[Das Debüt 2017] And the winner is…

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Steffi Roßdeutscher/ © Diogenes Verlag

Es ist endlich soweit. Wir haben uns durch 16.335 Seiten gewühlt, aus 64 Romanen eine Shortlist mit fünf Kandidaten erstellt und diese von den teilnehmenden Bloggern bewerten lassen. Diese Blogger haben sich nun mit ihrer Stimmabgabe entschieden:

Der Preis für den besten Debütroman 2017 geht an Klaus Cäsar Zehrer, der mit insgesamt 46 Punkten für seinen Roman Das Genie das Rennen macht. Wir gratulieren an dieser Stelle herzlich!

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[Interview] Juliana Kálnay

Wir starten frisch ins neue Jahr mit dem letzten Kurzinterview zur Shortlist des Bloggerpreises 2017. Nach Julia Weber, Klaus Cäsar Zehrer, Jovana Reisinger und Christian Bangel hat auch Juliana Kálnay unsere Fragen zu ihrem Debütroman Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens und ihrem Schreiben beantwortet.

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© Mathias Prinz

Juliana Kálnay wurde 1988 in Hamburg geboren, wuchs zunächst in Köln und dann in Málaga auf. Sie veröffentlichte in deutsch- und spanischsprachigen Anthologien und Zeitschriften und erhielt das Arbeitsstipendium Literatur der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein 2016. Derzeit lebt sie in Kiel. 2017 wurde ihr Debütroman Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Weiterlesen

[Interview] Christian Bangel

Kurz vor dem Jahreswechsel möchten wir noch unsere Reihe der Kurzinterviews fortsetzen. Nach Julia Weber, Klaus Cäsar Zehrer und Jovana Reisinger folgt nun das Interview mit Christian Bangel, der mit seinem Debütroman Oder Florida auf unserer Shortlist zum besten Debütroman des Jahres steht.

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© Maurice Weiss

Christian Bangel wurde 1979 in Frankfurt (Oder) geboren. Während seines Geschichtsstudiums gründete er das Netzmagazin Zuender für Zeit Online. 2008 wurde  das Anti-Rechtsextremismus-Blog Störungsmelder, das Bangel zusammen mit Markus Kavka und anderen entwickelte, mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Ab 2010 war er Nachrichtenredakteur bei Zeit Online, seit 2012 ist er dort Chef vom Dienst. Weiterlesen

[Interview] Jovana Reisinger

Bevor auch wir uns für die Feiertage zurückziehen, möchten wir noch mit unserer Reihe der Kurzinterviews weitermachen. Nach Julia Weber und Klaus Cäsar Zehrer folgt nun das Interview mit Jovana Reisinger, die mit ihrem Debütroman Still halten auf unserer Shortlist zum besten Debütroman des Jahres steht.

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© Tanja Kernweiß

Jovana Reisinger wurde 1989 in München geboren und ist in Österreich aufgewachsen. Sie drehte diverse Kurzfilme, die in Ausstellungen gezeigt und ausgezeichnet wurden, sowie Musikvideos für die Bands Pollyester und Das weiße Pferd. 2016 veröffentlichte sie in der Reihe »100for10« das multimediale Konzeptbuch Donna Euro is poisoned by rich men in need, zu dem sie 45 Videos produzierte. Für den Kurzfilm pretty boys don’t die bekam sie den ZONTA-Preis der Festspielleitung der Oberhausener Kurzfilmtage. Weiterlesen

[Interview] Klaus Cäsar Zehrer

Auch in diesem Jahr möchten wir euch die AutorInnen der Shortlist in Kurzinterviews vorstellen. Das Interview mit Julia Weber wurde bereits im Rahmen der Berichterstattung zum Franz-Tumler-Literaturpreis veröffentlicht. Wir setzen die Reihe mit Klaus Cäsar Zehrer fort, der mit seinem Debütroman Das Genie ins Rennen geht.

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Steffi Roßdeutscher/ © Diogenes Verlag

Klaus Cäsar Zehrer wurde 1969 in Schwabach geboren, promovierte 2002 an der Universität Bremen als Kulturwissenschaftler und lebt heute als freier Autor, Herausgeber und Übersetzer in Berlin. Er veröffentlichte u.a. zusammen mit Robert Gernhardt die Anthologie Hell und Schnell, das Standardwerk der deutschsprachigen komischen Lyrik.  Mit seinem Debütroman stand er in diesem Jahr auf der Shortlist des Bayerischen Buchpreises. Weiterlesen

[Das Debüt 2017] Die Shortlist

Wie bereits im letzten Jahr möchten wir uns vor der Verkündung der Shortlist von ganzem Herzen bei allen teilnehmenden Autoren und Verlagen für das entgegengebrachte Vertrauen und die Aufgeschlossenheit gegenüber unserem Literaturpreis bedanken. Es war uns eine große Freude die eingereichten Titel zu lesen!

