[Interview] Klaus Cäsar Zehrer

Auch in diesem Jahr möchten wir euch die AutorInnen der Shortlist in Kurzinterviews vorstellen. Das Interview mit Julia Weber wurde bereits im Rahmen der Berichterstattung zum Franz-Tumler-Literaturpreis veröffentlicht. Wir setzen die Reihe mit Klaus Cäsar Zehrer fort, der mit seinem Debütroman Das Genie ins Rennen geht.

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Steffi Roßdeutscher/ © Diogenes Verlag

Klaus Cäsar Zehrer wurde 1969 in Schwabach geboren, promovierte 2002 an der Universität Bremen als Kulturwissenschaftler und lebt heute als freier Autor, Herausgeber und Übersetzer in Berlin. Er veröffentlichte u.a. zusammen mit Robert Gernhardt die Anthologie Hell und Schnell, das Standardwerk der deutschsprachigen komischen Lyrik.  Mit seinem Debütroman stand er in diesem Jahr auf der Shortlist des Bayerischen Buchpreises. Weiterlesen

[Das Debüt 2017] Die Shortlist

Wie bereits im letzten Jahr möchten wir uns vor der Verkündung der Shortlist von ganzem Herzen bei allen teilnehmenden Autoren und Verlagen für das entgegengebrachte Vertrauen und die Aufgeschlossenheit gegenüber unserem Literaturpreis bedanken. Es war uns eine große Freude die eingereichten Titel zu lesen!

Nun soll das Warten aber ein Ende haben…

Aus 64 eingereichten Titeln haben wir eine Shortlist erstellt, die fünf Debütromane umfasst. Die Titel sind nach Einreichungsdatum aufgeführt:

Julia Weber – Immer ist alles schön

erschienen im Limmat Verlag

Begründung

Immer ist alles schön ist ein zarter, ja nahezu fragiler Roman über eine Geschwisterliebe, die Unerträgliches aushalten muss. Der Leser begleitet Anais und Bruno dabei, wie sie nach und nach die Realität, die durch die Alkoholsucht ihrer Mutter geprägt ist, hinter sich lassen und in eine Fantasiewelt, in eine von Anais imaginierte „heile“ Welt flüchten. Die Autorin hat ein Händchen für vielschichtige Figurengestaltung, sowohl Anais mit ihrer hyperrealistischen Wahrnehmung als auch die Mutter in ihrer inneren Zerrissenheit sind 9783857918230außergewöhnlich überzeugend dargestellt. Weber setzt gezielt Leerstellen, in denen große Fragen aufleuchten: Wie selbstbestimmt darf die eigene Normalität sein? Im Scheitern der einzelnen Figuren an der gesellschaftlich auferlegten Normalität entfaltet der Roman ein eindrückliches Panorama aus menschlichen Verfehlungen, verlorenen Hoffnungen und erdrückender Liebe. Julia Weber schreibt in einer lyrisch-poetischen Sprache, die neben der präzisen Bildlichkeit auch durch einen unvergleichlichen Klang und Rhythmus auffällt. Es sind die leisen Töne in diesem Roman, die eine ungeahnte Wucht entwickeln und noch lange nachhallen.

Juliana Kálnay – Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

erschienen im Verlag Klaus Wagenbach

Begründung

Juliana Kálnay entführt mit Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens ihre LeserInnen in eine Welt des magischen Realismus, die sich in einem gewöhnlichen, nicht näher bestimmten Wohnhaus verbirgt: Ein Mann verwandelt sich in einen Baum, eine Frau strickt unermüdlich „Haus-Geschichten“ und ein Wesen namens „Maria“ gräbt Löcher, bis es eines Tages spurlos verschwindet. Sobald es einem 9783803132840gelingt, sich auf die Welt in Kálnays Roman einzulassen und sich selbst von dem Versuch zu befreien, dem Text eine Chronologie und dem Haus eine Struktur aufzwingen zu wollen, eröffnet sich die eigentliche Größe dieses Textes. Der Roman lässt sich nicht auf die Summe seiner Figuren reduzieren. Es ist ein Mosaik aus Figuren, Bildern, Anspielungen und Andeutungen, das immer wieder neu zusammengesetzt und entdeckt werden kann. Die Autorin entwickelt auf eine spielerische Art und Weise ein vielstimmiges Werk, das in Form, Stil und Inhalt bemerkenswert kühn aus der Masse der Neuerscheinungen herausragt.

Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie

erschienen im Diogenes Verlag

Begründung

Klaus Cäsar Zehrer debütierte diesen Sommer mit Roman Das Genie. Erzählt wird die Lebensgeschichte von William James Sidis (1898-1944). Sein Vater Boris Sidis, ein bekannter Psychologe, will an William Sidis demonstrieren, dass sich jedes Kind zum Genie erziehen lässt, und entwickelt hierfür ein spezielles Lernprogramm, das als die „Sidis-Methode“ bekannt wird. Das Genie ist im besten Sinne ein klassischer Roman und scheint sich aufgrund seiner Komposition und auktorialen Erzählsituation vor den großen Vorbildern der deutschen oder der russischen das-genie-9783257069983Literatur zu verneigen. Er verneigt sich, ohne in Ehrfurcht zu erstarren, nie ist Das Genie Imitation, sondern immer eigenständiges Werk. Zehrer behält trotz des für einen Debütanten auffallenden Buchumfangs von 600 Seiten stets den Überblick und beweist eine meisterhafte Souveränität im Erzählen. In Zeiten von Selbstoptimierung und Leistungssteigerung hat Zehrer einen brandaktuellen Roman geschrieben, der genau dieses Streben nach Perfektion in Frage stellt. Es ist ein zutiefst menschlicher Roman, ein Roman über den Kampf um Autonomie und Selbstbestimmung, ein Roman über Würde.

Christian Bangel – Oder Florida

erschienen im Piper Verlag

Begründung

Frankfurt (Oder) im Jahre 1998: Eben noch interviewte der zwanzigjährige Matthias Freier Dolly Buster für eine Stadtzeitung und im nächsten Moment wird er zum Pressesprecher des Spitzenkandidaten für das Bürgermeisteramt ernannt. Freier schlittert über das politische Parkett und versuchtcsm_produkt-12999_b48b39d8cb tapfer, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Dabei will er doch eigentlich nur, dass die Nazis aus seiner Stadt abhauen und seine Exfreundin zu ihm zurückkehrt. Der Roman Oder Florida von Christian Bangel ist ein grandioser Unterhaltungsroman – und noch mehr als das. Es ist ein Roman voller Humor, der manchmal bitter schmeckt. Klug verweist der Autor mit seinem Plot auf aktuelle Ereignisse, Entwicklungen und Tendenzen in Politik und Gesellschaft ohne der Gefahr zu erliegen, die Moralkeule zu schwingen. Er wirft einen scharfen, oftmals schmerzhaften Blick auf das Leben und die Menschen in Ost- und Westdeutschland.

Jovana Reisinger – Still halten

erschienen im Verbrecher Verlag

Begründung

Wenn die Protagonistin von Jovana Reisingers Debütroman eins gelernt hat, dann ist es, Mund und Füße still zu halten. Gesellschaftliche Anforderungen und Rollenzuweisungen geduldig mit einem Lächeln zu ertragen. Nun hat der Arzt ihr „Hirnversagen“ diagnostiziert, ein Jahr hat sie, um sich auszukurieren. Doch an Genesung ist in diesem Roman nicht zu denken. Die Autorin seziert ihre Figur, bis sie sich gänzlich auflöst. Das macht sie in einem ganz und gar eigensinnigen Ton, der zuweilen anstrengend, aber immer bildgewaltig ist. Und gerade das Unbequeme des Tons könnte den Roman nicht besser einrahmen.1727_L In assoziativ-soghaften Gedankenkaskaden folgen wir einer Frau, die an leeren Rollenvorstellungen und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen zerbricht. Bezeugt wird der innere Konflikt durch ständige Perspektivwechsel aus subjektiver Innenperspektive und objektiver Außensicht, die den gesamten Text durchziehen. Die Autorin verliert jedoch an keiner Stelle den Faden. Jovana Reisinger beweist mit ihrem Roman nicht nur ihr schriftstellerisches Können, fernab jeglicher Wohlfühlprosa gelingt ihr vor allem ein Debüt, das Mut zum unkonventionellen Erzählen zeigt.

Aus diesen fünf Debütromanen wählen die teilnehmenden Literaturblogger ihren persönlichen Favoriten. Der Roman mit den meisten Stimmen wird als der beste Debütroman 2017 im Rahmen des Bloggerpreises für Literatur gekürt. Der Gewinner wird am 10. Januar auf unserem Blog bekanntgegeben.

Uns interessiert natürlich auch eure Meinung dort draußen. Was haltet ihr von der Liste, welchen Roman hättet ihr die Shortlistnominierung gewünscht, habt ihr bereits Titel der Liste gelesen und wie haben sie euch gefallen? Wir freuen uns auf eure Kommentare.

