[Rezension] Sabine Wirsching – Druckstaueffekt

© Laura PIn einer Großstadt wie Berlin ist es nicht nur schwer, Liebe zu finden. Es ist komplex: sich überhaupt für ein Beziehungs- und Lebensmodell zu entscheiden, sich auf einen Partner festzulegen oder nicht, sich selbst in der eigenen Sehnsucht auszukennen, die eigenen Wünsche mit denen anderer zu vereinbaren … und dabei nicht völlig hemmungs- und rücksichtslos dem Egotrip anheim zu fallen, von all dem erzählt Sabine Wirsching in ihrem Debütroman.

Irgendwann. Ich werde das Gefühl von Suche nicht los – diese Berliner Krankheit, die Erwartung, dass hinter jeder Ecke, in jedem Club ein Besserer warten könnte. Die Stadt ist voller Menschen, überall begegnet man neuen Menschen, bis man süchtig danach ist. Im Alltag werden alle Krawallprinzen grau. Das weiß ich, aber ich will nicht verstehen.“

Sabine Wirsching hat einen unromantischen Roman über Sex, Beziehungsleben, Berlin, Musik und Sehnsucht geschrieben. Es geht um die Suche nach dem Richtigen und um das wilde Ausleben, um das, was bei Männern „Hörner abstoßen“ genannt wird und um die Torschlusspanik, die manch einen Ende Zwanzig zum Beispiel in Berlin befällt. Feste Beziehung? Familie? Bloß nicht. Nicht jetzt. Weiterlesen

[Zweierlei] Anne Philippi – Giraffen

Anne Philippi - GiraffenGI|RAF|FE, die; -, -n: Frauentypus, Ende 20. Jahrhundert bis heute, Verbreitung v.a. Westeuropa und Nordamerika, vermehrt zu finden an Orten des internationalen Jetsets. Lebt parasitär und in Co-Abhängigkeit mit wohlsituierten Exemplaren männlicher Spezies.

Worum es geht: Eva und Henry sind süchtig. Nicht abstoßend und mitleidheischend süchtig. SIe haben Geld und feiern ihren berauschenden Alltag. Zumindest meistens. Wenn da nur nicht der unzuverlässige Körper und die noch unzuverlässigere Psyche wären.

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[Zweierlei] Simone Lappert – Wurfschatten

DSC_0314Bei fünf Teammitgliedern kommt es immer wieder vor, dass ein Buch nicht nur von einer Person, sondern gleich von mehreren gelesen wird. Und natürlich tauschen wir uns dann auch darüber aus. Um euch daran teilhaben zu lassen und euch dennoch nicht mit zwei ellenlangen Rezensionen zu langweilen haben wir uns für eine Besprechung in etwas kürzerer Form entschieden. Bei den Seitenspinnern sind wir auf einen Fragenkatalog gestoßen, der uns für unsere Zwecke geeignet schien und so haben wir uns davon inspirieren lassen.

Laura und ich haben Simone Lapperts Debütroman „Wurfschatten“ gelesen und unabhängig voneinander den Fragebogen ausgefüllt. Das Ergebnis könnt ihr nun hier sehen. Weiterlesen

[Rezension] Elke Schmitter – Frau Sartoris

Elke Schmitters Debütroman erzählt anhand von Margarethe Sartoris das Leben einer westdeutschen Frau aus der Provinz. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Liebe und Leidenschaft, welche sie als junge Frau empfindet. Das klingt erstmal nach einem Buch, das ich nicht unbedingt hätte lesen wollen. Zufällig habe ich es doch getan und war positiv überrascht.frau_sartoris

Frau Sartoris´ Jugendliebe zu einem Adligen zerbricht, vermutlich an den gesellschaftlichen Unterschieden. Sie heiratet, mehr oder weniger aus Trotz und auf die Schnelle, den Kriegsinvaliden Ernst. Sein Lebensziel ist Gemütlichkeit, was zu Tochter Daniela und langweiligen Abenden führt. Das Eheleben ödet die schöne Margarethe schon bald an und sie bandelt mit Michael an, mit dem sie erotisches Neuland erkundet und schließlich einen waghalsigen Plan fasst…

Es sind zwei Dinge, die den Roman von Schmitters lesenswert machen und vielleicht auch Reich-Ranicki im Literarischen Quartett zu der Aussage brachten, das sei Prosa, die ihn in höchstem Maße fasziniere. Weiterlesen

[Interview] Heinz Helle

Heinz HelleHeinz Helle wurde 1978 geboren und lebt derzeit mit seiner Familie in Biel. Er studierte Philosophie in München und New York, arbeitete als Texter in Werbeagenturen und ist Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel. 2013 bekam Helle im Zuge des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs den Ernst-Willner-Preis verliehen. Er ist dort mit einem Auszug aus seinem ersten Roman Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin angetreten, den der Suhrkamp Verlag im Februar 2014 veröffentlichte. Im September 2015 wird sein zweiter Roman Eigentlich müssten wir tanzen erscheinen.

