[Literaturpreis] Marko Dinić – Die guten Tage – Nominiert für den Franz-Tumler-Literaturpreis

Ein Roman voller Zorn und Stereotype, Vater-Sohn-Konflikt, Abrechnung mit der alten Heimat Serbien und eine (über-)lange Busfahrt – der Autor macht es dem Leser nicht immer einfach.

Am 20.9.2019 wird der Franz-Tumler-Preis für den besten deutschsprachigen Debütroman in Laas verliehen. Wie in den Jahren zuvor werden wir die Verleihung vor Ort verfolgen, doch zuvor stelle ich jeweils die Autoren und die Autorinnen in einem Interview und Statements zu ihren Romanen sowie die nominierten Romane in einer kleinen Besprechung vor.


Der erste Satz:

„Wir fuhren schon seit einer Stunde.“

ARTK_CT0_9783552059115_0001Der Ich-Erzähler kehrt nämlich mit dem Buch zur Beerdigung seiner Großmutter nach Serbien zurück. Seit er vor zehn Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion und ohne Plan das Land verließ, hatte er kaum Kontakt zu der Familie. Denn er ist von einem Hass gegen den Vater erfüllt. Nun muss er den Ehering seines schon längst verstorbenen Großvaters zurückbringen, den ihm seine Großmutter vor der Flucht ins Ausland überreichte. Doch bevor er in Belgrad ankommt, erwartet ihn und den Leser eine lange Busfahrt, während der der Leser in einem Gespräch mit dem Sitznachbarn, einem Schriftsteller auf Reisen, von seiner Kindheit, dem Vater, seinem Leben in Wien und der Situation der Gastarbeiter aus Serbien erfährt. Dabei wird ein trauriges Bild der Diaspora entwickelt, die unangenehm nach Zigaretten und Alkohol riecht. Generell bedient sich der Roman einiger Stereotype, die zudem gnadenlos bestätigt werden.

„Ich fing an, meine Deckung aufzugeben: Immer öfter spuckte ich auf die Straße, ignorierte rote Ampeln, warf Müll auf den Gehsteig, bestieg lieber den Bus als die U-Bahn oder suchte meine alten Arbeitskollegen am Bau auf, nur um meiner Muttersprache zu lauschen: den Flüchen, dem Chauvinismus, der Kälte und dem Dreck, wie ihn nur Vaterländer hervorzubringen vermochten.“ (S. 164)

Dabei muss bedacht werden, aus welcher Perspektive die Geschichte erzählt wird: Wir erfahren alles von einem jungen Mann, der seine Chancen im Leben nicht richtig genutzt hat, und zwar nicht, weil er keine Chancen hatte, denn es ist ihm gelungen der Miesere in Belgrad zu entfliehen. Doch anstatt in der neuen Heimat Wien Erfolg und Glück anzustreben, lebt er von Hand in den Mund und ohne Plan und Ziele, dafür erfüllt von Zorn und Enttäuschung über die Welt. Statt selbst die Verantwortung über sein Leben zu übernehmen, sucht er nach Schuldigen: sein Vater, sein Heimatland, seine neue Wahlheimat.

„Angenehm lebte es sich zwischen den Stühlen, niemand verlangte mir ab, mich auf irgendetwas festzulegen, und mein schönes neues Leben verkam langsam zum Mittel, meine innere Zerrissenheit zu feiern.“ (S. 163)

Die Sprache des Romans ist dementsprechend zornig, manchmal sogar vulgär und beleidigend, voller Verwünschungen und negativer Vibes, wie z.B.

„Schmerzverzerrt schüttelte er sich der unansehnlichen Brühe, in der der Körper meiner Großmutter nun ersoff, das weiße Plüsch ihres Sargs in Erdfarben tränkend. Die ganze Szenerie ekelte mich zutiefst an. All diese Leute hatten sich nur versammelt, um sich im eigenen Selbstmitleid zu suhlen. […] Das Vieh setzte sich langsam in Bewegung zur Fütterung, der Leichenschmaus wartete.“ (S. 194f.)

Ähnlich wie sein Leben scheinen aber auch seine Handlungen und somit auch die Handlung des Romans manchmal planlos und beliebig zu sein. Vermutlich variiert die Rezeption des Romans sehr stark abhängig davon, welche Position der Leser/die Leserin vertritt: Ist er/sie ein junger „Zorniger“, dann findet er/sie wohl Gefallen an dem Buch. Gehört der Rezipient jedoch zu denjenigen Menschen, die familiäre Werte und die Verantwortungsübernahme hochhalten, würde dem Protagonisten wohl mit einem strengen Urteil entgegengekommen. Interessant wäre dabei zu erfahren, ob es sich bei dem zornigen Protagonisten um eine singuläre Erscheinung von Unzufriedenheit handelt oder ob er als ein Repräsentant der heutigen jungen Generation gelten muss. Und auch wenn man nach der erfolgten Lektüre nicht richtig weiß, wo die guten Tage geblieben sind, ist es erstaunlich zu beobachten, wie der Text die Gefühlslage der Rezipienten zu beeinflussen vermag.

