[unterwegs] Bachmann-Preis 2019 – Neulinge schlagen Profis?

Für „Das Debüt“ ist ein/e Debütant/in ein Autor/eine Autorin, der/die seinen/ihren ersten Roman vorlegte. Dieser Definition folgend, müsste mit Entrüstung festgestellt werden, dass 2019 die meisten Preise an „Schreibanfänger“ vergeben wurden. Ein schlechtes Zeugnis für die Gegenwartsliteratur? Nein. Denn in dieser Gleichung ist eine grundlegende Annahme irreführend…

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v.l. Leander Fischer, Ronya Othmann, Birgit Birnbacher, Julia Jost, Jannic Han Biao Federer |     (c) ORF/Johannes Puch

2019 war bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur das Jahr der Neulinge: Kaum ein bekannter Name stand auf der Liste der eingeladenen Autorinnen und Autoren und sieben von insgesamt vierzehn Lesenden hatten noch keinen Roman vorzuweisen oder legten erst vor Kurzem ihr Romandebüt vor (Federer). Soll damit das Image des berühmten Bachmann-Preises vom „Zerstörer der Autorenexistenzen“ zum „Karrieresprungbrett“ gewandelt werden? Denn es ist auch kaum zu übersehen, dass diese „Neulinge im Literaturbetrieb“ die Shortlist dominiert (sechs von ihnen haben auf die Shortlist geschafft) und bis auf den Hauptpreis, der an Birgit Birnbacher für „Der Schrank“ ging, alle Preise abgeräumt haben.

Aber haben sich gegen fortgeschrittene Autoren tatsächlich „Neulinge des Literaturbetriebs“ durchgesetzt? Denn ein genauer Blick auf die Kurzvita der eingeladenen „Neulinge“ verrät, dass es sich hierbei um studierte Schriftsteller, promovierte Literaturwissenschaftler, Journalisten, Theaterregisseure oder Lyriker mit Vorgeschichte handelt. Also keine AmateurInnen. Zudem haben viele von ihnen bereits einschlägige Erfahrungen im Kurztextwettbewerb vorzuweisen oder haben sich auf Essays und eben Kurzgeschichten spezialisiert. So gesehen, treten beim Bachmannpreis Sprinter gegen Langläufer der Literatur aufeinander, zwei Schreibdisziplinen, die sich in einigen kompositorischen Elementen grundlegend voneinander unterscheiden, wie z.B. in der Entwicklung des Spannungsbogens oder der Figurendarstellung. Es ließe sich daher nur behaupten, dass sich in diesem Falle Kurzgeschichten-Erfahrene gegen Vorwiegend-Roman-Schreibende durchgesetzt haben, was aber in Kurzgeschichtenwettbewerb nicht allzu sehr überraschen soll.

Wer hat denn aber teilgenommen?
(in alphabetischer Reihenfolge)

Yannic Han Biao Federer (eingeladen von Hildegard E. Keller), promovierter Literaturwissenschaftler, Mitarbeiter des Literaturhauses Köln, debütierte dieses Jahr mit einem Roman „Und alles wie aus Pappmasché“, der zum Bloggerpreis für das beste Debüt des Jahres 2019 eingereicht wurde. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur hat er einen Text vorgelegt, in dem es um Trennung und einen Neuanfang geht und in dem er sich selbst mehrmals spiegelt (Autorfiktion, Selbstironie). Die Jury zeigt sich zurückhaltend, bemängelt die Konstruktion des Textes, im Laufe der Diskussion entwickelt sich dem Text gegenüber jedoch ein spürbares Wohlwollen der Jury, es wird nun nach Motivierung und Rechtfertigung für den Text gesucht. Manche Jurymitglieder sind vom letzten Satz begeistert: „Am Hafen scheißt mir eine Möwe in die rechte Sandale, es stinkt und klebt.“ Yannic Han Biao Federer wird mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet.

