[Rückblende] Jan Koneffke – Bergers Fall // 1991

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Jan Koneffke // 2014

Mein Debütroman war kein Debüt. Ich hatte 1988 bereits eine lange Erzählung veröffentlicht, die den doppeldeutigen Titel trug: Vor der Premiere. Doppeldeutig deshalb, weil eigentlich ein Gedichtbuch von mir erwartet wurde, nachdem ich beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb ein Jahr zuvor den Hauptpreis erhalten hatte. Der Preis wiederum hatte zur Folge, dass eine Reihe meiner Gedichte in der FAZ erschienen war und mir gleichzeitig mehrere Verlage einen Vertrag anboten. Als sich jedoch absehen ließ, dass ich das Gedichtmanuskript nicht rechtzeitig würde abgeben können, fragte mich der Verleger, Klaus Schöffling (damals Frankfurter Verlagsanstalt, heute Schöffling & Co.), dem ich das „Ja“-Wort gegeben hatte, ob ich nicht auch eine Prosa hätte, die wir vorziehen könnten. In der Tat hatte ich eine rund hundertseitige Erzählung in petto, die von der verzweifelten Identitätsfindung eines Schauspielers handelt, dem als Darsteller eines Buckligen in den Stunden vor der Premierenvorstellung auf der Bühne eines süddeutschen Freilufttheaters irrwitzigerweise ein Buckel wächst. Doch seinen Titel Vor der Premiere erhielt das Prosastück erst zu seiner Veröffentlichung – als augenzwinkernde Anspielung darauf, dass die Erzählung meiner wahren Premiere auf dem Buchmarkt, dem Gedichtband, vorausging.

Jan Koneffke 2014Mit Vor der Premiere machte ich die ernüchternde Erfahrung eines jeden Debütanten, nämlich die, dass die Welt nicht bereit ist, und sei es auch nur für Sekunden, den Atem anzuhalten, wenn das erste Buch erscheint. Insofern war ich gewappnet, als, zwei Jahre nach meinem Gedichtbuch von 1989, Gelbes Dienstrad wie es hoch durch die Luft schoss, der Debütroman Bergers Fall veröffentlicht wurde. Übrigens staune ich immer wieder, dass viele Leser meinen Namen bis heute mit meinem Gedichtband verbinden – und das trotz seinen überschaubaren Verkaufszahlen. Daran hatten mit Sicherheit die Elogen in den großen Tageszeitungen von FAZ bis NZZ ihren Anteil.

Erst kürzlich erlebte ich es wieder: Ich hatte eine Schullesung in der Schweiz, vor Baseler Zweitklässern, aus meinem Kindergedichtbuch Trippeltrappeltreppe (2009). Im Klassenzimmer befand sich außer den Kindern und dem Lehrer ein Mann, der still vergnügt meinem Vortrag lauschte und sich am Ende als Vater einer kleinen Schülerin erwies. Er zog ein Exemplar des Gelben Dienstrads aus der Tasche und meinte, er habe es sich nehmen lassen wollen, meiner „Schulstunde“ beizuwohnen, denn seit diesem Buch habe er meinen schriftstellerischen Werdegang aufmerksam verfolgt.

Jan Koneffke - Bergers Fall (1991)Meinem Debütroman Bergers Fall von 1991 war kein vergleichbarer Erfolg beschieden, auch nicht bei der Kritik, und es gibt gute Gründe dafür. Ich will vorausschicken, dass die Gattungsbezeichnung Roman für dieses Buch eine plausible Hochstapelei war. Plausibel deshalb, weil Bergers Fall, wie schon der Titel erahnen lässt, mit den patterns des Kriminalromans spielt, die es am Ende nicht einlöst (oder „dekonstruiert“, wie ein Kritiker schrieb), und einen (vermeintlichen) Krimi als „Kriminalerzählung“ auszugeben, hätte Leser und Buchhändler nur verwirrt. Und doch eine Hochstapelei: Denn das Prosastück war nicht umfangreicher als die Erzählung Vor der Premiere, gerademal 140 Seiten lang. Sofort kaprizierte sich die Kritik auf diesen angeblichen Etikettenschwindel. Mehr als das teilte sich die Rezeption in zwei Lager: Den Liebhabern des Kriminalromans galt das Buch als missratener Krimi, selbst wenn sie seine Spannung lobten, die anderen hätten lieber eine psychologische Erzählung gelesen, die ohne Dekonstruktion des Genres auskommt.

