[Rezension] Roland Schimmelpfennig – An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Die ganze Stadt in Aufruhr. Die Zeitungen, die Schlagzeilen. Das Lokalfernsehen. Die Nachricht weltweit. Der Berliner Wolf. Völker schaut auf diese Stadt, wie hat sie sich verändert. Dieser Wolf ist ein Berliner.“

Ein bekannter Dramatiker schreibt seinen ersten Roman und landet prompt auf der Nominierungs-Liste zum Preis der Leipziger Buchmesse. Der Titel von auffälliger Länge klingt erstmal vielversprechend: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Das lässt an Erzählungen denken, denen ein denkwürdiger Tag zugrundeliegt, an ein besonderes Ereignis, das – sei es auch nur im Leben eines Einzelnen – alles verändert… Bei Schimmelpfennig ist es ein Wolf, der sich auf den Weg nach Berlin macht, ebenso wie einige weitere Figuren. schimmelpfennig

Berlin und der Wolf – das sind die beiden verbindenden Motive, um die sich der Reigen verschiedenster Personen im Roman reiht. Da sind die beiden Jugendlichen Elisabeth und Micha, die sich spontan aus der Provinz auf den Weg nach Berlin machen, anstatt morgens den Schulbus zu nehmen. Die Mutter des Mädchens und der Vater des Jungen folgen ihnen unabhängig voneinander nach Berlin, um sie zu finden. Und dann sind da noch das polnische Pärchen Tomasz und Agnieszka. Er fotografiert auf dem Weg nach Berlin den Wolf am Straßenrand, sie ist Putzfrau und verkauft sein Bild an die Zeitung. Die Späti-Besitzer Charly und Jackie spielen noch eine Rolle. Und noch einige weitere Randfiguren. Weiterlesen

[Rezension] Julia Wolf – Alles ist jetzt

„Alles ist jetzt und alles wie immer.“

Eines habe ich von diesem Roman gelernt: Ich mag definitiv keine passiven Protagonisten. Hier ist das natürlich Absicht. Ingrid ist die personifizierte Passivität. Lässt alles mit sich machen, lässt das Leben auf sich regnen. Lässt sich wecken, lässt sich vögeln, lässt sich Drogen einflößen, damit sie bei einer Live-Sex-Show mitmacht, weil sich das einer der Kunden doch so sehr wünscht. Obwohl sie da doch eigentlich nur als Bedienung hinterm Tresen arbeitet…Wolf_Cover

In kurzen Sätzen wird man in Ingrids Leben hineingesogen. Es ist nicht angenehm. Man liest, wie sie sich zwingen muss, aufzustehen und zu essen. Liest von Episoden aus ihrer Vergangenheit mit Mutter Gabriele, die gern mal zu viel trinkt. Liest vom ewig gleichen, sich wiederholenden Ablauf ihrer Tage, und selbst beim jährlichen Wiedersehensritual mit ihrem Vater Werner, der damals davonging. Weiterlesen

[Rezension] Mirna Funk – Winternähe

u1_978-3-10-002419-0Wie es sich anfühlt, heute als Jüdin in Berlin oder Tel Aviv zu leben, darüber schreibt Mirna Funk in ihrem Debütroman. Ihre Protagonistin Lola ist auf Identitätssuche: Wer legt fest, ob man eine jüdische Identität hat? Der orthodoxe Rabbi oder die Geschichte, das Umfeld oder doch man selbst? Lola verlässt Berlin, nachdem sie sich von Antisemiten umgeben fühlt. Kollegen, selbst Freunde und Bekannte, von denen sie es nicht angenommen hätte, offenbaren mit einem Male ihre antisemitischen Gedanken ihr gegenüber, ihr, der Jüdin. In Tel Aviv und in Bangkok sucht Lola nach Identität, Liebe, Halt, Klarheit. Und versucht nebenbei auch noch den verebbten Kontakt zu ihrem Vater Simon wieder aufleben zu lassen.

