[Das Debüt 2020] And The Winner is…

Ein aufregendes DebütantInnenjahr liegt hinter uns. Insgesamt 40 Verlage haben 61 Romane eingereicht, wir haben uns durch 16.977 Seiten gelesen und eine Shortlist aus fünf Titeln erstellt. Nun hat unsere BloggerInnenjury über „Das Debüt 2020“ entschieden:

Der Bloggerpreis für Literatur „Das Debüt 2020“ geht mit insgesamt 52 Punkten an Deniz Ohde für ihren Roman „Streulicht“.  Das Team von „Das Debüt“ gratuliert herzlichst!

Hier einige Auszüge aus den Begründungen der BloggerInnen:

Ines Daniels: „Ohde erzählt fesselnd von ihrer sprachlosen Protagonistin in einem starren System, von ihrem schwierigen Weg aus Unsicherheit und Schüchternheit. Eine so schmerzliche wie starke Lektüre, ein Roman, der die zermürbenden Erfahrungen der Protagonistin nur zu spürbar macht.“

Petra Reich: „(…) Deniz Ohde beobachtet fein und genau – autobiografische Parallelen waren da sicher hilfreich – und schafft ein bedrückendes, desillusioniertes, aber nicht hoffnungsloses, dichtes Stück Prosa. Ihre Sprache ist sowohl einfühlsam als auch spröde, ruhig und sehr atmosphärisch. Besonders gelungen sind die differenzierten, fast zärtlichen Porträts der Eltern. Ein erstaunlich reifer Debütroman.“

Mikka Gottstein: „Das Buch rüttelt auf, zeigt einem in vielen Gedankensplittern ein Kaleidoskop des Alltagsrassismus und des Gatekeepings im Bildungssystem.“

Marina Büttner: „Weil Deniz Ohde mich mit Sprachschönheit und Inhalt überzeugt und bewegt hat. Weil sie ein Thema, das viel häufiger in der Literatur bearbeitet werden sollte, beeindruckend bildhaft und plastisch, und dennoch in feiner leiser Art dargestellt hat. Und weil es ums Scheitern geht. Bei allem Erfolg am Ende.“

Marion Rave: „(…) Ohde schildert nicht nur die hohen Hürden des Bildungssystems für alle, die nicht mitgedacht werden, sondern auch das familiäre Chaos ihrer Protagonistin am unglamourösen Rand einer Großstadt.

Ruth Justen: „Mit „Streulicht“ hat Deniz Ohde ein tolles und wichtiges Buch über die deutsche Gesellschaft vorgelegt. Die Protagonistin des Romans hat ein doppeltes Handicap: Sie kommt aus einer armen Familie mit Migrationshintergrund. Ein Leben lang wird sie gegen diese Benachteiligung ankämpfen. Sprachlich dicht geschrieben, wünsche ich mir in den kommenden Jahren mehr Bücher aus dieser vielversprechenden Feder.“

Patrick Linke: „Deniz Ohde hat einen großartigen Roman über eine Heranwachsende geschrieben, die trotz Intelligenz und Klugheit fast durch die Maschen des Bildungssystems gefallen wäre. Dabei beschreibt die Autorin die prekären Zustände stimmig, mit einer ganz poetischen Sprache und unglaublich schönen Textstellen. (…)“

Fabian Neidhardt: „Deniz Ohde schafft es mit ihrer Geschichte und ihrer so wunderbar klaren und direkten Sprache, mich nicht nur von vorneherein abzuholen, sondern im besten Sinn wütend und beschämt zu machen, auf diese Gesellschaft, von der ich Teil bin. Ihre Protagonistin hätte mit mir in der Schulbank sitzen können und ich habe Gänsehaut von der Ahnung, dass auch ich ihr so begegnet sein könnte, wie es die Figuren in ihrem Buch tun.“

Sandra Doods: „Ein Roman, der zeigt, wie tief unsere Herkunft in unseren Lebensweg einschneidet und wie schwer es ist, Ungleichheiten zu überwinden. Man fühlt und leidet mit der Ich-Erzählerin mit und wünscht sich, sie würde endlich einmal lautstark protestieren, gleichzeitig fällt einem ein, wie schwierig und aussichtslos das in ihrer Situation auf sie wirken muss. (…)“

