[Das Debüt 2020] Buchvorstellung: Verena Kessler „Die Gespenster von Demmin“

Larry ist noch Schülerin, dennoch hat sie einen klaren Berufswunsch. Sie will mal Kriegsreporterin werden, wie einst ihr Vater. Dafür hängt sie unzählige Stunden kopfüber und lernt im Eiswasser auszuharren. Wer 2019 den Abschlusslesungen des 23. Klagenfurter Literaturkurses lauschte, konnte der jungen Protagonistin bereits begegnen. Nun wird diese Adoleszenzgeschichte u.a. um einen Massenselbstmord am Ende des Zweiten Weltkriegs in Demmin erweitert.

„37 MINUTEN SIND MEIN REKORD. So lange halte ich es aus, kopfüber vom Apfelbaum zu hängen. Das ist leider noch ziemlich weit entfernt von meinem Ziel. David Blaine hing mal schezig Stunden kopfüber im Central Park. Drei Tag und zwei Nächte an einem Drahtseil. Die Augen sind ihm aus dem Kopf gequollen, der hätte blind werden können. Das Problem ist aber nicht nur, dass einem das ganz Blut in den Kopf läuft, sondern auch, dass die Organe auf die Lunge drücken und man nicht so gut Luft bekommen. […] Klar, ist ja auch eine Foltermethode. Und genau deshalb muss ich das üben. Ist nämlich gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass ich in meinem Leben irgendwann gefoltert werde.“

Klappentext:

„Larry lebt in einer Stadt mit besonderer Geschichte – Ende des Zweiten Weltkriegs fand in Demmin der größte Massensuizid der deutschen Geschichte statt. Für Larry ist ihre Heimatstadt aber vor allem eins: langweilig. Sie will so schnell wie möglich raus in die Welt und Kriegsreporterin werden. Während Larry mit den Unzumutbarkeiten des Erwachsenwerdens kämpft, steht einer alten Frau der Umzug ins Seniorenheim bevor. Beim Aussortieren ihres Hausstands erinnert sie sich an das Kriegsende in Demmin und trifft eine folgenschwere Entscheidung.
Mit Leichtigkeit und Witz erzählt Verena Keßler von Trauer und Einsamkeit, von Freundschaft und der ersten Liebe. Ein Roman über die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen und die Möglichkeit, sie zu überwinden.“ Quelle: Hanser Literaturverlage

In „Die Gespenster von Demmin“ gibt es zwei Handlungsstränge, die am Ende des Romans locker miteinander verbunden werden, und zwar eine Coming-of-Age-Geschichte – hier begegnen wir Larissa und ihrem Leben, das hauptsächlich aus den getrennt lebenden Eltern und ihren neuen Partners, ihrer Freundin Sarina sowie Timo – ihrer ersten ernsthaften Liebe – besteht. Der zweite Teil des Plots ist eine Selbstmordgeschichte der Nachbarin, Frau Dohlberg. Diese ältere Dame steht kurz vor ihrem Umzug in ein Altersheim, weil sie nicht mehr ohne Unterstützung leben kann. Dazu kommt es allerdings nicht, denn am Abend vor dem geplanten Umzug nimmt sie sich das Leben. Doch sie ist nicht die einzige Tote dieses Romans. Das Motiv des Todes ist nämlich der rote Faden, der sich durch die Geschichte windet. So haben beispielsweise Larrys Eltern wenige Tage vor ihrer Geburt in einem Unfall den erstgeborenen Sohn verloren, die Mutter und Schwester von Frau Dohlberg waren zwei der SuizidentInnen von Demmin am Ende des Zweiten Weltkriegs, Sarinas kranke Mutter stirbt gegen Ende des Romans und sogar der Berufswunsch von Larry – Kriegsreporterin – kreist um den Tod, ähnlich wie die Frage, die Timo seit seiner Kindheit beschäftigt… (um nicht noch den festgefrorenen Schwann aufzuzählen…) Eben dadurch, dass der Einsatz dieses Motivs ein wenig inflationär erscheint, wird den LeserInnen mit Nachdruck veranschaulicht, dass der Tod, auch wenn ihn die moderne Gesellschaft gerne (in Kranken- und Kühlhäuser, Hospize etc.) verbannen würde, schon immer die Menschheit begleitete. Und dies mag sich auch in der Zukunft nicht so schnell ändern…

Leseprobe


Verena Keßler, geboren 1988 in Hamburg, lebt in Leipzig, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studierte. 2018 nahm sie an der Romanwerkstatt Kölner Schmiede teil, 2019 an der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung. Sie war Stipendiatin des 23. Klagenfurter Literaturkurses.  

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