Lola flüchtet und ist doch eine starke Persönlichkeit: Sie lässt sich nichts gefallen, verharrt nicht passiv in einer ihr zugeschriebenen Rolle, sondern sie wehrt sich. Sie schreit, provoziert, macht sichtbar. Das macht sie zu einer ausgesprochen sympathischen Protagonistin. „Winternähe“ lebt als Geschichte insbesondere durch Lola, ihren Charakter und die Menschen mit denen sie zu tun hat, vor allem Shlomo. Weiterlesen

[Unterwegs] Der Debütantensalon 2015 im TAK, Berlin

DSC02214Was kann man an nasskalten Herbstabenden besseres tun, als sich aus den bemerkenswertesten Debüts des Jahres vorlesen zu lassen? Wie bereits letztes Jahr besuchte ich den Debütantensalon im TAK Berlin am 16.11.15 im Rahmen des Stadt Land Buch Lesemarathons. Dieses Mal lasen Mirna Funk, Kat Kaufmann, Jackie Thomae, Mercedes Lauenstein und Samira Kentrić aus ihren Debütromanen. Leider musste ich aus persönlichen Gründen in der Pause gehen und verpasste dadurch Mercedes Lauenstein und Samira Kentrić.

Moderiert von Knut Elstermann und getragen von den ausgesprochen sympathischen Autorinnen erlebte ich einen humorvollen und anregenden Abend, was ich nach den Ereignissen am letzten Freitag in Paris auch dringend brauchte. Weiterlesen

[Rezension] Sabine Wirsching – Druckstaueffekt

© Laura PIn einer Großstadt wie Berlin ist es nicht nur schwer, Liebe zu finden. Es ist komplex: sich überhaupt für ein Beziehungs- und Lebensmodell zu entscheiden, sich auf einen Partner festzulegen oder nicht, sich selbst in der eigenen Sehnsucht auszukennen, die eigenen Wünsche mit denen anderer zu vereinbaren … und dabei nicht völlig hemmungs- und rücksichtslos dem Egotrip anheim zu fallen, von all dem erzählt Sabine Wirsching in ihrem Debütroman.

Irgendwann. Ich werde das Gefühl von Suche nicht los – diese Berliner Krankheit, die Erwartung, dass hinter jeder Ecke, in jedem Club ein Besserer warten könnte. Die Stadt ist voller Menschen, überall begegnet man neuen Menschen, bis man süchtig danach ist. Im Alltag werden alle Krawallprinzen grau. Das weiß ich, aber ich will nicht verstehen.“

Sabine Wirsching hat einen unromantischen Roman über Sex, Beziehungsleben, Berlin, Musik und Sehnsucht geschrieben. Es geht um die Suche nach dem Richtigen und um das wilde Ausleben, um das, was bei Männern „Hörner abstoßen“ genannt wird und um die Torschlusspanik, die manch einen Ende Zwanzig zum Beispiel in Berlin befällt. Feste Beziehung? Familie? Bloß nicht. Nicht jetzt. Weiterlesen

[Literaturpreis] Sandra Gugic – Astronauten

Am 18.9.2015 wird der Franz-Tumler-Preis für den besten deutschsprachigen Debütroman in Laas verliehen. Wie wir bereits ankündigten, verfolgen wir die Verleihung und darüber hinaus hat jede von uns einen der nominierten Romane gelesen. Wir werden nun in einer kleinen Reihe jeweils die Autorinnen in einem Interview und Statements zu ihren Romanen vorstellen.

Wir beginnen die kleine Reihe mit Sandra Gugic und ihrem Debütroman „Astronauten“

9783406673702_largeSandra Gugics Debütroman „Astronauten“ entwirft ein sechsfaches Bild von einem Sommer in einer Großstadt. Es sind sechs Personen, sechs Perspektiven, sechs Geschichten… die alle wie in einem Netz miteinander verbunden sind. In der (ungenannten) Großstadt leben Zeno, Darko, Alen, Mara, Alex und Niko auf der Suche nach sich selbst, nach Geborgenheit, Verständnis, Anerkennung… und so etwas wie Glück. Jede der Figuren hat ihre eigene Stimme, eine eigene Sicht auf die Geschehnisse. Im Vordergrund stehen dabei weniger die Handlung und der Plot, sondern es ist die multiperspektivische Erzählweise und Konstruktion des Romans, die ihn auszeichnet. Weiterlesen

[Rezension] Siri Hustvedt – Die unsichtbare Frau

Seitdem wir uns in diesem Blog mit den Debüts von Autoren befassen, frage ich mich zunehmend, wie die literarischen Anfänge meiner Lieblingsautoren aussahen. Siri Hustvedt,  die ich sehr schätze und deren Romane und Essays ich immer wieder gern lese, hat bereits 1992 auf Englisch ihr Debüt „The Blindfold“ veröffentlicht. 2003 erschien das Buch als „Die Unsichtbare“ in deutscher Übersetzung. hustvedt

Die Protagonistin Iris Vegan ist Literaturstudentin in New York. Um über die Runden zu kommen, muss sie teils skurrile Nebenjobs annehmen. Weiterlesen