Zusätzlich gibt es in der Seitenleiste eine Umfrage, bei der ihr bis zum 07. Januar 2018 eure Stimme eurem Favoriten geben könnt. Wir sind gespannt, wen ihr gewählt hättet.

[Rezension] Szilárd Borbély – Die Mittellosen

Ein Gastbeitrag von Ansgar Skoda

Leben ohne Wert

Mein Großvater hält die Kätzchen am Schwanz und knallt ihren Kopf gegen die mit Zement abgerundete Kante der Verandatreppe. Der kleine Körper schwingt leicht und pufft kaum hörbar, als würde man einen Lappen 42450ausschütteln. Dumpf knallt der weiche Nacken gegen die graue Zementkante. Aus dem verrutschten Maul gucken die spitzen Nadeln der winzigen Zahnreihe heraus. Unter den Lidern dreht sich kein Augapfel mehr. Der dunkle Spalt der länglichen Pupille weitet sich. (Szilárd Borbély, Die Mittellosen, Seite 93)

Der Roman Die Mittellosen des ungarischen Literaturwissenschaftlers und Lyrikers Szilárd Borbély verstört, wie kaum ein anderes literarisches Werk. Aus der kindlichen Perspektive eines Elfjährigen wird von einer lieblosen und lebensfeindlichen Erziehung in einer unzivilisierten und verrohten Gesellschaft erzählt. Weiterlesen

Preisverleihung + Runde 2

Im letzten Jahr initiierten wir aus Lust und Laune einen Literaturpreis, nachdem wir beflügelt von den Erlebnissen beim Franz-Tumler-Literaturpreis wieder in der Heimat ankamen. Wir wussten nicht, ob der Preis überhaupt angenommen oder wahrgenommen werden würde, zu verlieren hatten wir aber nichts. Und so können wir nun auf ein überraschend positives letztes Jahr zurückblicken. 50 Titel wurden eingereicht, 21 Literaturblogger haben sich angemeldet und am Ende gab es eine Gewinnerin, die sich über ein Preisgeld von 500€ freuen darf. Am 24. April um 19:30 Uhr im Café Central International im Grillo-Theater in Essen findet die Preisverleihung statt. Es werden die Erstplatzierte Shida Bazyar sowie der Zweitplatzierte Philip Krömer aus ihren Werken lesen. Die Karten für die Veranstaltung kosten 6,60€. Wir würden uns freuen, wenn ihr vorbei kommt.

g4146 - KopieEs war oft anstrengend, die Diskussionen waren leidenschaftlich, die Debütromane kleine Abenteuer. Und weil das alles so schön war, haben wir beschlossen einfach weiterzumachen. Auch in diesem Jahr gibt es also den Bloggerpreis für Literatur. Literaturblogger können sich also gern wieder für die Jury anmelden, um den besten deutschsprachigen Debütroman zu wählen, der in diesem Jahr sogar mit 600€ prämiert wird. Die Ausschreibung findet ihr hier.

10 Titel wurden bereits wieder eingereicht. Wir freuen uns auf ein weiteres Abenteuer mit Autoren, Verlagen und Bloggern.

[Das Debüt 2016] And the winner is…

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(C) Joachim Gern

Mit einer kurzen Verzögerung möchten wir euch nun endlich nicht mehr länger auf die Folter spannen. Der Preis für den besten Debütroman 2016 geht an Shida Bazyar, die mit ihrem Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ die teilnehmenden Blogger von sich überzeugen konnte. Wir gratulieren herzlich und freuen uns schon jetzt auf die Preisverleihung im Frühjahr.

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[Interview] Sonja Harter

Zu guter Letzt möchten wir euch nun die Lyrikerin Sonja Harter vorstellen, die mit ihrem Debütroman „Weißblende“ auf der Shortlist steht.

Sonja Harter wurde 1983 in Graz geboren und lebt heute in Wien. Seit 2001 veröffentlicht sie in Literaturzeitschriften (u.a. Manuskripte, Lichtungen, kolik), Anthologien (u.a. „Jahrbuch der Lyrik“, S. Fischer; „Lyrik von Jetz Zwei“, Berlin Verlag, „Stimmenfang“, Residenz) und im ORF Radio. 2005 erschien der Gedichtband „barfuß richtung festland“, 2008 folgte „einstichspuren, himmel.“ (beide Leykam). Preise und Stipendien: Literaturförderungspreis der Stadt Graz 2003, Literaturstipendium der Stadt Graz 2005, Frauen.Kunst.Preis 2006. Arbeitet als Kulturredakteurin bei der APA – Austria Presse Agentur.

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