[Rückblende] Lucy Fricke – Durst ist schlimmer als Heimweh // 2007

51GwPSqnC1L._SX301_BO1,204,203,200_Es war schlimm. Rückblickend würde ich sagen, ich habe nur weitergemacht, weil ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte. Weil das bitte nicht alles sein durfte. Die Probleme begannen früh und sie begannen natürlich bei mir. Ein Buch zu schreiben, ein Buch zu veröffentlichen, Schriftstellerin zu werden, das war der Traum schlechthin, ein regelrechter Lebenstraum. Wenn sich ein solcher Traum erfüllt, sind die Erwartungen enorm. Das war das erste Problem: Ich hatte gedacht, alles würde sich ändern. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ein Traum sich erfüllen kann und gleichzeitig absolut nichts passiert. Dass die Erfüllung quasi vor einem auf dem Boden herumkriecht.

Mit Ende Zwanzig schmiss ich meinen gut bezahlten, aber völlig unkreativen Filmjob hin, um am Leipziger Literaturinstitut zu studieren. Bis heute halte ich es annährend für ein Wunder, dass sie mich dort zum Studium zugelassen haben. Von all den Texten, die ich dort eingereicht habe, war mein Lebenslauf wahrscheinlich der interessanteste. Zwei Jahre später, im Jahr 2005, gewann ich den 1.Preis beim open mike der Literaturwerkstatt Berlin. Die Kurzgeschichte, die ich las, war die dritte oder vierte, die ich je geschrieben hatte. Die Lesung dort war meine allererste. Vor Aufregung blieb ich fast das gesamte Wochenende lang stumm. Und dann stand ich dort, mit Blumenstrauß und Urkunde, die Taschen tatsächlich voller Visitenkarten. Ich weiß noch, dass ich damals dachte: Jetzt geht es los! Das Problem, das zweite Problem also, war: Ich hatte nichts, mit dem es hätte losgehen können. Ich hatte in meinem Leben einen einzigen guten Text geschrieben und den kannten jetzt schon alle. Und die fragten nun nach meinen Schubladen. Ob ich nicht was in der Schublade hätte. Aber da war nichts, absolut nichts. Also setzte ich mich hin und schrieb, nicht für die Schublade, sondern für den großen Durchbruch. Ich schrieb mir ein Jahr lang die Jugend aus dem Leib. Was mir vorschwebte, war ein radikaler, schonungsloser Roman, kunstvoll, brutal und mit Humor. Wie so viele Debütromane war auch meiner autobiografisch und ich nahm mir vor, das in den Interviews niemals, unter keinen Umständen zuzugeben. Eigentlich ein Glück, dass es dann gar keine Interviews gab.

Fricke

© Dagmar Morath

Als das Manuskript zur Hälfte fertig und ich komplett pleite war, gab es meine Agentin (die immerhin hatte ich seit dem open mike) an alle interessierten Verlage. Es waren über dreißig. Ein paar Wochen später trafen wir uns und so schonend wie möglich versuchte sie mir zu sagen, dass kein einziger Verlag das Manuskript zu diesem Zeitpunkt kaufen wollte. Die meisten hatten auch jegliches Interesse an dem fertigen Manuskript verloren. Etwa fünf sagten, wir könnten uns ja nochmal melden, wen es soweit sei. Aus reinem Trotz schrieb ich weiter.

Am Ende konnte ich mich zwischen drei Verlagen entscheiden und wählte den Piper Verlag. Das Buch ging unter wie ein Stein. Auf der Buchmesse hatte ich zwei Termine, mit einem kleinen Popkulturmagazin und einem Studentensender. Es gab einen Verriss in der Frankfurter Rundschau und hier und da einen Acht-Zeiler. Mein größter persönlicher Erfolg war eine Buchempfehlung in einem Magazin des LKA.

Zwei Monaten nach Erscheinen kam dann bei einer Berliner Literaturveranstaltung ein Mann in meinem Alter auf mich zu und fragte mich, wie ich denn mit seinen Anmerkungen zurecht gekommen sei. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Und er hatte keine Ahnung, dass ich von nichts wusste.

Wie sich herausstellte hatte dieser Mann, von dem ich nie gehört hatte, meinen Roman lektoriert. Mir wurden die verschiedenen Durchgänge des Lektorats immer nur per Post zugestellt, so würde der Piper-Lektor angeblich arbeiten, hatte er mir persönlich gesagt. Zurückgezogen, nur er und der Text, und das fand ich in Ordnung, war mir sogar ganz recht, ich muss nicht über alles immer reden. Vollkommen verarscht fühlte ich mich trotzdem.

Zu meinem großen Glück war der echte Lektor ein fantastischer Kerl. Er wurde einer meiner besten Freunde und inzwischen ist er auch wieder mein Lektor, bei einem anderen Verlag.

© Lucy Fricke

Durst ist schlimmer als Heimweh // 2007

Piper Verlag


Lucy Fricke wurde 1974 in Hamburg geboren und lebst derzeit in Berlin. Sie arbeitete an zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen mit und hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Vier Romane hat sie bisher veröffentlicht, ihr Debütroman „Durst ist schlimmer als Heimweh“ erschien 2007 im Piper Verlag. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr aktuelles Buch «Töchter» erhielt den Bayerischen Buchpreis 2018. Seit 2010 veranstaltet Lucy Fricke HAM.LIT, das erste Hamburger Festival für junge Literatur und Musik.

 

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3 Gedanken zu “[Rückblende] Lucy Fricke – Durst ist schlimmer als Heimweh // 2007

  1. Hallo,
    sehr spannend, das zu lesen! Ich habe vor Kurzen „Töchter“ von Lucy Fricke gelesen und kann leider die allgemeine Begeisterung und den Buchpreis nicht nachvollziehen. Aber gut, Geschmäcker sind glücklicherweise unterschiedlich. Ihr Debüt kenne ich nicht. Vielleicht gefällt mir das besser, wer weiß?!

    Was ich nicht so ganz verstanden habe ist, wieso sie sich verarscht gefühlt hat? Wer war denn dieser „falsche“ Lektor? Und wieso gibt es noch einen echten Lektor? Ich kann dem vorletzten Abschnitt inhaltlich nicht ganz folgen… Vielleicht könnt ihr mir das erklären? Ich würde es sehr gerne wissen. :-)
    GlG, monerl

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    • Liebe monerl,
      es freut mich, dass dir der Beitrag gefällt. Die Rückblende-Kategorie liegt mir sehr am Herzen, es ist wirklich spannend, wie die AutorInnen zurückblicken und wie chaotisch es doch oftmals bei ihnen anlief.
      Hast du denn vor, dich mit ihren anderen Romanen auseinanderzusetzen oder hat dir „Töchter“ so wenig gefallen, dass du es nicht mehr wagen möchtest?
      Ich habe Lucy Fricke wegen deiner Frage noch einmal angeschrieben, vielleicht meldet sie sich ja dazu noch zu Wort.
      Liebe Grüße
      Janine

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      • Liebe Janine,
        ja, diese Beiträge sind wirklich toll! Es ist schön zu erfahren, was die Autoren rückblickend so denken und welche Gefühle sie damals hatten. Deshalb ganz herzlichen Dank auch, dass du meine Frage an die Autorin weitergeleitet hast. :-)

        Ich habe Lucy Fricke für mich nicht ganz ausgeschlossen. Weiß aber noch nicht, welches Buch ich lesen soll. Vielleicht das Debüt, von dem hier die Rede ist? Oder hast du einen besseren Tipp für mich?
        GlG, monerl

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