Mit anderen Worten: Mein Debütroman war nicht nur kein Debüt, bei rechtem Licht betrachtet war er nicht einmal ein „echter“ Roman. Es dauerte seine Zeit, bis ich die professionellen Lesermeinungen verdaut hatte. Und es musste umso mehr Zeit vergehen, bis ich mir selbst eingestehen konnte, dass dieses Buch der Beleg einer schriftstellerischen Sackgasse war. Den nötigen Abstand gewann ich im Laufe meines Aufenthalts in der Villa Massimo, 1995. Ich hatte vier Jahre damit verbracht, auf einen neuen Romanstoff zuzugreifen, ohne dass es mir gelungen war. Nun, in Rom, weit ab von heimischem Schreibtisch und Berliner Literaturbetrieb, wurde mir bewusst, dass ich völlig neu ansetzen müsse. Auch diese Befreiung war ein Grund dafür, dass ich mir nach dem Ende des Stipendiums in der Deutschen Akademie eine Studentenbehausung im römischen Universitätsviertel San Lorenzo anmietete, in der Absicht, sechs weitere Monate in der Ewigen Stadt zu verbringen. Aus diesen sechs Monaten wurden sieben Jahre.

Ergebnis dieses Aufenthalts in Rom war, neben neuen Gedichten und einem Prosabuch über meinen Aufenthalt im bulgarischen Plovdiv, Gulliver in Bulgarien von 1999, ein Berlinroman: Paul Schatz im Uhrenkasten (2000). Dass ich ausgerechnet in Rom über das Scheunenviertel in Berlin schreiben und damit die Geschichte meiner „halbjüdischen“ Tante erzählen konnte, einer Paula gewissermaßen, die in meinem Buch zu einem Paul geworden war, war nicht ohne Hintersinn, dem ich wiederum erst mit der Zeit auf die Schliche kam – eine psychologische, aber auch poetologische Schliche. Meine schriftstellerische Krise war entbehrungsreich gewesen, brachte mich nicht selten zur Verzweiflung, doch zum guten Schluss hatte sie sich für mich gelohnt. Ich hatte den Knoten durchhauen.

Es ist deshalb keine Koketterie, wenn ich sage, dass ich meinen Debütroman (Paul Schatz im Uhrenkasten war in Aufbau und Umfang nun wirklich ein Roman) erst im Alter von knapp 40 Jahren veröffentlichte, und dass die anderen Prosaarbeiten, abgesehen von meinem Gedichtband Gelbes Dienstrad, nur Vorläufer dieser Premiere waren.

Ueckermünde, 18.11.2015

© Jan Koneffke

Bergers Fall // 1991

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt


Jan Koneffke

© Reinhard Öhner

Jan Koneffke wurde 1960 in Darmstadt geboren und studierte ab 1981 Philosophie und Germanistik an der Freien Universität Berlin. Mit einer Arbeit über Eduard Mörike schloss er sein Studium ab und lebte als freier Schriftsteller in Berlin. Nachdem er ein Villa-Massimo-Stipendium erhalten hatte ging er 1995 nach Rom und lebte dort weitere 7 Jahre. Heute pendelt er zwischen Wien, Bukarest und dem Karpatenort Măneciu. Jan Koneffke schreibt Romane, Lyrik, Kinderbücher, Essays und übersetzt aus dem Italienischen und Rumänischen. Er wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, zuletzt dem Usedomer Literaturpreis 2013. Mehr als ein Dutzend Veröffentlichungen finden sich von ihm. 2008 legt Jan Koneffke mit seinem Roman Eine nie vergessene Geschichte den Beginn einer hochgelobten Trilogie um die Familie Kannmacher vor. Sein aktueller Roman Ein Sonntagskind erschien im Herbst 2015 und bildet den Abschluss der Trilogie.

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