Marc Richter: „Dieses Buch ist wichtig und rüttelt gekonnt auf. […] Es ist ein Buch mit einem dringenden, zeitgenössischen Thema, denn gerade die Coronakrise und das damit verbundene Homeschooling haben erneut gezeigt, dass bei der Gleichheit der Bildungschancen in Deutschland noch immer ein weiter Weg vor uns liegt, auch wenn sich seit der ersten PISA-Studie viel getan hat.“


Platz 2 belegt mit insgesamt 35 Punkten Lucia Leidenfrost mit ihrem Roman „Wir verlassenen Kinder“:

Mikka Gottstein: „Der Stil ist schlicht, auf die blanken Knochen reduziert, doch Leidenfrost spielt auf dieser Klaviatur ein vielstimmiges Lied mit leiser Wucht und dichter Atmosphäre. Gerade die “wir”-Perspektive der Kinder schreibt sie in geradezu hypnotischen Worten. Das ist packend und unwiderstehlich – und so beklemmend wie ein Choralgesang, dessen Misstöne sich der genauen Analyse entziehen.“

Katrin Faulhammer: „Die Dystopie über ein Dorf der verlassenen Kinder hinterlässt Spuren. Sowohl inhaltlich, da es viele Denkanstöße gibt und Dinge offen lässt. Aber auch sprachlich durch verschiedene Stimmen und Perspektivenwechsel (…)“

Marion Rave: „(…) Leidenfrost kombiniert abwechslungsreiche Erzählperspektiven und unverschnörkelten Stil zu einem gelungenen Debüt-Roman.“

Ruth Justen: „Die Entscheidung ist mir sehr schwer gefallen, weil die beiden Romane von Lucia Leidenfrost und Deniz Ohde im Rennen um den Bloggerpreis „Das Debüt“ 2020 extrem stark sind. Beide lassen die Lesenden tief eintauchen in die jeweilige Romanwelt, überzeugen sprachlich wie dramaturgisch. Am Ende ist für mich „Die verlassenen Kinder“ von Lucia Leidenfrost aus rein emotionalen Gründen das stärkere Debüt: Die Geschichte der zumeist in Osteuropa zurückgelassenen Kinder, weil die Eltern in ihrer Heimat keinerlei Überlebensperspektiven sehen und als moderne Sklavenarbeiter ihr Dasein fristen, bringt den ganzen Wahnsinn und die Fehlentwicklung unser Welt auf den Punkt. „

Petra Reich: „Lucia Leidenfrost entwickelt in einem reduzierten und dennoch poetischen Ton eine beklemmende, düstere Atmosphäre. (…)“

Sabine Gelsing: „Die Autorin erzählt in poetischer, symbolhafter und authentischer Sprache, was heute in vielen Familien passiert. In ihrem Roman lässt sie die Kinder mit einer Stimme sprechen, was ihnen einen Chorcharakter verleiht, sie zu einem mächtigen Kollektiv werden lässt. Sie setzt diesen Chor jedoch nicht als moralische Instanz ein, sondern eher als Spiegel der Gesellschaft. (…)“


Platz 3 belegt mit insgesamt 27 Punkten Amanda Lasker-Berlin mit ihrem Debütroman „Elijas Lied“:

Marina Büttner: „Weil Amanda Lasker-Berlin mit brisanten, wichtigen Themen aufwartet, die für mehr als einen Roman gereicht hätten. Weil mir ihre Sprache fast durchweg gefallen hat und weil mir der Roman sehr nachdrücklich im Kopf geblieben ist und zum Nachdenken anregte.“

Silvia Walter: „(…) ein Debütroman, der mich aufgewühlt hat. Drei Schwestern, deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten an einem einzigen Tag, auf einer langen, beschwerlichen Wanderung angerissen, zum Teil auch vertieft werden. Ein Roman, den ich gerne gelesen habe und einen langen Nachhall in mir hinterließ, weil er mir Einblicke in drei sehr unterschiedliche Leben bot.“

