[Rezension] Elke Schmitter – Frau Sartoris

Elke Schmitters Debütroman erzählt anhand von Margarethe Sartoris das Leben einer westdeutschen Frau aus der Provinz. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Liebe und Leidenschaft, welche sie als junge Frau empfindet. Das klingt erstmal nach einem Buch, das ich nicht unbedingt hätte lesen wollen. Zufällig habe ich es doch getan und war positiv überrascht.frau_sartoris

Frau Sartoris´ Jugendliebe zu einem Adligen zerbricht, vermutlich an den gesellschaftlichen Unterschieden. Sie heiratet, mehr oder weniger aus Trotz und auf die Schnelle, den Kriegsinvaliden Ernst. Sein Lebensziel ist Gemütlichkeit, was zu Tochter Daniela und langweiligen Abenden führt. Das Eheleben ödet die schöne Margarethe schon bald an und sie bandelt mit Michael an, mit dem sie erotisches Neuland erkundet und schließlich einen waghalsigen Plan fasst…

Es sind zwei Dinge, die den Roman von Schmitters lesenswert machen und vielleicht auch Reich-Ranicki im Literarischen Quartett zu der Aussage brachten, das sei Prosa, die ihn in höchstem Maße fasziniere.

Da ist zum einen die ausgesprochen authentische und einfühlsame Art, das Leben einer Ehefrau in der westdeutschen Provinz der Nachkriegszeit zu beschreiben. Die Briefe, die sich junge Verliebte vor ihren Treffen schreiben. Tanzabende. Der Werdegang der Büroangestellten. Das zwiespältige Verhältnis zur Tochter, das nie zur hochgelobten Mutterliebe heranreifen mag. Der Kegelclub. Die seitenweise Auflistung der Sätze, die Margarethe in ihrem Leben immer wieder sagt, und derer sie sich erst dann bewusst zu werden scheint, als sie aus diesem Leben ausbrechen will.

Hast du meine Schlüssel gesehen? oder Ist kein Kaffee mehr da? oder Hast du unten abgeschlossen? oder Sind die Eier auch frisch? oder Ich glaube, ich lese noch ein bißchen (…) Hoch die Tassen! oder Mir ist nicht so besonders, ich glaube, ich bekomme meine Tage, oder Freddy fragt, ob wir am Samstagabend zum Grillen kommen…“ (S. 100)

Es ist der Zwiespalt zwischen dem Leben das man hat, und dem, das man sich wünscht. Die Gewohnheit und Gewöhnlichkeit auf der einen Seite und das Wilde, Unberechenbare, Abenteuerliche auf der anderen. Schmitter zeigt ohne Dramatisierung auf ganz natürliche Weise, wie dieser Widerspruch in einer Frau wohnen und sie verzehren kann.

Und dann ist da noch der andere Handlungsstrang, der sich gleich zu Beginn in die Geschichte schlängelt und immer wieder zwischendrin auftaucht. Er wirft während des Lesens Fragen auf, erzeugt Spannung und bildet zugleich einen Rahmen für die Handlung auf den nicht einmal 200 Seiten. Die Ich-Erzählerin Margarethe fährt jemanden in der Nacht an. So weiß man beinah von Anfang an. Doch wen? Und warum? Die „Nachkriegsgemütlichkeit“ bekommt durch diesen Erzählstrang einen Riss und macht den Roman von Elke Schmitter beinahe zum Krimi.

Die Journalistin Elke Schmitter versteht es, etwas ganz Gewöhnliches, Alltägliches, ja Langweiliges sprachlich ansprechend zu gestalten und darüber hinaus mit Spannung zu versehen, ohne dass es gekünstelt wirkte. „Frau Sartoris“ liest sich unterhaltsam und hinterlässt doch ein Gefühl der Unruhe beim Leser, der nach der Lektüre sich und sein eigenes gemütliches Leben hinterfragen kann.

[Elke Schmitter – Frau Sartoris

dtv

159 Seiten, 2012, TB, 8,90 €
erstmalig erschienen 2000, Hardcover]

Auftakt:

„Die Straße war frei.“


Elke Schmitter, geboren 1961, studierte Philosophie und arbeitete als Journalistin und Feuilletonistin für die taz, die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit. Seit 2001 ist sie Kulturredakteurin in der Spiegel-Redaktion. Sie veröffentlichte Romane (u.a. ›Frau Satoris‹, in 20 Sprachen übersetzt), Gedichte, Essaybände und Textsammlungen.

2 Gedanken zu “[Rezension] Elke Schmitter – Frau Sartoris

  1. Liebe Laura,

    das riecht nach Mief, Holzvertäfelungen und gepflegten Herrenwitzen. Und es klingt nach Böll, Koeppen und Jurek Becker. Für mich sind das Gründe genug, beim nächsten Besuch in der Buchhandlung einen Blick zu riskieren!!

    Gruß
    Stefan

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