[Rezension] Julia Wolf – Alles ist jetzt

„Alles ist jetzt und alles wie immer.“

Eines habe ich von diesem Roman gelernt: Ich mag definitiv keine passiven Protagonisten. Hier ist das natürlich Absicht. Ingrid ist die personifizierte Passivität. Lässt alles mit sich machen, lässt das Leben auf sich regnen. Lässt sich wecken, lässt sich vögeln, lässt sich Drogen einflößen, damit sie bei einer Live-Sex-Show mitmacht, weil sich das einer der Kunden doch so sehr wünscht. Obwohl sie da doch eigentlich nur als Bedienung hinterm Tresen arbeitet…Wolf_Cover

In kurzen Sätzen wird man in Ingrids Leben hineingesogen. Es ist nicht angenehm. Man liest, wie sie sich zwingen muss, aufzustehen und zu essen. Liest von Episoden aus ihrer Vergangenheit mit Mutter Gabriele, die gern mal zu viel trinkt. Liest vom ewig gleichen, sich wiederholenden Ablauf ihrer Tage, und selbst beim jährlichen Wiedersehensritual mit ihrem Vater Werner, der damals davonging. Weiterlesen

[Rückblende] Jan Koneffke – Bergers Fall // 1991

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Jan Koneffke // 2014

Mein Debütroman war kein Debüt. Ich hatte 1988 bereits eine lange Erzählung veröffentlicht, die den doppeldeutigen Titel trug: Vor der Premiere. Doppeldeutig deshalb, weil eigentlich ein Gedichtbuch von mir erwartet wurde, nachdem ich beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb ein Jahr zuvor den Hauptpreis erhalten hatte. Der Preis wiederum hatte zur Folge, dass eine Reihe meiner Gedichte in der FAZ erschienen war und mir gleichzeitig mehrere Verlage einen Vertrag anboten. Als sich jedoch absehen ließ, dass ich das Gedichtmanuskript nicht rechtzeitig würde abgeben können, fragte mich der Verleger, Klaus Schöffling (damals Frankfurter Verlagsanstalt, heute Schöffling & Co.), dem ich das „Ja“-Wort gegeben hatte, ob ich nicht auch eine Prosa hätte, die wir vorziehen könnten. Weiterlesen

[Unterwegs] lost and found in Frankfurt

Ja, auch wir konnten dem Hype nicht widerstehen und haben uns in den Buchmessenwahnsinn von Frankfurt gestürzt. Wir sind verloren von Verlagsstand zu Verlagsstand getorkelt, haben Clemens J. Setz dabei beobachtet, wie er am 3sat-Stand mit zu hohen Armlehnen hadert, haben Ijoma Mangold im Vorbeigehen gesehen und gedacht, dass er aussieht wie im Fernsehen, wir haben uns beim Bloggertreff mit Keksen und Schlüsselanhängern versorgt und dabei mit großen Augen auf die Masse an Buchbloggern gestarrt.

Und wir haben vier spannende Gespräche mit Romandebütantinnen geführt, an denen wir euch – die den Frankfurter Wahnsinn überlebt oder ignoriert habt – teilhaben lassen wollen. Weiterlesen

[Unterwegs] Debütantensalon im TAK, Berlin

Gestern abend hatte ich in Berlin erneut die Möglichkeit, Debütanten dieses Jahres lesen zu © Laura Phören. Im Zuge des Lese-Marathons Berlin-Brandenburg „Stadt Land Buch“, der vom 16. – 23.11.2014 stattfindet, gaben sich vier Debütantinnen die Ehre: Sabine Kray, Christine Koschmieder, Verena Güntner und Alexandra Friedmann.© Laura P

Präsentiert und moderiert von RadioEins-Moderator Knut Elstermann lasen die Autorinnen knappe zwei Stunden aus ihren Romanen. Dennoch blieb zwischendurch noch genug Zeit für interessante Gespräche zwischen Moderator und Debütantinnen, was mir neulich beim Debütantenball bei Uslar + Rai ein bißchen gefehlt hatte.

Auch im Debütantensalon, der übrigens regelmäßig im TAK stattfindet, konnte ich wieder zahlreiche Inspirationen zu den „vielversprechendsten Romandebüts der Saison“ mitnehmen. So unterschiedlich die Debütromane der Autorinnen sind, sie machten mich allesamt neugierig. Weiterlesen

[Rezension] Fee Kathrin Kanzler – Die Schüchternheit der Pflaume

„Meine Geschichte, denke ich, spielt in einem Land, wo Dämmerungen genauso lang wie Tag und Nacht dauern. Der Himmel dieser Geschichte ist rosa und ihr Horizont schwarz. Nach Zwielicht riecht sie, nach dem Moos auf Stadtdächern, nach Mandelseife und ein wenig nach Benzin. Nach den Stahlsaiten meiner Gitarren und nach Männerhemd. Was sie zusammenhält, ist letztlich nur ein Fädchen, das durch die Hände einer numinosen Spinnerin läuft. Wahrscheinlich hat sie blaue Finger wie ich, Sudelpfoten, und schmiert meinen Faden schon beim Spinnen voll. Die Götter sitzen in der Tinte.“

© Laura PDie namenlose Erzählerin tanzt sich durch ihr Leben, das voller kleiner Entdeckungen steckt, schläft mit Männern, deren Eigenarten sie geistig in ihren Erinnerungen versammelt, trinkt Tee und lauscht dem, was die Götter ihr einflüstern. Mit glänzenden Augen liest man ihr dabei zu, schüttelt den Kopf angesichts soviel Leicht(sinn)igkeit und will doch mehr davon. Mehr von den wunderschönen Wortbildern, die Fee Kathrin Kanzler aufs Papier gezaubert hat.

Es passiert nicht viel auf den 318 Seiten, man ist einfach beim Lesen mit der Erzählerin lebendig. Wer sich beim Lesen jedoch eine geschickt konstruierte, handlungsreiche, mit verschiedenen, sich entwickelnden Charakteren eingefädelte Geschichte wünscht, der ist hier im falschen Zimmer. Goldglanzrichtig ist jeder, der Sprache vergöttert und wer nach Leichtigkeit, Lebendigkeit und liebenswürdigen Lebewesen sucht. Weiterlesen