform-Arbeiter, dessen bester Freud Màtyàs nach einem Sturm nicht mehr auffindbar ist. Die Leitung der Ölplattform scheint es aber nicht besonders zu interessieren, denn niemand sucht nach ihm. Waclaw, mitunter Wenzel genannt, wird an Land geschickt und begibt sich auf eine Reise durch seine Vergangenheit. Begleitet von Erinnerungen an Màtyàs, der eindeutig mehr als nur der beste Freund war, an die ehemalige Partnerin Milena, an den Vater, der im Bergwerk im Ruhrgebiet seine Gesundheit verlor. Waclaw ist ein Rückkehrer aus der Ferne, der nach zwölf Jahren harter Arbeit zwar viel Geld, dafür aber keine Zukunft zu haben scheint. Er besucht Orte der Vergangenheit und der verpassten Zukunft, doch es ist nichts, wie es früher mal war. Seine Reise kommt einem ziellos vor und seine Reaktion auf die neue Realität ohne echte Anteilnahme, als würde er die vorgefundene Realität mit Schulterzucken quittieren. Doch nicht ohne eine vage Sehnsucht, nach dem, was vielleicht hätte sein können, wofür als Metapher Alois᾽ Posttaube gelesen werden kann, die im Norden, d.h. von dem alten Zechenhaus im Ruhrgebiet, von Waclaw freigelassen werden soll, um nach Süden, in Alois᾽ neue Heimat Italien zu fliegen. Oder werden diese Sehnsuchtsregungen bei den LeserInnen nur aufgrund der lyrisch klingenden Sprache des Romans hervorgerufen?

„Reisende ließen Dinge zurück, aber sie kamen nie wieder, um sie zu holen.“ Waclaw ist ein Reisender, der zwar wiederkommt, doch statt die zurückgelassenen Dinge zu holen, beschaut er sie nur und geht schweigend weiter. Nur wohin soll man gehen, wenn man kein Ziel vor Augen hat?

Ich habe die Autorin auf der Leipziger Buchmesse getroffen und ihr einige Fragen gestellt. An dieser Stelle bedanke ich mich bei Anja Kampmann sehr herzlich für das Gespräch.

 


ARTK_CT0_9783446258150_0001Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren. Sie studierte an der Universität Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie veröffentlichte in Zeitschriften, u.a. in Akzente, Neue Rundschau, Wespennest, und im Jahrbuch der Lyrik. 2013 wurde sie mit dem MDR Literaturpreis und 2015 mit dem Wolfgang Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März in Darmstadt ausgezeichnet. Sie lebt in Leipzig. Bei Hanser erschienen ihr Gedichtband Proben von Stein und Licht (Lyrik Kabinett, 2016) sowie ihr Debütroman Wie hoch die Wasser steigen (2018). Quelle


Hier gibt es zehnSeiten aus dem Roman, vorgelesen von Anja Kampmann.

Anja Kampmann liest aus ihrem Roman am 17.05.18 in Essen bei der Buchhandlung Proust! Mehr Infos hier!

4 Gedanken zu “[Interview] Anja Kampmanns Debüt „Wie hoch die Wasser steigen“ oder ein Mann ohne Zukunft

  1. Liebe Bozena,
    das tolle und anregende Interview mit Anja Kampmann kommt für mich ja „just in time“, weil ich gerade an meiner Buchbesprechung sitze und schreibe. Und überlege, wie ich dieses wunderbare Buch mit den richtigen Worten beschreibe. Besonders interessant – und da hat mir jetzt das Interview noch einmal auf die Sprünge geholfen – ist die Dualität von Enge und Freiheit, die Anja Kampmann anspricht. Da habe ich wohl den wirtschaftlichen Zwängen etwas zu viel Bedeutung zugewiesen. Es gibt also noch einmal etwas zum Nachdenken.
    Viele Grüße, Claudia

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