[Interview] „Die langen Arme“ von Sebastian Guhr auf der Shortlist des Blogbuster-Preises 2018

Vor kurzer Zeit wurde die Shortlist des diesjährigen Blogbuster-Preises bekannt gegeben: Unser Vorschlag für die Veröffentlichung – „Die langen Arme“ von Sebastian Guhr – ist eines der drei Manuskripte, die weiterhin die Chance darauf haben, nächstes Jahr im Autorenverlag Kein & Aber zu erscheinen. Da wir von den Qualitäten des Textes überzeugt sind, drücken wir ihm weiterhin alle Daumen, die uns zur Verfügung stehen!

Wer ist aber Sebastian Guhr? Wie schreibt er und welche Autoren stehen auf seinem Hausaltar? Dies und noch mehr verrät uns Sebastian in einem kurzen Interview, das wir mit euch gerne teilen. Viel Spaß beim Lesen!

  1. Wann hast Du begonnen, literarische Texte zu schreiben?

    Guhr Portrait

    (c) Sebastian Guhr

Mit Anfang 20. Vorher habe ich lieber gemalt und gezeichnet.

  1. Wovon handelten Deine ersten Schreibversuche?

Von mir selbst natürlich. Die reinste Nabelschau.

  1. Was hast Du unternommen, um Deine Texte (kurz wie lang) an die Leser und Leserinnen zu bringen?

Ich kannte überhaupt niemanden im Literaturbetrieb, außerdem wollte ich aus einem elitaristischen Prinzip heraus nicht an Wettbewerben teilnehmen. Außerdem war es mir zu blöd, für meine Manuskriptangebote an Verlage Exposés zu schreiben. Ich habe aus Angst vor Kritik auch nie Freunden etwas vorgelesen. Keine guten Voraussetzungen, um Leser zu finden.

  1. Du hast bereits vor ein paar Jahren Dein Romandebüt veröffentlicht. Wovon handelt es?

Mein Debütroman enthält viele Anspielungen auf Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ und handelt von einem Zwerg, der auf der Suche nach seiner Liebsten um die halbe Welt reist. Die ersten 30 Seiten gefallen mir heute noch, aber dann wird es für die nächsten 180 Seiten fast unerträglich zäh.

  1. Welche Lehre hast Du daraus für spätere Romane gezogen? Inwieweit hat sich inzwischen Dein Umgang mit dem literarischen Stoff, der Sprache und dem Text an sich verändert?

Ich gehe viel planvoller an die Sache heran. Ich baue zunächst einen Plot, der spannend sein soll, aber auch einen philosophisch-theoretischen Unterbau haben muss. Die Figurenentwicklung sollte sich grob abzeichnen. Zur Konzeption: Ich mag das Regelsystem, das zum Beispiel die Hollywood-Dramaturgie vorgibt, also plotpoints, need und want etc. Aber auch andere Regeln, zum Beispiel wahllos gemischte Gemälde der Kunstgeschichte, die ich zu einer Geschichte spinnen muss, oder Tarot-Karten, die das Handeln meiner Figuren vorgeben. Später muss ich, damit Literatur entsteht, diese Regeln natürlich brechen und die Sprache und das Erzählen wuchern lassen, aber für den Anfang sind Regeln gut. Auch die erste Fassung gehe ich sehr spielerisch an, das heißt, sie ist von Regeln geprägt, die ich mir selbst auferlege. Zum Beispiel: „die 1. Version nur in Dialogen schreiben“ oder „jeden Tag eine Seite, egal was passiert“. Wenn ich eine 1. Version von vielleicht 100 Seiten habe, schreibe ich den Text per Hand ab. Und da passiert dann viel Literarisches. Zu diesem Zeitpunkt kommt bei den Figuren auch Psychologie mit rein, vorher lieber nicht. Ich baue dann am Text herum wie ein verrückter Professor, da darf an meinem Schreibtisch alles passieren. Ich habe Kugelschreiber in vier Farben, damit ich bei den vielen Pfeilen und Anmerkungen noch durchblicke. Diese Schreibphase ist leider von Schlafschwierigkeiten bis zur Schlaflosigkeit geprägt, so dass ich nach etwa 3 Monaten, wenn die 2. Version fertig ist, völlig geschafft bin. Ich lasse den Text, der jetzt vielleicht auf 170 Seiten angewachsen ist, zwei Monate liegen und fahre am besten in den Urlaub. Danach beginnt die Feinarbeit. Und irgendwann ist der Roman fertig. Ich bin ziemlich faul, was Überarbeitungen angeht, ich finde nach einem Jahr ist es genug, ich will dann ein neues Projekt beginnen. Fünf Jahre oder mehr an einem einzigen Roman zu schreiben stelle ich mir langweilig vor, außerdem hat das einen unangenehmen Beigeschmack von „Hauptwerk“.

