[unterwegs] 23. Literaturkurs oder die Klagenfurter Häschenschule

davEs ist Mittwoch, der 26. Juni 2019, 14 Uhr. Erst vor wenigen Minuten in Klagenfurt angekommen, stehe ich im Robert-Musil-Literatur-Museum in Klagenfurt und sehe mich um. Es ist ein sonniger und heißer Tag, alle bewegen sich im Energiesparmodus. Der Leiter des Musil-Hauses, Heimo Strempfl, begrüßt freundlich die Lesungsgäste. Die Spannung hängt in der Luft wie die Hitze. Ich ersuche mir ganz hinten einen der tollen Bachmann-Liegestühle mit dem bedeutungsschwangeren Aufdruck: „Der Mensch ist besser als sein Ruf“, lehne mich zurück und warte gespannt darauf, was mir diesjährigen Stipendiaten und Stipendiatinnen des 23. Literaturkurses und angehende Autoren und Autorinnen vom Menschen erzählen.

Schon seit fast einem Vierteljahrhundert findet wenige Tage bevor die „alten Hasen“ Klagenfurt dominieren ein Literaturkurs für junge Autoren und Autorinnen statt, der „Häschenkurs“, wie er liebevoll bezeichnet wird. 2016 las hier u.a. Bettina Wilpert (die Gewinnerin unseres Bloggerpreises für das beste Debüt des Jahres 2018), 2017 die diesjährige Publikumspreisträgerin Ronya Othmann. Vielleicht waren sie genauso aufgeregt, wie die heutigen Stipendiaten und Stipendiatinnen, vielleicht war dieser Kurs ihr Karriere-Sprungbrett, vielleicht war am Tag ihrer Lesung auch so heiß, wie heute.

Neun junge Autoren und Autorinnen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich wurden eingeladen, an dem Schreibkurs teilzunehmen. Sie wurden aus Eisendungen ausgewählt und haben nun dreieinhalb Tage mit drei TutorInnen an den eingereichten Texten gearbeitet. Es sind:

davLena Göppert (Berlin), Achim Jäger (Hildesheim), Verena Keßler (Leipzig), Lisa Krusche (Braunschweig), Grit Krüger (Rastatt), Merle Müller-Knapp (Berlin), Maya Olah (Zürich), Frederik Tidén (Düsseldorf) und Patrick Wolf (Wien).

Schon ein flüchtiger Blick auf die Liste verrät, sieben von neun AutorInnen kommen aus Deutschland. Es ist sowohl Hildesheim als auch Leipzig vertreten, auch open mike FinalistInnen fehlen nicht. Die Veröffentlichungen (meist Kurzgeschichten oder Essays) und die erhaltenen Auszeichnungen häufen sich in den biographischen Angaben. Sogar eine freie Lektorin (Grit Krüger) und eine promovierende Ärztin mit Open-mike-Erfahrung (Merle Müller-Knapp) gibt es unter den StipendiatInnen. Alleine Lena Göppert, unter deren Namen „nur“ eine Veröffentlichung aufgezeichnet ist (als „Auswahl“ gekennzeichnet), scheint noch nicht fest im Literaturbetrieb verankert zu sein. Ungeschriebene Blätter gibt es nicht.

Sie lesen nacheinander, manche im Stehen, andere im Sitzen, manche deutlich und ausdrucksstark, anderen hört man noch die fehlende Vorleseerfahrung an. Und was erzählen ihre Texte?

Zunächst überraschen sie mit einer genuinen Kohärenz der Darstellung der Gesellschaft, wobei sich in den meisten Texten des heutigen Tages ein Unterton der Verzweiflung über die Realität wahrnehmen lässt. So gibt es in den vorgelesenen Romanauszügen oder Kurzgeschichten beispielsweise kaum intakt funktionierende Familien, soziale Überforderung und psychische Krankheiten gehören wie selbstverständlich zum Alltag der Figuren. Die steigende Anspannung findet ihr Ventil in der Gewalt: auf der Wortebene („Ich liebe dich, du Fotze!“ – Lisa Krusche), in der Selbstpeinigung („37 Minuten sind mein Rekord. So lange halte ich es aus, kopfüber zu hängen. […] Klar, ist ja auch ne Foltermethode. Und genau deshalb muss ich das üben. Es ist nämlich gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich in meinem Leben mal gefoltert werde.“ – Verena Keßler) oder im Mord auf der Straße (Grit Krüger), auf den kaum jemand noch reagiert. Es werden sowohl Täter als auch Opfer vorgeführt. So begegnen wir in einem Text einer Mutter, die sich gemeinsam mit ihrem Sohn unter falschem Namen auf der Flucht vor Sven, womöglich dem ehemaligen gewaltbereiten Partner, befindet (Merle Müller-Knapp), in einem anderen einem Sohn, der einen Brief an den verstorbenen Vater (Alkoholiker) schreibt (Patrick Wolf).

Der letzte Funke Hoffnung ist in den Texten die aufkeimende Liebe mancher Protagonisten, auch wenn sie in keinem der präsentierten Texte einfach ist.

Sprachlich sind die meisten Texte in mündlicher Tradition gehalten, nicht nur der Dialoge wegen, sondern aufgrund der Satzstrukturen und Ausdrucksweisen der gesprochenen Sprache (Verkürzte Artikel, umgangssprachliche Satzstellung). Einige der Texte tragen noch Spuren der Jugendlektüre, z.B. die obligatorische Abwesenheit der Eltern oder Sommerferien als die Jahreszeit der Handlung, andere wollen sich von der „gewöhnlichen“ Form absetzen (Moya Olah), andere noch fragen nach der Selbstoptimierung und Selbstdarstellung des medialen Menschen (Frederik Tiedén).

Zwei Pausen und zweieinhalb Stunden später gehört der diesjährige Literaturkurs der Geschichte an. Wie lautet mein Fazit? Alle Teile der Gesellschaft sind in ihrer Heterogenität einander ähnlicher als man es sich selbst, in der Blase der imaginierten Individualität, zugestehen würden. Und die eigenreichten Texte? Die präsentierte Einfalt in Vielfalt enttäuscht ein wenig: Die Texte sind nämlich von der Grundstimmung und vor dem Hintergrund der repräsentierten Werte und Überzeugungen aneinander gleichender als man es sich wünschen mag. Ob die präsentierte Auswahl nun für die nächste Generation der Bachmannpreisträger repräsentativ sei oder nur ein Ausdruck der Überzeugungen der Auswahlkommission darstellt oder ob es einfach Themen sind, die bei Stipendiengebern immer gut ankommen (Die Kursteilnehmer sind schließlich keine Anfänger auf diesem Gebiet, wovon die lange Liste der Auszeichnungen zeugt.), lässt sich nicht urteilen.

Und was ist mit dem Menschen? Ist er besser als sein Ruf? Die heutigen Texte stellen ihm ein schlechtes Zeugnis aus.

Literaturkurs 2019

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