[Literaturpreis] Lola Randl – Der grosse Garten – Nominiert für den Franz-Tumler-Literaturpreis

Der grosse Garten: eine lose Einleitung zum Gärtnern, ein Einblick in das (scheinbar echte) Leben der Dorfbewohner oder ein Buch für ahnungslose Großstädter?

Am 20.9.2019 wird der Franz-Tumler-Preis für den besten deutschsprachigen Debütroman in Laas verliehen. Wie in den Jahren zuvor wird DasDebüt die Verleihung vor Ort verfolgen, doch zuvor stelle ich jeweils die Autoren und die Autorinnen in einem Interview und Statements zu ihren Romanen sowie die nominierten Romane in einer kleinen Besprechung vor. 

Der erste Satz:

Das Einzige, was im Moment im Garten wächst, ist die Pastinake.

cover-9783957577092Wer dieses Buch bereits gelesen hat, fragt sich vielleicht: Ist es überhaupt ein Roman? Technisch gesehen: ja. Denn es gibt einen Plot (der Wunsch, ein Buch über den Garten zu schreiben, und seine Umsetzung), einige Figuren (die Ich-Erzählerin, der Mann, der Liebhaber, die Mutter, Gustav – das Kind, die Nachbarin etc.), einen Anfang (die Äußerung des Wunsches, über einen Garten zu schreiben) und das (lose) Ende (der Einbruch des Winters, der die Gartensaison beendet). Es lässt sich daher durchaus behaupten, es handle sich hierbei um einen Roman. Doch fehlt niemandem hier die Literarizität und sprachliche Eleganz und Eloquenz?  Literariwas? Elowas? Die Leserschaft will ja doch lesbare Bücher – Her mit der Alltagssprache! Wer braucht den neuen Goethe!? Letztendlich wurde dieser Roman nicht nur für den Tumler-Preis nominiert, sondern landete auch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 und setzte sich somit gegen ca. 150 andere Romane des Jahres durch.

Ist es die naive bzw. die distanzierte und beobachtende (Hildesheimer?) Erzählweise, die die Leserschaft begeistert?

Eine Regel leitet sich aus einer Regelmäßigkeit ab. Man macht etwas so und so immer wieder und dann wird daraus eine Regel. Damit die Regel weiterlebt, muss man sie immer wieder einhalten. Wenn etwas mal eine Regel geworden ist, dann muss man sich dafür nicht mehr rechtfertigen. Dann ist das eben so. Regeln müssen sein, wenn Menschen mit anderen Menschen zusammenleben wollen.

Oder einige interessante Gedanken dieses Romans, wie z.B. die Idee des ästhetischen Kapitalismus?

Der ästhetische Kapitalismus sagt, dass der Wert der Sache nicht mehr die Sache selber ist oder das Geld, sondern das Erleben von der Sache, die eigene Inszenierung. Also was man tut und nicht, was man hat. […]
Es ist nicht mehr das, was man tut, das Kapitel, sondern die Inszenierung von dem, was man tut. Also die schönen Bilder. Am besten mit einem Filter, dass die Bilder aussehen wie aus der guten alten Zeit.

Zudem werden Leser, die mit der Natur nicht wirklich vertraut sind, sich aber nach der Naturerfahrung sehnen, bei den Beschreibungen der Pflanzen und Tiere auf ihre Kosten kommen, indem ihre Spiegelneuronen aktiviert werden. Vielleicht lernen sie sogar das Eine oder das Andere dabei, z.B. warum weibliche Ferkel sich schneller verkaufen als männliche. Bei der Lektüre entsteht zudem der Eindruck, die Autorin rettet das Wissen der Urahnen und konserviert es zwischen den Deckeln des Buches für die nachfolgenden Generationen. Nun, es ist dabei nicht zu vergessen, dass die Protagonistin bis dato wenig mit der Gartenarbeit zu tun hatte und dass sie alles nur recherchiert, während sie andere Figuren des Romans zur Ausführung ihrer Ideen überredet. So muss z.B. der Liebhaber mit der Schweinezucht beginnen, während sie nur beobachtend/beratend zur Seite steht. Letztendlich geht es in diesem Roman vielleicht weniger um die Gartenarbeit an sich, sondern vielmehr um die Sehnsucht der heutigen Gesellschaft nach der Selbstversorgung? Wer weißt denn schon, wonach sich die Gesellschaft neuerdings sehnt?

Dieser Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019.

„Der grosse Garten“ ist ebenfalls für „Das Debüt“ Bloggerpreis für Literatur für das beste Debüt des Jahres eingereicht worden.

Leseprobe


Interview mit Lola Randl

September 2019

Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet?

Zwei Jahre.

Wie schwer gestaltete sich die Verlagssuche? 

Dafür ist es natürlich gut auf dem Dorf. Weil wenn jemand ins Dorf kommt, und der was sucht, dann trifft man den ja auch. Und so traf ich schließlich auch Andreas Rötzer, meinen Verleger. Und als er auf einmal vor mir stand, habe ich gesagt, dass sie, also Matthes und Seitz, doch mein erstes Buch rausbringen könnten, weil es sei ja schließlich auch ein Gartenbuch. Da hat Andreas Rötzer gesagt, ich soll ihm doch mal was schicken. Und da war es natürlich höchste Zeit anzufangen.

