[Das Debüt 2019] Die Shortlist

Logo19Wie bereits in den letzten Jahren möchten wir uns vor der Verkündung der Shortlist von ganzem Herzen bei allen teilnehmenden Autoren und Verlagen für das entgegengebrachte Vertrauen und die Aufgeschlossenheit gegenüber unserem Literaturpreis bedanken. Es war uns eine große Freude die eingereichten Titel zu lesen!

Nun soll das Warten aber ein Ende haben…

Aus 80 eingereichten Titeln (insgesamt 20.887 Seiten) haben wir eine Shortlist erstellt, die fünf Debütromane umfasst. Die Titel sind nach Einreichungsdatum aufgeführt:

Angela Lehner – Vater unser

erschienen bei Hanser Berlin

Begründung

Angela Lehners „Vater unser“ gelingt es, mit faszinierender Selbstsicherheit die Leser*innen an der Nase herumzuführen. Frech, reißerisch und hinterhältig ist dieser Roman, der eine fesselnde Lektüre für all jene bietet, die Spaß an unzuverlässigem Erzählen haben. Denn das treibt Lehner hier souverän auf die Spitze. Ob Eva, die Protagonistin des Romans, wirklich an einer psychischen Störung leidet, oder diese nur vortäuscht, um eingewiesen zu werden und ihren Bruder zu „retten“, bleibt lange Zeit offen. ARTK_CT0_9783446262591_0001Eben diese Unsicherheit, diese Gratwanderung zwischen dem Wahnsinn und der Normalität, ist das tragende Element der Spannung dieses Romans, sodass sich die Leser*innen unweigerlich selbst nach der eigenen Definition des „Normalen“ befragen müssen. „Vater unser“ bewegt sich zwischen den verschiedensten Genres, verliert sich aber nicht im Unkonkreten. Ob als Familiengeschichte, Milieustudie oder Krankengeschichte, beliebig oder unvollständig wird der Roman in keiner dieser Lesarten. Am Ende bleibt die Gewissheit, dass man sich Angela Lehners erfrischend direkter Erzählweise nicht entziehen kann.

Martin Peichl – Wie man Dinge repariert

erschienen bei Edition Atelier

Begründung

Eines ist gewiss, wie man Dinge repariert, lernt man in Martin Peichls Debütroman sicher nicht. Dafür lässt der Autor seinen Protagonisten auch zu schön scheitern. Statt seinen Roman zu schreiben, verfängt dieser sich immer wieder in seinen Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen. Und die sind ein Protokoll des Scheiterns an Beziehungen, an Möglichkeiten und vor allem an sich selbst. Peichls Text ist irgendwo zwischen Generationenporträt und sympathischer Nabelschau anzusiedeln, die Unzuverlässigkeit des Erzählers und sein selbstironischer Blick tun ihr Übriges, um den Text so lebendig und authentisch werden zu lassen. Der Autor legt seinen Fokus gezielt auf Sprache und Struktur und besticht darin auf eindrückliche Weise. In einer nahezu lyrischen Prosa jongliert er mit Ambivalenzen, bricht Erwartungshaltungen und setzt Leerstellen, Peichl_Wie_man_Dinge_repariert_Cover_2D_webdie die Leser*innen zum Nachdenken auffordern. Die fragmentarische Form offenbart eine Fragilität, die dem gesamten Roman zugrunde liegt. Der Text entwickelt durch seinen sprachlichen Rhythmus und seine Dichte einen ungeheuren Sog, die Präzision der Sätze erzeugt eine schiere Wucht. Es gibt Romane, die muss man mehrfach lesen. Martin Peichl hat mit „Wie man Dinge repariert“ ein Buch geschrieben, das in diese Kategorie fällt. Einmal sollte man es wie im Rausch lesen, ein weiteres Mal mit all der Zeit, die Peichls verdichtete Prosa benötigt, um all die Nuancen und Bedeutungen zu entlarven, die in den Worten stecken.