Nun soll das Warten aber ein Ende haben…

Aus 64 eingereichten Titeln haben wir eine Shortlist erstellt, die fünf Debütromane umfasst. Die Titel sind nach Einreichungsdatum aufgeführt:

Julia Weber – Immer ist alles schön

erschienen im Limmat Verlag

Begründung

Immer ist alles schön ist ein zarter, ja nahezu fragiler Roman über eine Geschwisterliebe, die Unerträgliches aushalten muss. Der Leser begleitet Anais und Bruno dabei, wie sie nach und nach die Realität, die durch die Alkoholsucht ihrer Mutter geprägt ist, hinter sich lassen und in eine Fantasiewelt, in eine von Anais imaginierte „heile“ Welt flüchten. Die Autorin hat ein Händchen für vielschichtige Figurengestaltung, sowohl Anais mit ihrer hyperrealistischen Wahrnehmung als auch die Mutter in ihrer inneren Zerrissenheit sind 9783857918230außergewöhnlich überzeugend dargestellt. Weber setzt gezielt Leerstellen, in denen große Fragen aufleuchten: Wie selbstbestimmt darf die eigene Normalität sein? Im Scheitern der einzelnen Figuren an der gesellschaftlich auferlegten Normalität entfaltet der Roman ein eindrückliches Panorama aus menschlichen Verfehlungen, verlorenen Hoffnungen und erdrückender Liebe. Julia Weber schreibt in einer lyrisch-poetischen Sprache, die neben der präzisen Bildlichkeit auch durch einen unvergleichlichen Klang und Rhythmus auffällt. Es sind die leisen Töne in diesem Roman, die eine ungeahnte Wucht entwickeln und noch lange nachhallen.

Juliana Kálnay – Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

erschienen im Verlag Klaus Wagenbach

Begründung

Juliana Kálnay entführt mit Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens ihre LeserInnen in eine Welt des magischen Realismus, die sich in einem gewöhnlichen, nicht näher bestimmten Wohnhaus verbirgt: Ein Mann verwandelt sich in einen Baum, eine Frau strickt unermüdlich „Haus-Geschichten“ und ein Wesen namens „Maria“ gräbt Löcher, bis es eines Tages spurlos verschwindet. Sobald es einem 9783803132840gelingt, sich auf die Welt in Kálnays Roman einzulassen und sich selbst von dem Versuch zu befreien, dem Text eine Chronologie und dem Haus eine Struktur aufzwingen zu wollen, eröffnet sich die eigentliche Größe dieses Textes. Der Roman lässt sich nicht auf die Summe seiner Figuren reduzieren. Es ist ein Mosaik aus Figuren, Bildern, Anspielungen und Andeutungen, das immer wieder neu zusammengesetzt und entdeckt werden kann. Die Autorin entwickelt auf eine spielerische Art und Weise ein vielstimmiges Werk, das in Form, Stil und Inhalt bemerkenswert kühn aus der Masse der Neuerscheinungen herausragt.

Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie

erschienen im Diogenes Verlag

Begründung

Klaus Cäsar Zehrer debütierte diesen Sommer mit Roman Das Genie. Erzählt wird die Lebensgeschichte von William James Sidis (1898-1944). Sein Vater Boris Sidis, ein bekannter Psychologe, will an William Sidis demonstrieren, dass sich jedes Kind zum Genie erziehen lässt, und entwickelt hierfür ein spezielles Lernprogramm, das als die „Sidis-Methode“ bekannt wird. Das Genie ist im besten Sinne ein klassischer Roman und scheint sich aufgrund seiner Komposition und auktorialen Erzählsituation vor den großen Vorbildern der deutschen oder der russischen das-genie-9783257069983Literatur zu verneigen. Er verneigt sich, ohne in Ehrfurcht zu erstarren, nie ist Das Genie Imitation, sondern immer eigenständiges Werk. Zehrer behält trotz des für einen Debütanten auffallenden Buchumfangs von 600 Seiten stets den Überblick und beweist eine meisterhafte Souveränität im Erzählen. In Zeiten von Selbstoptimierung und Leistungssteigerung hat Zehrer einen brandaktuellen Roman geschrieben, der genau dieses Streben nach Perfektion in Frage stellt. Es ist ein zutiefst menschlicher Roman, ein Roman über den Kampf um Autonomie und Selbstbestimmung, ein Roman über Würde.

