[Rezension] Szilárd Borbély – Die Mittellosen

Ein Gastbeitrag von Ansgar Skoda

Leben ohne Wert

Mein Großvater hält die Kätzchen am Schwanz und knallt ihren Kopf gegen die mit Zement abgerundete Kante der Verandatreppe. Der kleine Körper schwingt leicht und pufft kaum hörbar, als würde man einen Lappen 42450ausschütteln. Dumpf knallt der weiche Nacken gegen die graue Zementkante. Aus dem verrutschten Maul gucken die spitzen Nadeln der winzigen Zahnreihe heraus. Unter den Lidern dreht sich kein Augapfel mehr. Der dunkle Spalt der länglichen Pupille weitet sich. (Szilárd Borbély, Die Mittellosen, Seite 93)

Der Roman Die Mittellosen des ungarischen Literaturwissenschaftlers und Lyrikers Szilárd Borbély verstört, wie kaum ein anderes literarisches Werk. Aus der kindlichen Perspektive eines Elfjährigen wird von einer lieblosen und lebensfeindlichen Erziehung in einer unzivilisierten und verrohten Gesellschaft erzählt. Weiterlesen

[Rezension] Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern

produkt-2667Pierre Jarawan war bisher nur den Poetry-Slam-Fans bekannt. Dies änderte sich allerdings im Frühjahr dieses Jahres, als er seinen Debütroman „Am Ende bleiben die Zedern“ veröffentlichte – eine Suche nach dem verschollenen Vater und den eigenen Wurzeln. Was von dem vor vielen Jahren verschwundenen Vater blieb, sind seine Gute-Nacht-Geschichten und eine Verehrung für die alte Heimat der Elter, den Libanon, der sich übrigens in der Realität als vollkommen anders erweist.

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[Rezension] Virginia Woolf – The Voyage Out

Ein Gastbeitrag von Ansgar Skoda

static1.squarespace.comDie Britin Virginia Woolf (1882-1941) gilt als die bedeutendste Autorin der englischen Moderne. Zu ihren bekanntesten Werken gehört die fiktive und utopische Biographie Orlando (1928), die seinen adligen Protagonisten über einen Verlauf von mehreren Jahrhunderte zeigt und nicht altern, jedoch sein Geschlecht wandeln lässt. Im Gegensatz zu ihrem anerkannten Spätwerk wurde Woolfs Romandebüt The Voyage Out (1915) weniger beachtet und oft als komplexes Frühwerk abgetan. Das Debüt der Schriftstellerin, welches bereits eine Vielzahl literarischer Ideen und Themen der Autorin aufzeigt, wird Euch hier vorgestellt. Weiterlesen

[Rezension] Andrei Mihailescu – Guter Mann im Mittelfeld

Ich bin stets von Autoren eingenommen, die sich ernsthaft mit einem Thema auseinandersetzen und mir das Gefühl geben, etwas erzählen zu wollen. Aus diesem Grund bin ich auch eingenommen von Andrei Mihailescu und würde gerne nur Gutes über seinen Debütroman „Guter Mann im Mittelfeld“ schreiben, aber leider, leider hat er sich entschieden, eine Liebesgeschichte in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen. Und manchmal ist Liebe nicht die Antwort, sondern das Problem. Weiterlesen

[Rezension] Roland Schimmelpfennig – An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Die ganze Stadt in Aufruhr. Die Zeitungen, die Schlagzeilen. Das Lokalfernsehen. Die Nachricht weltweit. Der Berliner Wolf. Völker schaut auf diese Stadt, wie hat sie sich verändert. Dieser Wolf ist ein Berliner.“

Ein bekannter Dramatiker schreibt seinen ersten Roman und landet prompt auf der Nominierungs-Liste zum Preis der Leipziger Buchmesse. Der Titel von auffälliger Länge klingt erstmal vielversprechend: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Das lässt an Erzählungen denken, denen ein denkwürdiger Tag zugrundeliegt, an ein besonderes Ereignis, das – sei es auch nur im Leben eines Einzelnen – alles verändert… Bei Schimmelpfennig ist es ein Wolf, der sich auf den Weg nach Berlin macht, ebenso wie einige weitere Figuren. schimmelpfennig

Berlin und der Wolf – das sind die beiden verbindenden Motive, um die sich der Reigen verschiedenster Personen im Roman reiht. Da sind die beiden Jugendlichen Elisabeth und Micha, die sich spontan aus der Provinz auf den Weg nach Berlin machen, anstatt morgens den Schulbus zu nehmen. Die Mutter des Mädchens und der Vater des Jungen folgen ihnen unabhängig voneinander nach Berlin, um sie zu finden. Und dann sind da noch das polnische Pärchen Tomasz und Agnieszka. Er fotografiert auf dem Weg nach Berlin den Wolf am Straßenrand, sie ist Putzfrau und verkauft sein Bild an die Zeitung. Die Späti-Besitzer Charly und Jackie spielen noch eine Rolle. Und noch einige weitere Randfiguren. Weiterlesen

[Rezension] Julia Wolf – Alles ist jetzt

„Alles ist jetzt und alles wie immer.“

Eines habe ich von diesem Roman gelernt: Ich mag definitiv keine passiven Protagonisten. Hier ist das natürlich Absicht. Ingrid ist die personifizierte Passivität. Lässt alles mit sich machen, lässt das Leben auf sich regnen. Lässt sich wecken, lässt sich vögeln, lässt sich Drogen einflößen, damit sie bei einer Live-Sex-Show mitmacht, weil sich das einer der Kunden doch so sehr wünscht. Obwohl sie da doch eigentlich nur als Bedienung hinterm Tresen arbeitet…Wolf_Cover

In kurzen Sätzen wird man in Ingrids Leben hineingesogen. Es ist nicht angenehm. Man liest, wie sie sich zwingen muss, aufzustehen und zu essen. Liest von Episoden aus ihrer Vergangenheit mit Mutter Gabriele, die gern mal zu viel trinkt. Liest vom ewig gleichen, sich wiederholenden Ablauf ihrer Tage, und selbst beim jährlichen Wiedersehensritual mit ihrem Vater Werner, der damals davonging. Weiterlesen