In seinem Debütroman verknüpft er philosophische mit allzu weltlichen Problemen und zeigt, wie man ebenjene und sich selbst kaputtdenken kann. Helle lässt einen namenlosen Philosophie-Studenten vom Leben zu schnöder Theorie und wieder zurück taumeln, lässt ihn scheitern an Lehre, Liebe und seinem eigenen Ich und ihn letztendlich doch noch beim Leben oder dem, was man so bezeichnet, ankommen. Weiterlesen

[Rezension] Monika Zeiner – Die Ordnung der Sterne über Como

Monika Zeiner_Die Ordnung der SterneWas passiert mit uns, wenn ein guter Freund stirbt? Was bewirken Schuldgefühle? Wie ist es, einen geliebten Menschen mit dem man ein Unglück teilt, nach vielen Jahren wieder zu sehen?

Monika Zeiner hat einen Debütroman geschrieben, der sich mit Fragen wie diesen befasst und dadurch auf sehr eindringliche Weise von Liebe, Tod, Identität, Verlust, Abschied und insbesondere Freundschaft erzählt. Es geht darüber hinaus auch um Musik, vor allem Klavier und Jazz, Träume und um das Erwachsenwerden an der Seite von Freunden. Die Schauplätze Berlin und Italien spielen in dem Roman eine nicht unerhebliche Rolle. Die Geschichte lebt jedoch von ihren Figuren, die einem sehr nahe kommen: Betty Morgenthal, das Mädchen, das in die bestehende Männerfreundschaft zwischen Tom und Marc gerät. Tom und Marc, die man sich nur im Zweiergespann denken kann, seitdem sie sich in einem Mietwagen kennenlernten, die alles gemeinsam machen, dann auch mit Betty; wohnen, leben, Musik, bis Marc verunglückt.

Zehn Jahre nach seinem Tod tritt Tom, der Jazzpianist, mit seiner Band in Neapel auf, und trifft dort wieder auf Betty, die mittlerweile in Italien verheiratet ist und dort als Ärztin arbeitet.

„Wenn man jung ist, dann ist das Leben ein Gewirr von tausend Möglichkeiten, ein Gewimmel von tausend Wegen, einer vielversprechender als der andere, und du denkst, dass du sie alle gehen kannst. Wenn dir einer nicht gefällt, kehrst du um und suchst dir einen anderen, alles ist hell und freundlich. Alle Türen sind offen, dahinter ist Licht. Je älter du wirst, desto mehr Türen fallen zu, Wege verschwinden, sind einfach nicht mehr da, oder du findest sie nicht wieder, wie im Märchen, wo plötzlich meterhohe Dornbüsche wuchern.“

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[Rezension] Helwig Arenz – Der böse Nik

© Laura PIn den Künsten, so heißt es, ist alles möglich. In der Literatur kann man sich im Geiste so richtig austoben, die Figuren mal richtig gesetzesunkonform agieren lassen, es ordentlich krachen lassen. Der böse Nik ist so eine Figur. Er wohnt in einem mehr oder weniger besetzten Haus, das Gabi (Gabriel) gehört, der so etwas wie ein Diktator mit „SozPäd-Seele“ ist. Gabi lässt in seinem Haus verlorene Jugendliche leben, um ihnen jenseits von Jugendamt und Behörden eine Chance zu geben. Das diese Jugendlichen, vor allem Nik, ihre Freiheit lieben und seine sozialpädagogischen Reden nur belächeln können – so what. Nik ergattert mal eben ein paar Perlen und Ketten bei einem Juwelier, wenn er Geld für neue Drogen und Bier braucht, setzt Babykatzen in einer Vogelausstellung aus oder verprügelt mit den anderen einen Mitbewohner, den Vegetarier, bis er stirbt. Und natürlich vögelt er Gabriels besonderen Schützling: Lauri.

„Die Milch in dem Pastismagen, der Müllkippe von gestern. Ich versuchte einen klaren Kopf zu bewahren. Denken, Mensch, denken! Ich nahm noch mal den Zettel heraus, der in meinem Mund gewesen war. Mir kam der fixe Gedanke, dass Lauri ihn mir reingelegt hatte. Vielleicht wie einen verschlüsselten Hilferuf. Ich faltete ihn auf und las die verwaschene Schrift. Mit einem Mal war ich nüchtern. Um mich sah ich die verwüstete Küche. Einen Milchsee, in den ich zerstreut den dicken Dampfer meiner Fußspitze schob. Der Tee, der von der Tischplatte tropfte. Tageslicht, das mit zunehmender, grimmiger Gewalt den kalten Rauch zerschoss, der im Zimmer stand.“

Helwig Arenz legt ein bitterböses Romandebüt vor, in dem eine Menge passiert. Weiterlesen