[Interview] Martin Peichl

Weiter geht es mit Shortlist-Kandidat Martin Peichl, der uns mit seinem Debütroman „Wie man Dinge repariert“ überzeugen konnte.

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Foto: Jorghi Poll

Martin Peichl wurde 1983 im Waldviertel geboren. An der Universität Wien studierte er Germanistik und Anglistik und unterrichtet nun Deutsch, Englisch und wissenschaftliches Schreiben an einem Wiener Gymnasium. Er veröffentlichte bisher in diversen Anthologien und Literaturzeitschriften, 2019 erschien sein Debütroman, mit dem er im Finale des Literaturpreises Alpha 2019 stand. Diverse Auszeichnungen (Auswahl): Limburg-Preis 2019, Wiener Literaturstipendium 2019, Hans-Weigel-Literaturstipendium 2018, Villacher Literaturpreis 2018, Forum Land Literaturpreis 2018. Er veranstaltet die Lesereihe »In einer komplizierten Beziehung mit Österreich«, verwendet Twitter als Notizbuch (@Untergeher83) und schreibt Gedichte auf Bierdeckel.


Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet?

Erste Spuren von „Wie man Dinge repariert“ findet man bereits in Texten, die Ende 2016, Anfang 2017 entstanden sind. Als Romanprojekt hat es sich erst im Frühjahr 2018 herauskristallisiert, dann habe ich noch circa ein dreiviertel Jahr daran gearbeitet, nach einer passenden Struktur gesucht und den Text fertiggestellt.

Wie schwierig gestaltete sich die Verlagssuche?

In meinem Fall ganz leicht. Sarah Legler und Jorghi Poll von der „Edition Atelier“ sind nach einer Lesung an mich herangetreten und haben mir ihre Visitenkarte in die Hand gedrückt, ich soll ihnen doch noch weitere Textproben schicken. Ein paar Monaten später bin ich bei ihnen im Büro gesessen und anschließend mit einem fertigen Vertrag nach Hause gegangen. Ich muss und möchte an dieser Stelle betonen: Ohne die beiden und ohne diesen Impuls von außen würde es das Buch in der jetzigen Form sicher nicht geben! (Danke Sarah, danke Jorghi!)

Was war es für ein Gefühl, dein fertiges Buch in Händen zu halten?Peichl_Wie_man_Dinge_repariert_Cover_2D_web

Schön. Vor allem, weil ich das Cover und die optische Gestaltung sehr ansprechend finde. Noch schöner war es aber, das Buch in den Händen der Menschen zu sehen, die mich beim Entstehungsprozess begleitet haben.

Warum schreibst du wie du schreibst?

Schreiben ist ein Teil von meinem Alltag und hilft mir beim „Sichten und Orden“ von Gedanken, von Gefühlen. Der Inhalt spielt in meinen Texten oft eine untergeordnete Rolle, viel wichtiger sind mir die Sprache, der Sound, der Klang, die Struktur, das WIE find ich persönlich spannender als das WAS. Auch faszinieren mich die Parallelen zwischen Erinnerungs- und Schreibprozessen: die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die oft in nur einem einzigen Wort aufeinanderprallen. Schon alleine deshalb kann ich mir keinen anderen Erzähler als einen unzuverlässigen, keine andere Erzählerin vorstellen.

Wie kann man sich deinen Schreibprozess vorstellen?

Impulsiv, assoziativ und ein wenig chaotisch zunächst. Dann folgt eine aufwendige Phase des Zusammensetzens, Anordnens und Überarbeitens. Dazwischen lese ich viel und mache Notizen, hole mir zusätzliche Inspiration und Ideen von außen: Musik, Museumsbesuche, Filme, Serien, mache noch mehr Notizen, bis ich wieder in die nächste intensive Schreibphase hineinkippe. Meistens funktioniert das sehr organisch, ohne großartige Planung. Meine Texte durchlaufen mehrere Überarbeitungsschleifen und der finale Test ist immer die Frage: Wie klingt das Geschriebene? Dann lese ich einen Ausschnitt oder ein Kapitel laut vor, immer wieder, überprüfe Tempo, Rhythmus und Sound. Was mir (leider) auch sehr hilft beim Schreiben sind Deadlines.

Gibt es Autoren oder Bücher, die dich und dein Schreiben beeinflusst haben?

Ganz sicher und sicher ganz viele. Aber jede Liste an dieser Stelle wäre irreführend und unvollständig. (Worüber ich sehr froh bin: dass ich sehr viele Autorinnen und Autoren in meinem Umfeld habe, mit denen ich mich austausche, die zum Teil gute Freundinnen und Freunde geworden sind: ein Netzwerk, auf das ich mich verlassen kann.)

Ist ein weiteres Buch geplant?

Das nächste Buch ist schon in Arbeit, der geplante Veröffentlichungstermin ist Herbst 2020 und es trägt den Arbeitstitel „In einer komplizierten Beziehung mit Österreich“.


Vorstellung in Büchern:

Nenne ein wichtiges Buch…

… aus deiner Kindheit 

Es gab ein Buch mit Gute-Nacht-Geschichten, ich glaube: für jeden Tag im Jahr war eine Geschichte darin versammelt. Daraus haben mir meine Eltern regelmäßig vorgelesen, darin erinnere ich mich noch, an den genauen Titel leider nicht mehr.

… aus deiner Jugend

Ein Text, der mich als Jugendlicher nachträglich beeindruckt hat, war Wolf Wondratscheks „Über die Schwierigkeiten, ein Sohn seiner Eltern zu bleiben“, den wir im Deutschunterricht besprochen haben. Die dichte, mehrschichtige Sprache und das Gefühl, einem auf dem ersten Blick unlösbarem Rätsel gegenüberzustehen, haben sehr angesprochen, und ich glaube, dass ich noch am selben Tag oder am Tag danach in eine Buchhandlung gegangen bin: auf der Suche nach ähnlichen Texten.

… aus deiner aktuellen Lebensphase

Ein Buch, das lange nachwirkt, ist „Das Museum der bedingungslosen Kapitulation“ von41TzV-Qcy4L._SX251_BO1,204,203,200_ Dubravka Ugrešić. Es funktioniert für mich auf allen Ebenen: inhaltlich, strukturell und sprachlich. Sicher auch deshalb, weil es Themen behandelt, die für mein aktuelles Projekt relevant sind: die sichtbaren und unsichtbaren Spuren, die Menschen hinterlassen, der vergebliche Versuch, die Vergangenheit zu dokumentieren, und die Auswirkungen von Flucht und Exil.

… das du dir für die Gegenwartsliteratur wünschen würdest, das aber noch nicht geschrieben wurde.

Ich wünsche mir ein Buch, das das der Sicht von Jugendlichen erzählt und schildert, wie sich die politischen Entwicklungen in Österreich auf deren persönliche Wahrnehmung und Entwicklung auswirken. Wie Jugendliche auf Message Control und die Verbreitung von Fake News reagieren, was das Zelebrieren von als konservativ getarnten reaktionären Bewegungen und das medial inszenierte Aufgeilen an Ausgrenzung und Hetze mit ihnen macht.


Wie man Dinge repariert (Edition Atelier)

Hardcover // 160 Seiten // 18 € // 978-3-99065-006-6

Ein Gedanke zu “[Interview] Martin Peichl

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