Woher kam das Bedürfnis, über den Garten zu schreiben?

Eigentlich hatte ich kein Bedürfnis über den Garten zu schreiben, sondern nur zu schreiben, aber als ich verstanden habe, dass der Garten immer eine Metapher ist, also quasi alles im Garten eine Metapher für irgendwas, wusste ich, dass ich am besten am Garten entlang schreibe, auch wenn ich eigentlich über so etwas zerfasertes und umfangreiches wie das Dorf und das Leben schreiben wollte.

Wie hast Du zu dem Buch recherchiert?

Ich habe dem Dorfwissen gelauscht und gegoogelt. Und natürlich habe ich meine Mutter und die Nachbarn über den Garten befragt, was natürlich für alles stand, aber das wussten die ja nicht. Fairerweise muss ich sagen, dass Google das auch nicht wusste. Obwohl- die Algorithmen sind ja immer ausgefeilter. Wenn ich auf der einen Seite nach dem Lilienhähnchen suche und auf der anderen nach Substitution, dann hätte Google sich da schon was denken können. Zum Glück kommt bei einem Algorithmus ja immer nur das raus, was man auch haben will.

Inwieweit ist dein Roman Zeugnis unserer Zeit?

Die Landbewegung hat ja schon eine andere Dimension angenommen. Während man vor 20 Jahren noch besserer Aussteiger oder Weltverbesserer war, wenn man aufs Land ziehen wollte, ist das heute gar nicht mehr zwingend notwendig. Durch funktionierendes Internet kann man jetzt auch vom Dorf aus am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Dieser Aspekt, eingebettet in die historische Erzählung und die Erzählung vom Dorf, das trotz Möglichkeit lieber nicht am Diskurs teilnehmen möchte, ist durchaus ein Zeitzeugnis.

Gibt es Autoren oder Bücher, die dich und dein Schreiben beeinflusst haben?

Na mich schon, aber mein Schreiben nicht so direkt. Ich habe es in der Zeit, als ich an dem Roman geschrieben habe, eher als störend empfunden von anderen Autoren etwas zu lesen. Das kam mir vor wie ein Vorschlag von einem guten Freund, ich solls doch mal so probieren. Diese Vorschläge konnte ich in dieser Zeit nicht gut gebrauchen.

Ist ein weiteres Buch geplant?

Ja, ich hab ja jetzt gehört, das zweite Buch ist das wichtigste. Uiuiui.

Welche Bedeutung hat der Franz-Tumler-Literaturpreis für dich?

Ich schätze solche Initiativen von kleineren Gemeinden sehr, die trotzdem eine große Strahlkraft haben. Ich bin ja selbst zum Teil in Gegenden aufgewachsen, die man nicht unbedingt mit dem großen Weltgeschehen assoziieren würde.

Was hast du gedacht, als du von deiner Nominierung erfahren hast? 

Na sowas, hab ich gedacht, und dann toll. Und dann hab ich mal geguckt, wo der Vinschgau denn genau ist.

 

Vorstellung in Büchern:

Nenne ein wichtiges Buch…

…aus deiner Kindheit

Gretchen Sackmeier von Christine Nöstlinger

… aus deiner Jugend

Briefe von Kafka an Felice Bauer

… aus deiner aktuellen Lebensphase

Wieder Christine Nöstlinger, “Die Geschichten vom Franz”, weil ich sie gerade meinen Kindern vorlese und ansonsten Kafka und Dostojewski und Tschechow und Richard Ford und Alice Munro und Chris Kraus und Carver und Tolstoi und Bernhard. Die Phase geht eigentlich schon ziemlich lang. Leider habe ich sehr wenig Zeit und Nerven zum Lesen. Aber das soll irgendwann einmal hoffentlich anders werden.

…, das du dir für die Gegenwartsliteratur wünschen würdest, das aber noch nicht geschrieben wurde.

Das ist schwer. Ehrlich gesagt entdecke ich auch gerade jetzt in der Zeit, in der ich mit der Herausbringung des Buches beschäftigt bin immer neue AutorInnen, die ganz wunderbare Bücher schon geschrieben haben und sicher auch noch weiter schreiben. Ich setze also ganz gutes Vertrauen in die Masse der SchriftstellerInnen, dass sie schon die Zeichen der Zeit erkennen und genau das schrieben, das zu der Zeit eben geschrieben werden muss.


[Lola Randl – Der grosse Garten

Matthes & Seitz Berlin

320 Seiten, 2019, gebunden, 22,00 €]


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Lola Randl, 1980 in München geboren, studierte an der Kunsthochschule für Medien in Köln und arbeitet als Drehbuchautorin und Regisseurin für Kino und Fernsehen. Zuletzt entstanden die Fernsehserie Landschwärmer (2014) und der Kinofilm Von Bienen und Blumen (2019). Mit ihrem Roman »Der Große Garten« ist Lola Randl für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. Randl lebt in einem kleinen Ort in der brandenburgischen Uckermark.

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