[Das Debüt 2021] Buchvorstellung: Yvonne Zitzmann „Tage des Vergessens“ (Müry Salzmann Verlag)

Haben Sie sich schon mal heimlich gewünscht, eine Episode oder ein Erlebnis aus dem eigenen Leben gezielt vergessen zu können? Ohne Schmerzen. Ohne Opfergaben. Zielsicher. Einfach so. Gott habe in sieben Tagen die Welt geschaffen. Gleichermaßen soll es eine Woche dauern, bis man sich an das zu Vergessende nicht mehr erinnern, bis man um den seelischen Ballast erleichtert ein neues, glücklicheres Leben beginnen kann. Das verspricht man sich zumindest von einer solchen Pille…

„Vielleicht hätte ich nicht mitgemacht, wenn Eva nicht gewesen wäre. Man kann doch nicht einfach sein Leben vergessen, hatte ich zu ihr gesagt und dabei meine Arme ausgebreitet, als wäre das Leben etwas, das ich umschließen konnte wie eine Puppe oder ein Kind.
Erinnerungen sind wertvoll, Erinnerungen sind ein großes Glück. Manchmal sind Erinnerungen das einzige, was uns bleibt.

Klappentext:

In einer ehemaligen Klinik forscht Professor Marx an der Pille für gezieltes Vergessen (während im Stockwerk darunter an einem Mittel gegen Alzheimer gearbeitet wird). Marx bietet Marian Wechsler die Stelle eines Studienleiters zur Erprobung seiner Pille an. Worauf er noch warte, drängt seine Frau Eva, immerhin sei er Psychologe und Wissenschaftler, und auch das Geld könnten sie gut brauchen. Auf längeren, nicht ganz uneigennützigen Druck Evas stimmt Marian zu.

Mit sieben Probanden geht es los. Sie wünschen nichts sehnlicher, als einen Abschnitt aus ihrem Leben endgültig hinter sich zu lassen. Als bekannt wird, dass Professor Marx schon lange an dem Wirkstoff forscht und es vor Zeiten bereits zu Auffälligkeiten gekommen ist, stellt sich die Frage, ob die Pille überhaupt auf den Markt kommen soll …

Dieser packende Debütroman der vielversprechenden Autorin Yvonne Zitzmann kreist um das brisante Thema, was medizinisch und wissenschaftlich noch zu verantworten ist. Er basiert auf tatsächlich in der DDR- Zeit von westlichen Pharmakonzernen durchgeführten Forschungen. Quelle: Müry Salzmann Verlag

Marian Wechsler ist Traumaforscher und leitet unter Prof. Marx eine Studie zum gezielten Vergessen. Es ist eine Pille gegen unfreudige Erinnerungen, ein Medikament gegen eine unerwünschte Vergangenheit. Das gezielte Verdrängen und Vergessen verspricht einen großen Absatz, denn vermutlich gibt es einige, die gerne von einem solchen Medikament Gebrach machen würden. Aber funktioniert dieses Wundermittel wirklich? Dies soll das Experiment herausfinden. Insgesamt sieben Personen unterziehen sich einer Behandlung, wobei die Fälle von der Autorin so gewählt wurden, dass es sowohl um objektiv als auch um subjektiv schlimme Schicksale und Erlebnisse geht. Dies hat zur Folge, dass die Lesenden zunächst viele Seiten lang hauptsächlich über Leid und Schmerz lesen. Die Fälle erscheinen zugespitzt. Doch eben solcher Fälle bedarf dieses Experiment.
Als Kontrastfigur der Probanden wird Wechslers Großmutter vorgeführt, eine Alzheimer-Patientin, die im Laufe der Zeit unfreiwillig und mit großem Bedauern immer mehr Episoden aus dem eigenen Leben vergisst, was letztendlich zu einer völligen Wesensveränderung führt. Vor diesem Hintergrund wird in dem Roman eine philosophische Frage erörtert: Was macht uns zu Individuen? Was bildet unsere Persönlichkeit? Was macht uns zu dem Menschen, der wir sind?
Es sind unsere Erinnerungen.
Welche Konsequenzen bringt also ein gezieltes Vergessen mit sich? Bleiben wir dann noch immer derselbe Mensch? Oder verlieren wir mit den Erinnerungen ein wichtiges Teil unseres Ichs? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage liefert der Roman nicht, dennoch ermutigt er dazu, auch die unerwünschten Erinnerungen zu akzeptieren und ihnen ihre Rolle in der Bildung unserer Identität zu gestehen.
Sprachlich wäre der Roman eher auf der Seite von „telling statt showing“ zu verorten. Dies liegt vor allem daran, dass die Erfahrungen und die Verwandlung der Probanden aus deren Perspektive erzählt und in Form eines Berichtes wiedergegeben werden. Zudem sollen die Lesenden von dem Roman keine ereignisreiche Handlung erwarten, denn es passiert in diesem Roman nicht viel, obschon einige Existenzen zusammenstürzen.
Das Ende überrascht. Doch nicht, weil es so unerwartet kommt, sondern weil der/die Lesende (hier meine ich insbesondere die Autorin dieser Buchvorstellung) nach allem, was in dem Roman passiert ist, die letzte Entscheidung Wechslers nicht nachvollziehen kann. Dies ist aber eine andere Geschichte…

Bozena Badura im Gespräch mit Yvonne Zitzmann (19.07.2021)

Hier geht es zur Internetseite des Verlags.


Yvonne Zitzmann

geboren 1976, lebt in Rangsdorf bei Berlin. Seit 2010 ist sie freie Autorin und Übersetzerin aus dem Russischen. Sie hat Lyrik, Kurzprosa, Hörspiele für Kinder und Erwachsene sowie Literaturübersetzungen in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. Zu ihren Auszeichnungen gehören u. a. das Arbeitsstipendium vom Land Brandenburg (2010), der Ehm-Welk-Literaturpreis (2012) und der Kunst-Förderpreis des Landes Brandenburg (2014). 2011 war sie Finalistin beim Literaturpreis Prenzlauer Berg und 2013/14 Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens am Literaturhaus München.


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