  1. Was sind Deine Vorbilder?

Da gibt es einige. Früher mochte ich die Autoren des nouveau roman, was ich heute nicht mehr so ganz nachvollziehen kann. Gut, Nathalie Sarraute mag ich immer noch, aber Claude Simon zum Beispiel, oh je, den finde ich inzwischen überschätzt. Außerdem lese ich gern gewitzte, dialogreiche Romane, und die Engländer sind darin einfach die Besten. Von Evelyn Waugh, Muriel Spark, Evy Compton-Burnett, Henry Green und Gabriel Josipovici habe ich fast alles gelesen, die haben mich bestimmt beeinflusst. Ned Beauman haut gegenwärtig in diese Kerbe, hierzulande Philipp Tingler oder Kristof Magnusson. Später kam dann für mich William Gaddis dazu, der als seinen wichtigsten Einfluss ja – welche Überraschung – Evelyn Waugh nennt. Aber auch die späten Romane von Fontane fallen in diese dialogreiche Kategorie. Als wichtiger Einfluss ist noch die Phantastik zu nennen, angefangen bei E.T.A. Hoffmann über Poe bis zu einer Strömung der deutschsprachigen Literatur, die man vielleicht auch magischer Realismus nennen kann, ich denke da an „Die drei Sprünge des Wan-Lun“ von Döblin, an die Romane von Ernst Kreuder, Friedo Lampe, Hans Henny Jahnn und Hans Erich Nossack. Donald Antrim, Nabokov, Nestroy, Wieland, Saul Bellow, Onetti und Philip K. Dick stehen ebenfalls auf meinem Hausaltar. Ein deutschsprachiger Gegenwartsautor, den ich sehr schätze und von dem ich mir wünsche, dass er viel mehr veröffentlicht, ist Gert Loschütz. Ein letzter wichtiger Einfluss ist Oulipo, Pataphysik und die ganze Sphäre drumherum. Die Pseudo-Apparate in „Die langen Arme“ sind ohne Raymond Roussels „Locus Solus“ gar nicht denkbar. Eine pataphysische Perspektive auf die Welt ist mir außerdem als Lebenseinstellung wichtig, ich mag das anarchische daran. Ein Oulipo-Roman der Gegenwart, den ich empfehlen kann, ist übrigens „Schwelle und Schwall“ von Klaus Ferentschik.

  1. Was war das letzte gute Buch, das Du gelesen hast?

Ich habe kürzlich „Es“ von Stephen King gelesen und war schwer beeindruckt. Ich hatte vorher die üblichen Hochkultur-Vorurteile gegenüber King.

  1. Die meisten Blogbuster-Einsendungen stammen von debütierenden Autoren. Was hast Du Dir als ein bereits veröffentlichter Autor von der Teilnahme an diesem Wettbewerb erhofft?

Ich wollte ganz einfach Aufmerksamkeit bekommen. Es gibt ja die Vorstellung, dass mit der Veröffentlichung des ersten Buchs ein anderes Leben beginnt. Das sind Träume, die Blogbuster auch ein Stück weit bedient. Die Genese zum Autor ist aber ein ziemlich verzwickter Prozess, der viel früher als beim ersten Buch beginnt und nicht nach dem ersten endet. Man muss weiterhin Paratexte sammeln, um seinen Stil als literarisch akzeptabel durchzusetzen und um bekannter zu werden.


Sebastian Guhr

1983 in Berlin geboren, Studium Philosophie und Germanistik. Der Roman “Die Verbesserung unserer Träume“ ist im Herbst 2017 im Luftschacht Verlag erschienen. Zurzeit Stipendiat der Lydia-Eymann-Stiftung Langenthal/Schweiz.

„Die langen Arme“ – Exposé

Leseprobe


 

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