Katharina Mevissen – Ich kann dich hören

erschienen im Verlag Klaus Wagenbach

Begründung

Katharina Mevissens „Ich kann dich hören“ ist ein hervorragend komponierter Künstlerroman, in dem es um Weltwahrnehmung und gescheiterte menschliche Kommunikation geht. Osman Engels ist Cellist, der Spross einer türkisch-deutschen Künstlerfamilie und soll ein großer Musiker werden, doch er trifft nicht die richtigen Töne. Dies ändert sich, als er ein Diktiergerät mit Tonaufnahmen findet, die für ihn bald zur Obsession werden. Nun vermischen sich die Welt der Musik, die Geräusche des Alltags und die Stille, und der Protagonist lernt richtig zuzuhören. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Mevissen die auditive Wahrnehmung9783803133069 ihrer ProtagonistInnen in Worte verwandelt und ihren eigenen Sound findet, wie sie mit Sprache einen (Beziehungs-)Raum jenseits der Sprache beschreibt. Sprachbild und Motivik im Roman sind beeindruckend vielgestaltig und durchweg konsistent. Allein durch die Komplexität des Themas Nichtsprachlichkeit ist Katharina Mevissen schon ein ein literarisches Wagnis eingegangen, eine Hürde ist es für die Autorin jedoch nicht. Scheinbar problemlos findet sie die passenden Worte, um das Nichtgesagte auszudrücken. Das alles geschieht mit einer enormen Sinnlichkeit, die die Lektüre zu einem intensiven Erlebnis machen.

Ana Marwan – Der Kreis des Weberknechts

erschienen im Otto Müller Verlag

Begründung

Ana Marwans „Der Kreis des Weberknechts“ ist eine Aussteigergeschichte, eine bitter-böse Gesellschaftskritik mit klugen und höchstironischen Dialogen und eine Abrechnung mit dem Klischee des possenhaften Intellektuellen.
Protagonist Karl Lipitsch macht Schluss mit der Menschheit und zieht sich aus der Gesellschaft zurück, um an seiner philosophisch-naturwissenschaftlichen Abhandlung Cover_Der-Kreis-des-Weberknechts_Ana-Marwan_2019-847x1200zu schreiben. Sein Einsiedlerleben endet jedoch abrupt, als er am Flughafen zufällig seine Nachbarin Mathilde trifft, die sein geordnetes Leben durcheinanderbringt und seine Lächerlichkeit zur Schau stellt. Marwan ist sicherlich nicht der Mund für die Ohren der Liebhaber gut lesbarer Bücher. Es ist vielmehr eine Grube von Interpretationen, in der viele gesellschaftliche Diskurse auf humorvoll schräge Weise thematisiert werden. Dieses Debüt liefert eine Fülle an spielerischen Bezügen zur Philosophie und Weltliteratur, wirft voller Ironie die großen Fragen des Lebens auf, lädt zum Nachdenken und Interpretieren ein.

Nadine Schneider – Drei Kilometer

erschienen im Jung und Jung Verlag

Begründung

Nadine Schneiders „Drei Kilometer“ ist mit seinen 151 Seiten ein schmales Buch, das leicht übersehen werden könnte. Doch dieser Roman sticht aus der literarischen Masse hervor, weil er auf laute Töne sowie epische Breite verzichtet – und dennoch einiges zu erzählen hat. Anna, Hans und Misch leben in einem Dorf im Banat. Drei Kilometer sind es bis zur Grenze. Drei Kilometer durch ein Maisfeld. Es sind nur noch wenige Wochen bis zur Ernte, und sie müssen sich entscheiden: Sollen sie die Flucht in eine ungewisse, aber hoffnungsvolleresize_150_image708 Zukunft wagen? Und wer soll an ihrer Seite sein? Die Autorin hat einen Roman über das Gehen und das Bleiben geschrieben, über ein Dorf, dessen Strukturen sich in Auflösung befinden. Sie beschreibt dieses rumänische Dorf im Jahre 1989 und verweist dabei implizit auf globale Themen mit brennender Aktualität: Sterbende Provinzen, eine perspektivlose Jugend und Erwachsene, die nach Antworten suchen und keine mehr finden. Leise und mit präziser Bildsprache erzählt Nadine Schneider von dramatischen Zeiten. Und nicht zuletzt zeigt sie uns, dass gute Literatur auch berühren darf.

Aus diesen fünf Debütromanen wählen die teilnehmenden Literaturblogger ihren persönlichen Favoriten. Der Roman mit den meisten Stimmen wird als der beste Debütroman 2019 im Rahmen des Bloggerpreises für Literatur gekürt. Der Gewinner wird Anfang des Jahres auf dem Blog bekanntgegeben.

Uns interessiert natürlich auch eure Meinung dort draußen. Was haltet ihr von der Liste, welchen Roman hättet ihr die Shortlistnominierung gewünscht, habt ihr bereits Titel der Liste gelesen und wie haben sie euch gefallen? Wir freuen uns auf eure Kommentare.

Zusätzlich wird es in der Seitenleiste wieder eine Umfrage geben, bei der ihr eure Stimme eurem Favoriten geben könnt. Wir sind gespannt, wen ihr gewählt hättet.

5 Gedanken zu “[Das Debüt 2019] Die Shortlist

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