[Interview] Jung und Jung Verlag

10008.51986.190.190.-filenamejung_und_jung_ln1Der Jung und Jung Verlag ist aus der Landschaft der kleinen und unabhängigen Verlage kaum mehr wegzudenken. Und das gilt nicht nur für Österreich, wo der Verlag Im Jahr 2000 von Jochen Jung gegründet wurde. Schwerpunkte setzt der Jung und Jung Verlag in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mit Autoren, die sich durch eine sprachliche Eigenständigkeit und intellektuelle Neugier auszeichnen. Übersetzungen, Kunst- und Musikbücher runden das vielschichtige Programm ab.


Interview mit Anna Jung

Anna Jung

(c) Linus Jung

Wieviele Debüts habt ihr bisher veröffentlicht?

Seit der Verlagsgründung 2000? Wir versuchen eigentlich in jedem bis zumindest jedem zweiten Programm ein Debut zu haben, also etwa 20 bisher. Darunter waren bisher: Sherko Fatah, Xaver Bayer, Saskia Hennig von Lange, Nellja Veremej, Martin Prinz, Tessa Müller, Bea Dieker und Lorenz Langenegger.

Bachmannpreis, Open-Mike – mitunter fällt es schwer, bei all diesen Veranstaltungen den Überblick zu behalten. Wie nehmt ihr sie wahr und nutzt ihr sie zur Autorensuche?

Beim Bachmannpreis gibt es nicht mehr viel zu suchen, dort treten inzwischen ja meist AutorInnen an, die bereits in fester Verlagshand sind – so auch in den letzten beiden Jahren Autorinnen, die sowieso schon bei uns publiziert haben. Inzwischen ist wahrscheinlich tatsächlich das Open Mike neben den diversen tollen, ambitionierten Literaturzeitschriften wie Bella Triste, EDIT, Krachkultur, Tippgemeinschaft ein Pool um junge Talente zu entdecken. Ich meine deshalb, dass es eher die Magazine sind als die Lesungsveranstaltungen, da es ja primär um den Text geht und nicht um Performance, die z. B. in Klagenfurt immer wichtiger wird.

Wie kommt ihr an eure Debütautoren und was reizt euch am Geschäft mit ihnen?

Das Neue reizt doch immer! Und etwas Besonderes, Neues entdeckt zu haben und es der Welt präsentieren zu dürfen – gibt es Schöneres?

Die Werbetrommel rühren – Ist es schwer, Debütautoren auf dem Markt zu positionieren und auf sie aufmerksam zu machen? Habt ihr damit, vor allem als kleiner Verlag, Schwierigkeiten oder ist es leichter, weil die Leser neugieriger sind? Gibt es einen Unterschied in der Arbeit mit etablierten Autoren und Debütanten?

Natürlich ist es sehr viel schwieriger, Debutanten zu positionieren. Das Unbekannte bedeutet ja für den Buchhändler/Leser immer: Ich weiß nicht, was mich erwartet, ich könnte enttäuscht werden. Etwas, das ich schon kenne, worüber ich schon viel gehört habe, ist die sicherere Bank. Aber dann bleibt eben auch das schöne Gefühl des Entdeckens weg. Mehr Mut wäre schön!

Gibt es noch Debüt-Autoren, die ohne Schreibinstitut und Veröffentlichungen in Anthologien ihren Weg machen?

Ohne Schreibinstitut: selbstverständlich! Mir fällt jetzt nur eine einzige unserer AutorInnen ein, die auf einer „Schreibschule“ war. Veröffentlichungen in jungen Literaturzeitschriften und Anthologien finde ich wichtig, natürlich findet man dort auch junge Talente, ich lese z.B. regelmäßig EDIT, BELLA triste, Lichtungen, manuskripte, poet, Krachkultur, etc… Ich empfehle jungen AutorInnen noch ohne Verlag immer, erst mal so anzufangen, um Kontakte zu knüpfen und um Lektoren unter die Augen zu geraten. Natürlich gibt es übrigens auch etliche Möglichkeiten im Netz: z.B. klischeeanstalt und den poetenladen.

Eintagsfliege oder literarischer Werdegang – wie viele Debüt-Autoren schaffen es bis zum 2. Roman? Bleiben sie im Verlag oder wechseln sie?

Der 2. Roman findet in der Regel noch im Erstverlag sein Zuhause. Wird der auch ein Erfolg, steigt natürlich die Gefahr, dass der/die AutorIn die Fühler nach einem größeren haus ausstreckt – die meisten wissen aber, dass sie nirgendwo so intensiv betreut werden können wie in einem kleinen Verlag und bleiben gerne.

Vor Kurzem erschien auf ORF.at ein Artikel, in dem die Problematik österreichischer Verlage durch nach Deutschland abwandernde Jungautoren beschrieben wird. Günther Eisenhuber, Lektor eures Hauses, rät Autoren mit Angeboten aus Deutschland zu Besonnenheit und weist auf die Stärken der kleinen österreichischen Verlage hin. Wie siehst du die Problematik?

Lustigerweise entdeckte ich jetzt beim Wiederlesen, dass sich unsere Antworten sehr ähnlich sind, ein gutes Zeichen fürs Team! 🙂 Also, in erster Linie das betreffend, was ich meinte, dass Autoren in großen Verlagen viel weniger Betreuung erwarten können, als sie es in kleinen Häusern bekommen. So intensiv wie unser Lektor mit den Autoren am Text arbeitet, die Zeit gibt es in großen Häusern nicht. Natürlich haben große Verlage immer ein größeres Werbebudget und können dahingehend viel mehr machen – aber Zeit für persönlichen Kontakt und Betreuung bleibt dort wenig.
Ansonsten glaube ich nicht, dass Autoren aus Österreich sich besser verkaufen, wenn sie in einem österreichischen Verlag publizieren. Wir machen zum Beispiel ja auch viele deutsche Autoren, werden allerdings auch (deshalb?) nicht so als „österreichischer“ Verlag wahrgenommen. Allerdings ist es bestimmt so, dass die Österreicher einfach sehr viel mehr Freiheiten haben, da sie, anders als die kleinen deutschen Verlagshäuser, Unterstützung vom Staat bekommen. Das öffnet natürlich ganz andere Möglichkeiten, man kann idealistischer handeln und muss weniger profitorientiert aussuchen, was man veröffentlichen möchte, das wiederum macht natürlich mutiger.

Gibt es typische Themen, die dir in Erstlingswerken / Manuskripten im Verlagsalltag auffallen?

Viele fangen mit Kurzgeschichtensammlungen an. Das finde ich nicht ideal, da sich die immer schwieriger verkaufen lassen als Romane. Und irgendwann will die Welt dann doch einen Roman sehen, daran sind schon einige gescheitert und es gab nach der Kurzgeschichtensammlung nie ein zweites Buch. Ansonsten: Autobiographisches ist immer ein beliebtes Thema bei Debuts. Finde ich ebenso nicht ideal, da ja ein/e Schreibende/r Geschichten erfinden können muss, sich in erdachte Figuren reindenken und auch das liegt nicht jedem – wenn man nur über selbsterlebtes schreibt, geht einem doch irgendwann der Stoff aus….

Die Literatur von morgen – was wünscht du dir von den Debüt-Autoren und ihrer Literatur?

Noch mehr Mut – wie gesagt wünsche ich mir das allerdings vor Allem von den Lesern! Traut Euch, zu Entdecken, es fühlt sich toll an!


Unsere Rezension zu Saskia Hennig von Langes Debütroman „Zurück zum Feuer“, das im Jung und Jung Verlag erschienen ist, findet ihr hier.

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