Der Roman „Die guten Tage“ von Marko Dinić ist für „Das Debüt“ Bloggerpreis für Literatur für das beste Debüt des Jahres eingereicht worden.

Leseprobe


Interview mit Marko Dinić

August 2019

Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet?

Ich habe insgesamt — mit den ersten Fassungen und der Notizsammlung — vier Jahre für die Niederschrift des Romans gebraucht.

Wie schwer gestaltete sich die Verlagssuche?

Sicherlich half die Nominierung zum Bachmannpreis 2016 bei der Verlagssuche. Plötzlich interessierten sich Leute für mein Schreiben, und ich konnte einen Vertrag mit einer Agentur abschließen, die in weiterer Folge dem wunderbaren Zsolnay Verlag mein Manuskript verkaufen konnte.

Der Stil des Romans ist durch eine zornige Sprache gekennzeichnet. Warum hast Du dich für einen dermaßen zornigen Protagonisten entschieden?

Ich wollte mit bestimmten romantischen Vorstellungen vom Balkan, die ich bei einigen Schriftstelleri*innen, die über das Thema schrieben, aufräumen und eine adäquate Sprache für diesen Limbus finden, in dem sich die Länder des ehemaligen Jugoslawien seit den Kriegen befinden.

Welche Rolle spielen in deinem Roman die traditionellen Werte, wie z.B. Familie?

Ich will mit der Vorstellung aufräumen, dass die Familie dieser sakrale Zufluchtsort von Moral und Wert ist. Sie gleicht eher eine Sackgasse, in der sich Geschichten und Anekdoten verschiedenster Biographien bündeln, die zu erzählen ich zu meiner persönlichen Aufgabe gemacht habe.

Inwieweit ist dein Roman Zeugnis unserer Zeit?

Insoweit, als dass er versucht, Gegenwärtiges vor dem Hintergrund historischer Ereignisse zu erzählen und die daraus entstehende Wechselwirkung von Biographie und Geschichte zu beschreiben. Indem ich vom Einzelschicksal ausgehe, versuche ich allgemeingültige Schlussfolgerungen für die Zeit, in der wir leben, zu ziehen. Gegenwart wird erst erfahrbar, wenn man sich die Ereignisse anschaut, die zu ihr geführt haben.

Gibt es Autoren oder Bücher, die dich und dein Schreiben beeinflusst haben?

Sicherlich spielte Celines „Reise ans Ende der Nacht“ eine wichtige Rolle bei der Findung einer angemessenen Sprache für die Aufarbeitung der im Roman beschriebenen Ereignisse. Aber auch Ilse Aichingers „Größere Hoffnung“, Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ oder die Gedichte Ossip Mandelstams.

Ist ein weiteres Buch geplant?

Natürlich. Nicht zum selben Thema, verwandt werden die Bücher aber allemal sein.

Welche Bedeutung hat der Franz-Tumler-Literaturpreis für dich?

Wenn ich ihn bekomme, eine große! Ich stehe Preisen, zumal sie mit bloßen Nominierungen und keiner Direktvergabe einhergehen, skeptisch gegenüber. Sie sind auch immer Ausdruck eines Marktes, der künstlich Wettbewerb unter den Autor*innen sät und im Grunde der Idee des Buches und der individuellen Arbeit der Einzelnen an ebenjenem entgegensteht. Deshalb verbiete ich mir auch den Ärger darüber, falls ich einen Preis nicht bekomme.

Was hast du gedacht, als du von deiner Nominierung erfahren hast?

Gute Auswahl an wunderbaren Büchern.

 

 Vorstellung in Büchern

Nenne ein wichtiges Buch…

…aus deiner Kindheit

Märchen und Weisen aus dem jugoslawischen Raum, zusammengestellt von Vuk Karadzic

… aus deiner Jugend

Hermann Hesse: Narziss und Goldmund

… aus deiner aktuellen Lebensphase

Virginia Woolf: Mrs Dalloway

…, das du dir für die Gegenwartsliteratur wünschen würdest, das aber noch nicht geschrieben wurde.

Mein nächster Roman


[Marko Dinić – Die guten Tage

Zsolnay Verlag

240 Seiten, 2019, gebunden, 22,00 €]


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Foto: Leonhard Pill/Zsolnay

Marko Dinić wurde 1988 in Wien geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belgrad. Er studierte in Salzburg Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte. Die guten Tage ist sein erster Roman.

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