[unterwegs] Julia Weber erhält für „Immer ist alles schön“ den Franz-Tumler-Literaturpreis

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Zum sechsten Mal wurde am 15. September 2017, unmittelbar vor der Apfelernte, in Laas, einem Kulturdorf im Oberen Vinschgau (Südtirol), der Franz-Tumler-Literaturpreis ausgetragen, aus dem als Gewinnerin Julia Weber mit Immer ist alles schön (erschienen im Limmat Verlag) hervorging. Den Publikumspreis erhielt Stephan Lohse für Ein fauler Gott. Doch nun der Reihe nach…

Nach einer feierlich-geselligen Eröffnung am Donnerstagabend, an dem die nominierten AutorInnen, die Jury-Mitglieder und das Organisationsteam vorgestellt wurden, ging es am Freitag, dem 15. September, ab 9 Uhr weiter. Fünf Debütromane, die ich euch in einem früheren Beitrag bereits kurz vorgestellt habe (siehe hier), kämpften um den Hauptpreis in Höhe von 8.000,00 Euro. Der Ablauf ist jedes Mal gleich: Zunächst liest eine Autorin bzw. ein Autor 30 Minuten aus ihrem/seinem Text vor, der Lesung folgt eine Diskussion der Fachjury, bei der die Debütantin bzw. der Debütant ebenfalls zu Wort kommen kann. Nachdem alle nominierten Bücher nacheinander besprochen worden sind, zieht sich die Jury zurück, um den Gewinnerroman zu bestimmen. Die Preisverleihung, musikalisch untermalt durch das lokale Blasquartett, erfolgt in einem festlichen Rahmen abends in der mittelalterlichen, längst jedoch profanierten Markus-Kirche.

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Das erste Buch des Tages, „Reibungsverluste“ von Mascha Dabić, wurde von Daniela Strigl vorgeschlagen. Die Thematik des Romans, so Daniela Strigl, sei uns allen aus den Zeitungen oder aus dem Fernsehen gut bekannt, es geht hier um die Flüchtlinge bzw. (um politisch korrekt zu bleiben) um die Menschen auf der Flucht. An diesem Buch beeindruckte Daniela Strigl vor allem der andere Zugang zum Thema, der keine Antworten parat hat, sondern Fragen aufwirft. Nora, die Protagonistin des Romans, ist eine ganz normale junge Frau, die an ihrem Ex-Freund doch noch mehr hängt, als es ihr bewusst ist, die mehrere Sprachen spricht und neben ihrem Studium einen Beruf ausübt, den man sich von außen nicht richtig vorstellen kann. Sie dolmetscht während einer psychotherapeutischen Sitzung die Aussagen der Geflüchteten. Der Roman fragt danach, so Strigl, wo die Grenze zwischen dem Unsagbaren und dem, was ich aussprechen kann, verläuft. Was lässt sich erzählen und was nicht? Dies ist vor allem beim Dolmetschen von traumatisierten Menschen eine Kernfrage. Dem Roman gelinge es zudem sowohl zum Thema als auch zu den Figuren auf Distanz zu gehen, ohne die ein Text sentimental, kitschig oder pathetisch wirken könnte. Dieser Roman ist es aber nicht, denn die bewahrte Distanz zum Thema erzeugt eine Empathie und eine gewisse Wärme gegenüber den Figuren. Unter den zu behandelnden Flüchtlingsklienten gibt es jedoch auch unzuverlässige Erzähler, denn ein Opfer zu sein, macht keinen automatisch zu einem besseren Menschen. Dennoch werden alle Figuren/Klienten in diesem Roman ernst genommen.

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Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ von Juliana Kálnay, die mittlerweile die Preisträgerin des diesjährigen ZDF-aspekte-Preises ist, ist für Kurt Lanthaler, der diesen Roman nominiert hat, ein außerordentlicher Text. Der Roman erzähle von einem Haus mit Nr. 21, das aus mehreren Stockwerken und Anbauten besteht. Es ist ein wundersames Sammelsurium von Menschen, Figuren und Mischwesen, die sich miteinander verweben. Dieser Text vermittelt, so Lanthaler, ein bestimmtes Zeitgefühl und je mehr man in dem Buch liest, desto mehr muss man sich verlieren wollen, denn das Buch mach erst richtig Spaß, wenn man sich auf diese Geschichte einlassen kann, d.h. wenn man aufhört, sich in dem Buch orientieren zu wollen. Nicht zuletzt erinnert das Buch, wie Lanthaler bemerkt, an einige Filme und Bücher und nicht zuletzt an Kafkas Schreibstil.