Katrin Faulhammer: „Ein tolles Debüt, eine Geschichte auf zwei Ebenen mit sprachlich, schönen Momenten. (…)“

Julia Seiferth: „Amanda Lasker-Berlin ist mit „Elijas Lied“ ein großartiges, melancholisches Debüt gelungen (…)“

Eva Jancak: „(…) weil mich die Tabubrüche, die Themenauswahl, das sensible Beschreiben des Leidens unter der erzwungenen Kinderlosigkeit, da Down-Syndrom Betoffene oft noch immer keine Kinder haben dürfen, die Genauigkeit mit der die neue Rechte-Szene beschrieben wurde und auch der Tag der Schwestern, in dem Moor, sehr beeindruckt haben und man von der jungen Autorin Dinge erfahren kann, die in anderen Büchern nicht zu finden sind.“

Sandra Doods: „Ein feinfühliger und nuancierter Roman, der aus einer einfachen Wanderung etwas macht, das so viel mehr ist. Vielschichtig und vielstimmig thematisiert er gesellschaftlich hoch relevante Themen wie Diskriminierung und Ausgrenzung, Einsamkeit und Selbstakzeptanz. (…)“

Marc Richter: „Für das, was da zu Papier gebracht wurde hat Lasker-Berlin eine sehr bildhafte, in meinen Augen sogar melancholische Sprache gefunden. Es wird niemand zur Schau gestellt, was vor allem bei Figuren mit Behinderung schnell passieren kann.“ 

 


Ebenfalls auf Platz 3 landet mit insgesamt 27 Punkten Cihan Acar mit seinem Debütroman „Hawaii“:

Ines Daniels: „Die schnörkellose Sprache ist sehr stimmig, Kemal eine authentisch gezeichnete Figur auf der Suche. (…) „Hawaii“ ist in seiner Mischung aus Leichtigkeit und Schwere überzeugend.“

Ramona Kottusch: „Spannend und unterhaltsam geschrieben, weißt dieses erfrischend neue Debüt voller kluger Geschichten aus dem Migrantenmilieu eine starke Message auf, ohne zu patronisieren. Alle Bücher der Shortlist thematisieren wichtige gesellschaftskritische Punkte, jedoch gelingt es keinem so gut wie Acar, dabei die Leichtigkeit und Authentizität nicht zu verlieren.“

Marion Rave: „Acar gelingt es, seinen fast hoffnungslos gescheiterten Protagonisten Kemal mit knapper, manchmal rauer und authentisch wirkender Stimme zu charakterisieren. Nur wenige Tage und Nächte braucht es, um sowohl die prekäre Ausgangssituation, als auch die Unsicherheit des weiteren Wegs deutlich werden zu lassen.“

Ruth Justen: „“Hawaii“ ist ein beeindruckender Debütroman über die Behauptung eines jungen türkischstämmigen Mannes innerhalb seines Viertels, aber auch innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft. (…)“

Petra Reich: „Das Buch thematisiert den Alltagsrassismus der Provinz, verknüpft ihn mit der Identitätssuche eines jungen Mannes, dem der Lebenstraum geplatzt ist, und zeichnet ein authentisches und stimmungsvolles Bild des Nebeneinanders von schwäbischer Bevölkerung und türkischer Community. Das ist rasant, das liest sich trotz aller geschilderten Problematiken sehr leicht, sogar amüsant. Hin und wieder streut Cihan Acar Soziolekte ein, ohne dass das gewollt klingt. Eine große Stärke sind generell die rundum gelungenen Dialoge. Das Porträt von Kemal als einem, der überall dazwischen steht, Verbundenheit zu allen Seiten empfindet, zugleich aber auch seinen Platz verloren hat, ist dabei besonders gut gelungen. Kemal lässt sich treiben, wohin, bleibt offen. Insgesamt ein rundes, gelungenes Debüt!“

Julia Seiferth: „In „Hawaii“ schildert Cihan Acar sehr atmosphärisch von einem Problemviertel in Heilbronn, wo der Putz von den Wänden bröckelt und ein Graffiti mit Hyänen die Fassaden ziert. Als Leser entstanden bei mir direkt Bilder von den Örtlichkeiten vor den Augen, sodass ich den ehemaligen Fußballstar Kemal wie in einem Film durch die Straßen begleiten konnte. (…)“

