[Rezension] Ann Petry – The Street

Ein Gastbeitrag von Ansgar Skoda

Black books matter

Schwarzer Klassiker

Ann_Petry_The_StreetUS-Amerikanerin Ann Petry erzählt in „The Street“ von einer jungen Mutter im Harlem der 1940er. Ihr neu übersetzter Roman über Rassismus und Armut ist heute noch aktuell.

Aktuelle Proteste gegen Rassismus in den USA fördern auch hierzulande eine öffentliche Debatte. Die Diskussion entzündet sich oftmals am sogenannten Racial Profiling. Dies ist eine Praxis, bei der die Polizei Menschen aufgrund äußerer Merkmale und dem physischen Erscheinungsbild beurteilt und kontrolliert. Obwohl rassistisches Vorgehen bei Strafverfolgungsbehörden seit Jahren verboten ist, sind in der Praxis Täterprofile verbreitet. Hierzulande gibt es Beschwerdestellen, die in Fällen von rassistischer Diskriminierung beraten. Doch konkrete Forderungen nach unabhängigen, wissenschaftlichen Studien werden laut.

Die Schriftstellerin Ann Petry (1908-1997) entstammte einer wohlhabenden Apothekerfamilie in Connecticut. Sie arbeitete selbst als studierte Pharmazeutin in den Apotheken ihrer Familie. 1938 heiratete sie, ging nach New York und arbeitete dort als Journalistin für zwei Zeitungen in Harlem, eben jenem Bezirk, von dem auch ihr Romandebüt The Street (1946) erzählt. Ihre Hauptprotagonistin Lutie Johnson, eine junge, schwarze US-Amerikanerin, kritisiert die Voreingenommenheit von Redakteuren gegenüber dem Elend der schwarzen Bevölkerung. So kann sie es nicht fassen, wie über einen elendig erstochenen Schwarzen in der Zeitung berichtet wird:

„Lutie hatte die Zeitung lange in Händen gehalten und zu verstehen versucht, wie für den Reporter aus dem abgerissenen Hungerhaken ein „kräftiger N****“ hatte werden können. Sie folgerte, dass das, was man sah, immer eine Frage des Standpunktes war. Wer das ganze aus der Warte eines satten Wochenlohns betrachtete und Farbige für von Natur aus kriminell hielt, der sah den einzelnen Schwarzen ja gar nicht. Und zwar deshalb nicht, weil ein Schwarzer für ihn kein Individuum war. Der war eine Bedrohung, ein Tier, ein Fluch, eine Plage oder ein Witz.“ (S. 172)

Finanzielle Nöte können verheerende Härten nach sich ziehen. Lutie wird täglich mit dem harten Leben in der 116th Street konfrontiert. Die alleinziehende Mutter eines Achtjährigen versucht sich in einem Brennpunkt von Rassismus, Geldgier, Sexismus und Niedertracht zu behaupten. Sie kommt anfangs dem Stereotyp eines pflichtbewussten schwarzen Kindermädchens und später Hausmädchens nach. Auswärtige Arbeit und erzwungene Fernbeziehungen verunmöglichen ihr alsbald ein gesundes Familienleben. Als Hausmädchen erscheint ihr die privilegierte Welt der Weißen fremd:

„Ihr dämmerte, dass sie da in eine sehr seltsame Welt geraten war. Mit vollkommen anderen Werten. Sie kam sich vor, als schaute sie durch einen Spalt in der Mauer in einen verzauberten Garten. Sie konnte die Menschen im Garten sehen und hören, sprach deren Sprache, konnte aber die Mauer nicht überwinden.“ (S. 40)

Ironische Beobachtungen lockern das eher düstere Geschehen subtil auf. So ist Lutie einmal mit einem autofahrenden Verehrer unterwegs. Dieser begehrt scheinbar gegen mögliche Unterdrückung durch Weiße im Straßenverkehr auf und übernimmt dabei ihre gleichen Verhaltensmuster:

„Denn in dem flüchtigen Moment, wo sie einen weißen Autofahrer überholten, ging es ihnen gut, und das gute Gefühl hielt lange genug vor, um dem nächsten Morgen und auch dem danach mit erhobenen Haupt begegnen zu können. Und das hassten die Weißen in ihren Wagen, weil auch sie – hier stutzte Lutie bei dem Gedanken, verfolgte ihn dann aber weiter – sich vielleicht als überlegen empfinden mussten.“ (S. 139)

In pointierten Wendungen wird die Gefühlswelt der Protagonistin prägnant porträtiert, etwa wenn ein Polizist ebendieses Auto anhält:

„Er spähte ins Wageninnere, und Lutie sah, wie sein Gesicht sich leicht verkrampfte. Das hieß, er hatte jetzt erst gemerkt, dass sie schwarz waren. Sie wartete mit einem flauen Gefühl im Magen auf seine nächsten Worte. Ihr war zumute, als hätte sie eine alte, nie richtig verheilte Wunde und jemand wäre im Begriff, sie genau an der fraglichen Stelle anzurempeln, ohne dass sie noch ausweichen konnte, und sie nähme in dem Bruchteil einer Sekunde vor dem Stoß den Schmerz schon vorweg und zuckte zusammen.“ (S. 145)

