[Rezension] Fee Kathrin Kanzler – Die Schüchternheit der Pflaume

„Meine Geschichte, denke ich, spielt in einem Land, wo Dämmerungen genauso lang wie Tag und Nacht dauern. Der Himmel dieser Geschichte ist rosa und ihr Horizont schwarz. Nach Zwielicht riecht sie, nach dem Moos auf Stadtdächern, nach Mandelseife und ein wenig nach Benzin. Nach den Stahlsaiten meiner Gitarren und nach Männerhemd. Was sie zusammenhält, ist letztlich nur ein Fädchen, das durch die Hände einer numinosen Spinnerin läuft. Wahrscheinlich hat sie blaue Finger wie ich, Sudelpfoten, und schmiert meinen Faden schon beim Spinnen voll. Die Götter sitzen in der Tinte.“

© Laura PDie namenlose Erzählerin tanzt sich durch ihr Leben, das voller kleiner Entdeckungen steckt, schläft mit Männern, deren Eigenarten sie geistig in ihren Erinnerungen versammelt, trinkt Tee und lauscht dem, was die Götter ihr einflüstern. Mit glänzenden Augen liest man ihr dabei zu, schüttelt den Kopf angesichts soviel Leicht(sinn)igkeit und will doch mehr davon. Mehr von den wunderschönen Wortbildern, die Fee Kathrin Kanzler aufs Papier gezaubert hat.

Es passiert nicht viel auf den 318 Seiten, man ist einfach beim Lesen mit der Erzählerin lebendig. Wer sich beim Lesen jedoch eine geschickt konstruierte, handlungsreiche, mit verschiedenen, sich entwickelnden Charakteren eingefädelte Geschichte wünscht, der ist hier im falschen Zimmer. Goldglanzrichtig ist jeder, der Sprache vergöttert und wer nach Leichtigkeit, Lebendigkeit und liebenswürdigen Lebewesen sucht.

„Mich begeistern Kleinigkeiten. Das Schöne ist überall, und wichtig. Wer es nicht sieht, geht unter. Zugegeben, wer es sieht, auch. Aber zusammen mit der Schönheit unterzugehen, das ist es, worauf es ankommt.“

Dabei immer präsent ist der drohende Verfall, der sich in der Phantasie der Erzählerin unablässig vollzieht. Dies macht den Roman auch zu einem melancholischen Buch:

„Die Grenze zwischen Bestand und Verfall ist eine dünne Linie, brüchig wie der Lack alter Parkbänke. Die Fundamente der Häuser, denke ich, könnten nachgeben wie morsches Holz. Der Bordstein könnte unter meinen Schuhen wegbröckeln, unter meinem Absatz zerkrümeln wie alter Käse. Auf diesem Treibsandgefühl gehe ich nach Hause.“

Die Beziehungen, die die Protagonistin unterhält, sind ebenso flüchtig wie das Licht. Man spürt zwischen den Zeilen ihre Angst, alles zu verlieren. Und doch ist es genau das, was auch ihre Leichtigkeit ausmacht. Nichts ist von Bestand, nichts, dessen man sich sicher sein kann. Das macht alles einzigartig und bezaubernd.

So bleibt auch dieses und jenes offen in der Luft hängen. Dieser Erzählstrang um die Germanistikstudentin Saskia zum Beispiel versandet, für die die Erzählerin doch einen Song schrieb; wo ist sie auf dem Konzert am Ende? Und jene Nacht, in der die Protagonistin zusammen geschlagen wird, als sie von einem ihrer reicheren Liebhaber kommt, wer schickte den Schlägertrupp wirklich? Weshalb werden krasse Anschläge in den Städten erwähnt, soll der Eindruck einer Dystopie vermittelt werden? Stellenweise ist mir die sehr phantasievolle, synästhe-
tisch veranlagte Protagonistin, die jeglichen Drogen fernbleibt und oft von „den Göttern“ spricht, ein Rätsel: Mal ist sie euphorisch beglückt, mal zutiefst philosophisch grüblerisch.

„Ich öffne ein Fenster und lehne mich hinaus. Trauer überfällt mich, dass ich meine eigene Geschichte, selbst wenn ich eines Tages an ihr Ende gelange, nicht begreifen werde. Am Ende wird sie mir entgleiten. Und jetzt, mittendrin, ist alles wirr. Nie, zu keinem Zeitpunkt, kann ich sie in die Hand nehmen, umfassen, eine feste Kugel, eine glatte Murmel. Nur die Götter können das.“

So oder so: Ich halte das Buch für einen Debütroman, der eine kleine sprachliche Wundertüte ist, aber in erzählerischem Können, Charakterent-wicklung der Figuren und spannendem Inhalt Schwächen aufweist. Die Sätze sind in der Regel kurz, prägnant, aber von poetischer Schönheit. Fee Kathrin Kanzler wirft mit Metaphern um sich, mit Wortkristallen, vielen Farben und Adjektiven, dass es nur so rauscht im Kopf. Allerdings bleibt es dabei: Die Geschichte selbst ist nicht bemerkenswert, vieles verbleibt im Nebulös-Unklaren. Man vergisst den Inhalt ziemlich schnell wieder. Wer mit offenen, undefinierten Erzählsträngen Schwierigkeiten hat, detaillierte Schilderungen promiskuitiver Lebensstile überflüssig findet oder ungern in Wortmalereien schwelgt, sollte dieses Buch nicht in die Hand nehmen. Für alle die Sprachspielereien, unkonventionelle Lesarten und lockere Lebensarten lieben oder sich gern Träumereien und Gedankenschwelgereien hingeben, könnte ich noch mehr Zitate niederschreiben… doch dann lest lieber selbst =)

„Früher hatte ich Tagebücher. Die habe ich nie mehr durchgelesen seitdem. Weil diese Geschichten wie tote Häute sind, in denen ich nicht mehr leben kann. Schon damals nicht leben konnte. Jetzt abgestreift. Ich erzähle mir meine Geschichte nur noch im Kopf. So dass sie verfliegen kann wie Musik.“

„Die Schüchternheit der Pflaume“ ist eine Ode an das verspielte, verantwortungslose Leben, fern jeglicher Verpflichtungen… Was bleibt ist ein kurzweilig eindrucksvolles Sammelsurium von Wortperlen – mehr aber auch nicht. Um nochmals ein Zitat aus dem Buch aufzugreifen: Es ist eine Geschichte die verfliegt wie Musik.

[Fee Kathrin Kanzler – Die Schüchternheit der Pflaume

Frankfurter Verlagsanstalt

318 Seiten, 2012, gebunden, 19,90 €]

Lesens- und Sehenswertes:

Interview mit Fee Kathrin Kanzler (Literaturcafé)

Homepage der Autorin

Auftakt:

„Du kennst die mehlige Schicht, die eine frische Pflaume hat.“


© Laura J Gerlach

© Laura J Gerlach

Fee Katrin Kanzler, 1981 geboren, studierte Philosophie und Anglistik in Tübingen und Stockholm. 2001 wurde sie zum Treffen junger Autoren in Berlin eingeladen, 2007 war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses. Im selben Jahr erhielt sie den Förderpreis für Literatur der Stadt Ulm. Sie lebt derzeit im Süden Deutschlands, unterrichtet Philosophie und Englisch, zeichnet, spielt und schreibt. Die Schüchternheit der Pflaume ist ihr erster Roman. Er wurde 2012 für den ZDF-aspekte Literaturpreis nominiert.

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