Katja Plifke: „Cihan Acar schreibt sehr leicht und mit einem wundervoll sarkastischen Unterton, welcher besonders bei Kemal durchklingt. Ein Stadtviertel wird Bühne einer Auseinandersetzung, in der Fremdenhass und Feindbilder tragende Rollen spielen. Eine Geschichte, die aktueller und genialer nicht sein könnte.“

Fabian Neidhardt: „Lange nicht mehr von einem Titel erst in die Irre und dann so sehr in die Heimat geführt worden, wie bei Cihan Acar. Ich habe nichts mit Fußball, türkischen Banden und Wetten am Hut, konnte Kemal aber wunderbar durch seine Tage begleiten, immer am Lächeln, weil mir trotz der Fremde so viel bekannt vorkam. Cihan Acar hat eine auf seine Art einfache und klare Sprache, inklusive klarer Haltung, Slang und glücklicherweise nur spärlich eingesetztem Dialekt.“


Platz 4 (von 61 eingereichten Neuerscheinungen) mit insgesamt 12 Punkten belegt David Misch mit seinem Debütroman „Schatten über den Brettern“:

Mikka Gottstein: „(…) anspruchsvoll, düster, komplex, vielschichtig, intelligent und vor allem originell. Die Genregrenzen verschwimmen, und auch die Realität ist hier ein sehr fluides Konzept. Sie wird immer wieder hinterfragt, auf den Kopf gestellt, ad absurdum geführt, spiegelt sich wie in einem Spiegelkabinett in sich selbst sich selbst sich selbst… Das ist in meinen Augen brillant konstruiert.“

Patrick Linke: „David Misch hat einen unglaublich komplexen und vielschichtigen Roman geschrieben, der auch noch sprachlich auf ganz hohem Niveau Glanzpunkte setzt. Was sich anfangs wie ein Jugend- und dann wie ein Künstlerroman liest, endet in einer düsteren Dystopie. (…)“

Katja Plifke: „Die Grenzen zwischen Schein und Wirklichkeit verschwimmen. Der Roman zeichnet ein Bild, welches dystopisch scheint, jedoch, beobachtet man die Entwicklungen der letzten Jahre, durchaus als dunkle Zukunftsmusik gesehen werden kann. Geschickt konstruierte Satzgefüge verflechten sich zu einem erschreckenden Roman, der sich zum Pageturner entwickelt.“

Sabine Gelsing: „Dieses Debüt ist in besonderem Maße herausfordernd. Es ist sprachlich anspruchsvoll und spielt mit Perspektiven, Montage, Zeit und Raum. Ich wüsste nicht, dass mir je so viele Erzählperspektiven in einem Roman begegnet wären. Der auktoriale Ich-Erzähler verwirrte mich besonders, da er nicht nur auf seine eigene Vergangenheit zurückblickt. Gerade dies macht den Roman für mich so besonders. (…)“

Marc Richter: “ (…) denn dieses Buch hat eigentlich alles, was einen guten Roman ausmacht und genau den Kriterien entspricht, die ich für die Juryarbeit zur Auszeichnung des besten Debüts ansetze (anspruchsvolle Sprache, eine anspruchsvolle Geschichte und guten, logischen Aufbau).“ 

 


Weitere Links zu Rezensionen der einzelnen Titel:

David Misch – Schatten über den Brettern

Amanda Lasker-Berlin – Elijas Lied

Cihan Acar – Hawaii

Lucia Leidenfrost – Wir verlassenen Kinder

Deniz Ohde – Streulicht


Links zu den Beiträgen der Jurymitglieder mit ihrer jeweiligen Punkteverteilung: 


Das Debüt bedankt sich herzlich bei allen Beteiligten: den Jurymitgliedern, den Verlagen, Autorinnen und Autoren sowie der Literarischen Gesellschaft Ruhr e.V., die die Kosten für die Abschlussveranstaltung übernimmt.

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