Die Autorin beschreibt ein korruptes Rechtssystem auf schmerzhafte Weise. Die Figur eines weißen Anwalts erscheint als mitleidlos brutal und auf den eigenen Vorteil bedacht. Voller Vorurteile nutzt er in einer Szene die Angst und das Unwissen seiner Klientin, Lutie, aus. Unerbittlich setzen sich Ann Petrys gesellschaftskritischen Detailbetrachtungen zu Folgen von Armut fort. Weiße Lehrer erscheinen in einer Szene gegenüber ihren von Armut gezeichneten schwarzen Schutzbefohlenen unverhohlen gleichgültig. Auch sexuelle Ausbeutung schwarzer Frauen wird aus der Sicht Luties gesamtgesellschaftlich sang- und klanglos hingenommen, obwohl sie sich selbst bis zuletzt dagegen verwahrt:

„Das schien bei Weißen ein Reflex zu sein: War eine Frau dunkelhäutig und noch jung, tja, dann war sie ein Flittchen, ganz klar. Und wenn nicht, dann jedenfalls leicht rumzukriegen, einfach auf Nachfrage. Vielmehr, weiße Männer brauchten gar nicht zu fragen, das übernähme das Mädchen gleich selbst.“ (S. 44)

Rasant und unerbittlich setzt sich das Geschehen um Gier und Gewalt fort. Zwielichtige Figuren, der schmieriger Bandleader Boots, der niederträchtige Barbesitzer Junto und der Hausmeister von Luties Mietskaserne, Jones, stellen der stolzen und schönen jungen Mutter nach.

Ann Petry ist eine große Erzählerin, die es weiß, visuelle Szenerien zu schaffen. Sie taucht nicht nur in die Bewusstseinsströme Luties ein, sondern nimmt auch mal die Perspektive von Luties Sohn, von Boots oder von Jones ein. Abgründe tun sich auf, wenn es mal aus der Sicht von Boots heißt: „Nie hätte er gedacht, dass die Grenze zum Mord so schnell überschritten war. Sie war haarfein. Er hätte sie um Haaresbreit überschritten.“ (S. 233) So zeichnet sie auch ihre anderen Figuren ausgefeilt und ambivalent. Alleine, wie sie den stärker werdenden Wind beschreibt, der zu Romanbeginn durch das Geschehen buchstäblich fegt, ist meisterhaft. Ihr Roman lebt durch subtile Bilder, genaue Beobachtungen und komplexe, fesselnde Figuren.

The Street ist eine Milieustudie voller Erbitterung darüber, dass der amerikanische Traum eines Benjamin Franklin eben nicht für alle gilt, dass „jedermann reich werden könne, wenn er wollte und hart genug dafür arbeitete und alles genau genug bedachte“. Ann Petry beschreibt die Armut und Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung in eindrücklichen Bildern, wenn sie etwa Lutie im Wartezimmer eines Heimes für straffällig gewordene Kinder warten lässt:

„Sie faltete die Hände im Schoß. Eine Viertelstunde verstrich. Plötzlich straffte sie ihre Schultern. Nach und nach war sie unmerklich zusammengesunken wie die anderen wartenden Frauen. Und jetzt wusste sie auch, warum alle so dasaßen. Weil wir uns wie die Tiere um unsere Weichteile krümmen bei Gefahr, wie sie in einem solchen Raum lauert und noch verstärkt wird durch das Schweigen.“ (S. 352)

Mit erhobenem Haupt und leiser Hoffnung begegnet Lutie Anfeindungen, der Not und Perspektivlosigkeit. Doch sie trägt nicht nur klackernde Absätze, sondern bereits zu Anfang den Nachnamen Johnson, in den USA ein anonym erscheinender Allerweltsname wie der ihres Vermieters Jones. Ihr Name ist so unspektakulär, wie die Wendungen, die der Lebensweg einer alleinerziehenden Mutter in diesem Viertel nehmen kann. Wenn die bedürftigen Bürger in Harlem die Schulgebühren berappen müssen, verfestigt sich die Chancenlosigkeit auch für ihre Nachkommen. Pop-Größen wie Michael Jackson ließen sich ihre Haut mit krebserregenden Mitteln bis ins Extreme bleichen. Es ist eine enorme Wut, die im gesamten Roman durchscheint:

„Und während du auf der Arbeit warst, um die Miete für das Drecksloch zusammenzubringen, na, da sorgte die Straße für deinen Jungen. Mehr noch. Die Straße wurde ihm Mutter und Vater und zog ihn für dich auf, und sie war ein schlechter Vater und eine böse Mutter, und du selbst, tja, du hast es der Straße noch leichter gemacht, indem du deinen Jungen dauernd mit dem Geld in den Ohren lagst.“ (S. 351)

Diese Buchkritik erschien erstmals hier

[Ann Petry – The Street / Die Straße

mit einem Nachwort von Tayari Jones

384 Seiten, Hardcover m. Schutzumschlag

Nagel & Kimche

Aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling]


615008a261b70c0899bef7f4bb8271de_400x400Ansgar Skoda ist Kulturkritiker, Redakteur und Social Media Manager aus Bonn. Seit vielen Jahren veröffentlicht er seine Beiträge in unterschiedlichen Medien wie beim Stadtmagazin Schnüss, der Fachzeitschrift Treffpunkt Europa und dem Online-Magazin Kultura Extra. Auf Radio Bonn-Rhein-Sieg wurden fünfzig einstündige Radiosendungen von ihm ausgestrahlt.

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