Leander Fischer (eingeladen von Hubert Winkels) ist Mitherausgeber von „BELLAtriste“, hat ein Praktikum im Lektorat Hanser Berlin absolviert und studierte literarisches Schreiben in Hildesheim. Für den Bachmannpreis lieferte er eine sauber durchgeführte Schreibübung über Fliegenfischen. Als problematisch hat sich für das Zuhören allerdings sein Vortrag erwiesen, der gegen den Rhythmus im Text zu arbeiten schien und der auf die Dynamik verzichtete. Die Jury war von der Konstruktion begeistert – kein Wunder, denn der Text realisierte einige Regeln der postmodernen Gegenwartsästhetik. Dies bescherte ihm einen Platz auf der Shortlist und den Deutschlandfunkpreis.

Daniel Heitzler (eingeladen von Hubert Winkels), der wohl einzige „Neuling“ im Literaturbetrieb, der jedoch Literatur und Philosophie studierte, aber im Moment als Barkeeper arbeitet. Keine Preise, keine Veröffentlichungen, keine Vorgeschichte – ein Mysterium… Auch sein Text „Der Fluch“ ist ein Mysterium: Der wohl gute Text wurde so monoton vorgetragen, dass seine ganze Dynamik und Witz schwanden. Dies führte allmählich zu einer schwindenden Begeisterung unter den Zuhörern. Und dann kommt ein weiteres Mysterium: die Jury ist (bis auf Kastberger) grenzenlos begeistert! Wenn jemand dieses Bachmannpreis-Rätsel nacherleben will, dem empfehle ich, sich zunächst seinen Vortag und dann die Jury-Diskussion nachzuhören. Daniel Heitzler schaffte es, mit einem Text auf die Shortlist zu kommen.

Julia Jost (eingeladen von Klaus Kastberger), 2017 brachte sie den Roman „Roppongi“ von Josef Winkler auf die Bühne. In Klagenfurt legte sie einen Text „Unweit vom Schakaltal“ vor – einen Text, der zwischen dem Skandal und Ekel und einem guten Humor oszilliert, das Publikum zum Lachen brachte und die Jury begeisterte. Die Autorin in spe – sie arbeitet gerade an ihrem Debütroman – räumte den KELAG-Preis ab.

Ronya Othmann (eingeladen von Insa Wilke), Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses 2018, studierte Schriftstellerin (Leipzig), Journalistin, veröffentlichte bisher Essays, Reportagen und politische Texte. Einen solchen Text präsentierte sie auch beim Bachmann-Preis und stellte die Jury vor ein Dilemma – Ist das noch Literatur und wie soll man über den Text überhaupt diskutieren, fragten sich manche der Juroren. Ronya Othmann bekam den BKS-Bank-Publikumspreis.

Katharina Schultens (eingeladen von Insa Wilke) ist vom Haus aus Lyrikerin. In Klagenfurt las sie eine Dystopie über die Rolle und Funktion der Mütter vor, die zu Chimären werden. Die Jury bewegt sich zwischen einem Lob für Verdichtung, die Komplexität und das Lyrische, und einer negativen Kritik an der Form, die ein Lesen mit Vernunft ausschließe.

Sarah Wipauer (eingeladen von Klaus Kastberger) ist ehemalige Teilnehmerin an dem Klagenfurter Literaturkurs 2011, vor zwei Jahren stand sie im Finale beim 25. open mike in Berlin und ist Trägerin mehrerer Literaturstipendien. In Klagenfurt hat sie das Publikum im All schweben lassen, in der „Raumstation Hirschstetten“, während sie von der Nach-Tod-Erfahrung erzählte. Die Jury ist der Meinung, die Autorin habe sich dagegen entschieden, einen Bestseller zu schreiben. Sie ist aber gleichzeitig doch von dem Text abgeholt worden, denn sie schafft es letztendlich mit ihrem Text auf die Shortlist.

Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2019 sind nun Geschichte. Jetzt bleibt nur abzuwarten, wie sich die Sprinter nun im Literatur-Langlauf machen. Ich drücke auf jeden Fall alle Daumen und bin gespannt auf ihre Debütromane!


Eine Zusammenfassung über alle Jury-Diskussionen ist hier zum Nachlesen.

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