[Das Debüt 2020] Buchvorstellung: Deniz Ohde „Streulicht“

Mit ihrem Bildungsroman „Streulicht“, in dem u.a. Bildungschancen von Kindern aus sozial schwachen Familien verhandelt werden, gewinnt Deniz Ohde nicht nur den ZDF-aspekte-Preis 2020, sondern auch mediale Aufmerksamkeit.

„Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt. Eine feine Säure liegt darin, etwas dicker ist sie, als könnte man den Mund öffnen und sie kauen wie Watte. Niemandem hier fällt das mehr auf, und auch mir wird es nach ein paar Stunden wieder vorkommen wie die einzig mögliche Konsistenz, die Luft haben kann. Jede andere wäre eine fremde. Auch mein Gesicht verändert sich am Ortsschild, versteinert zu dem Ausdruck, den mein Vater mir beigebracht hat und mit dem er noch immer selbst durch die Straßen geht. Eine ängstliche Teilnahmslosigkeit, die bewirken soll, dass man mich übersieht.“

Klappentext:

„Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis der Hausrat aus allen Schränken quoll. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickte, ehe sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den frühen Schulabbruch und die Anstrengung, im zweiten Anlauf Versäumtes nachzuholen, an die Scham und die Angst – zuerst davor, nicht zu bestehen, dann davor, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden.“ Quelle: Suhrkamp Verlag

Wenn man es nur stark genug will, schafft man es, dank der Bildung aus der bisherigen sozial schwachen Schicht herauszukommen, scheint das Fazit von Deniz Ohdes Romandebüt zu sein. Doch dieser Bildungsroman ist mehr als nur eine optimistische Aufbruchsgeschichte eines schlecht situierten Kindes. Es ist gleichermaßen eine Reflexion über das Schulsystem, das auf das „Aussieben“ bedacht ist, statt darauf, den Kindern bei gleichen Möglichkeiten gleiche Chancen anzubieten. Dabei werden die Grenzgänger mal mehr mal weniger sanft in die ursprüngliche soziale Schicht zurückgedrängt. Und nur wer aus dem Leben der Elterngeneration zu lernen vermag und genug Kraft findet, um gegen die gesellschaftlichen Widrigkeiten zu kämpfen, kann den Grenzgang in ein besseres Leben tatsächlich schaffen. Allerdings sind nicht alle an einem Aufstieg in höhere gesellschaftliche Schichten interessiert. Denn als Gegenbild der namenlosen Ich-Erzählerin werden ihre gutbürgerlichen Freunde – Sophia und Pikka – präsentiert. Zwar haben sie materiell und sozial gesehen bessere Ausgangsbedingungen, doch sie scheinen ihre Chancen nicht wirklich zu nutzen und sich mit ihrem kleinbürgerlichen Leben zufrieden zu geben. Sie haben ihre kleine Welt gemütlich eingerichtet und werden sich im Laufe der Jahre zu einer lebendigen Kopie ihrer eigenen Eltern entwickeln.
Der Roman zeichnet präzise nicht nur die feinen Unterschiede und kulturelle Codes nach, die oft unbemerkt unser Leben bestimmen, sondern er ist zudem ein gelungenes Beispiel für einen Roman, der sich dem „Showing“ verschreibt, was insbesondere an Pikka-Senior und Pikka-Junior sichtbar wird.

Leseprobe


Deniz Ohde, geboren 1988 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik in Leipzig, wo sie auch lebt. 2016 war sie Finalistin des 24. open mike und des 10. poet bewegt Literaturwettbewerbs, 2017 Stipendiatin des 21. Klagenfurter Literaturkurses. 2019 stand sie auf der Shortlist für den Wortmeldungen-Förderpreis. Für ihren Debütroman Streulicht wurde sie mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2020 ausgezeichnet.

Der Roman gewann den »aspekte«-Literaturpreis des ZDF 2020.
Jurybegründung: „Das Versprechen eines Aufstiegs durch Bildung ist schal geworden und lässt sich nur mit Mühe und Glück erreichen. Mit stillen und leisen Sätzen und langen nachklingenden Bildern entwickelt Deniz Ohde in ihrem Roman ‚Streulicht‘ das Bild einer Gesellschaftsschicht, aus der es kein Entrinnen gibt. Scharfsichtig, feinsinnig und ohne Werturteile zu fällen, legt sie Schicht für Schicht einen wenig beachteten Teil unserer Gesellschaft frei, der so noch nicht betrachtet worden ist. ‚Streulicht‘ ist ein preiswürdiges Debüt einer neuen literarischen Stimme in Deutschland.“
Hier geht es zu der Preisverleihung auf dem Blauen Sofa

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