Christian Bangel – Oder Florida

erschienen im Piper Verlag

Begründung

Frankfurt (Oder) im Jahre 1998: Eben noch interviewte der zwanzigjährige Matthias Freier Dolly Buster für eine Stadtzeitung und im nächsten Moment wird er zum Pressesprecher des Spitzenkandidaten für das Bürgermeisteramt ernannt. Freier schlittert über das politische Parkett und versuchtcsm_produkt-12999_b48b39d8cb tapfer, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Dabei will er doch eigentlich nur, dass die Nazis aus seiner Stadt abhauen und seine Exfreundin zu ihm zurückkehrt. Der Roman Oder Florida von Christian Bangel ist ein grandioser Unterhaltungsroman – und noch mehr als das. Es ist ein Roman voller Humor, der manchmal bitter schmeckt. Klug verweist der Autor mit seinem Plot auf aktuelle Ereignisse, Entwicklungen und Tendenzen in Politik und Gesellschaft ohne der Gefahr zu erliegen, die Moralkeule zu schwingen. Er wirft einen scharfen, oftmals schmerzhaften Blick auf das Leben und die Menschen in Ost- und Westdeutschland.

Jovana Reisinger – Still halten

erschienen im Verbrecher Verlag

Begründung

Wenn die Protagonistin von Jovana Reisingers Debütroman eins gelernt hat, dann ist es, Mund und Füße still zu halten. Gesellschaftliche Anforderungen und Rollenzuweisungen geduldig mit einem Lächeln zu ertragen. Nun hat der Arzt ihr „Hirnversagen“ diagnostiziert, ein Jahr hat sie, um sich auszukurieren. Doch an Genesung ist in diesem Roman nicht zu denken. Die Autorin seziert ihre Figur, bis sie sich gänzlich auflöst. Das macht sie in einem ganz und gar eigensinnigen Ton, der zuweilen anstrengend, aber immer bildgewaltig ist. Und gerade das Unbequeme des Tons könnte den Roman nicht besser einrahmen.1727_L In assoziativ-soghaften Gedankenkaskaden folgen wir einer Frau, die an leeren Rollenvorstellungen und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen zerbricht. Bezeugt wird der innere Konflikt durch ständige Perspektivwechsel aus subjektiver Innenperspektive und objektiver Außensicht, die den gesamten Text durchziehen. Die Autorin verliert jedoch an keiner Stelle den Faden. Jovana Reisinger beweist mit ihrem Roman nicht nur ihr schriftstellerisches Können, fernab jeglicher Wohlfühlprosa gelingt ihr vor allem ein Debüt, das Mut zum unkonventionellen Erzählen zeigt.

Aus diesen fünf Debütromanen wählen die teilnehmenden Literaturblogger ihren persönlichen Favoriten. Der Roman mit den meisten Stimmen wird als der beste Debütroman 2017 im Rahmen des Bloggerpreises für Literatur gekürt. Der Gewinner wird am 10. Januar auf unserem Blog bekanntgegeben.

Uns interessiert natürlich auch eure Meinung dort draußen. Was haltet ihr von der Liste, welchen Roman hättet ihr die Shortlistnominierung gewünscht, habt ihr bereits Titel der Liste gelesen und wie haben sie euch gefallen? Wir freuen uns auf eure Kommentare.

Zusätzlich gibt es in der Seitenleiste eine Umfrage, bei der ihr bis zum 07. Januar 2018 eure Stimme eurem Favoriten geben könnt. Wir sind gespannt, wen ihr gewählt hättet.

[Rezension] Szilárd Borbély – Die Mittellosen

Ein Gastbeitrag von Ansgar Skoda

Leben ohne Wert

Mein Großvater hält die Kätzchen am Schwanz und knallt ihren Kopf gegen die mit Zement abgerundete Kante der Verandatreppe. Der kleine Körper schwingt leicht und pufft kaum hörbar, als würde man einen Lappen 42450ausschütteln. Dumpf knallt der weiche Nacken gegen die graue Zementkante. Aus dem verrutschten Maul gucken die spitzen Nadeln der winzigen Zahnreihe heraus. Unter den Lidern dreht sich kein Augapfel mehr. Der dunkle Spalt der länglichen Pupille weitet sich. (Szilárd Borbély, Die Mittellosen, Seite 93)

Der Roman Die Mittellosen des ungarischen Literaturwissenschaftlers und Lyrikers Szilárd Borbély verstört, wie kaum ein anderes literarisches Werk. Aus der kindlichen Perspektive eines Elfjährigen wird von einer lieblosen und lebensfeindlichen Erziehung in einer unzivilisierten und verrohten Gesellschaft erzählt. Weiterlesen