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Das Buch „Ein fauler Gott“ von Stephan Lohse, dem Träger des Publikumspreises, wurde von Elke Heinemann nominiert. Dieser Roman ist für sie eine tiefe, eine traurige Geschichte, die gleichwohl stellenweise komische Züge hat. Der 11-jährige Benjamin verliert seinen jüngeren Bruder Jonas. Dem Jungen steht eine schwierige Aufgabe bevor, denn er muss einerseits sich selber in den Zeiten der beginnenden Pubertät neu finden und andererseits die sich verstärkende Depression seiner Mutter abwenden. Seine Mutter hatte nämlich nicht nur als das Flüchtlingskind der Kriegszeiten einen schweren Start, sondern sie wurde vor kurzem auch von ihrem Mann verlassen. Erzählt werden, so Heinemann, hochliterarische Miniaturen im Perspektivenwechsel, mal sei der Erzähler der Mutter und ihren Erinnerungen näher, mal dem Ben und dessen Fantasiewelt. Gerade diese ins Surreale übergehenden Passagen machen die Lektüre zu einem Erlebnis, lobt Heinemann. Wie sie bemerkt, haben auch zahlreiche Literaturkritiker den debütierenden Autor für seine realistischen Schilderungen der 70er Jahre gelobt. Lohses Buch sei anrührend aber nicht kitschig. Für Heinemann macht die Literatur vor allem eine poetische Sprache aus, und dies meistere Stephan Lohse virtuos, vor allem in diesen Szenen, in denen sich Benjamin in seine Fantasiewelt flüchtet.

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Julia Webers (Gewinner-)Roman „Immer ist alles schön“ wurde von Manfred Papst nominiert. Dieses Buch habe Papst über alle Maßen beglückt und überrascht, sodass es als das erstaunlichste Debüt dieser Saison zu bezeichnen sei. Papst verrät, dass er diesen Roman bei der ersten Lektüre atemlos in einer Nacht gelesen hat, die zweite Lektüre brachte weitere Details zum Vorschein, die ihm beim ersten Lesen entgangen waren. Es sei ein heftiges und zärtliches Buch zugleich, niemals larmoyant, niemals kitschig. Es erzählt von einer komplexen Beziehung zwischen einem Geschwisterpaar und einer unmöglichen und doch liebenden und faszinierenden Mutter. Papst findet in diesem Roman keine Schwarz-Weiß-Malerei, dafür höchst differenzierte Charaktere. Was hier beschrieben wird ist das Aufkeimen und Wachsen einer der bewegendsten Geschwisterlieben, die Papst in der jüngeren Literatur gelesen habe. Die funkelnde Sprache, die wechselnden Rhythmen, die fein austarierten Metaphern, das filigrane Gewebe der Erzählperspektiven und die sehr überzeugenden Figuren, so Papst, zeichnen diesen Roman aus.

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Wie alle Jury-Mitglieder hat auch Gerhard Ruiss, der Kathy Zarnegins Roman „Chaya“ nominierte, ein Buch vorgeschlagen, dem er wünscht, dass es diskutiert und hervorgehoben würde. Es sei keine Flucht- oder Auswanderungsgeschichte, denn das Kind Chaya wird in die Schweiz geschickt, um die Schule weiter besuchen zu können. Aus diesem Grund sei es eine Geschichte des Kultur- und des Sprachwechsels. Man lerne in diesem Buch auch Einiges über die Kultur Teherans. Interessant sei an dem Roman vor allem die Tatsache, dass sich die Figur zu einem radikalen Sprachwechsel entscheidet, und eine Sprache gegen die andere eintauscht. Dies ist mit dem lange gehegten Wunsch verbunden, Dichterin zu werden, was ihr auch zum Schluss des Romans auch gelingt. Der Roman werde in einer leichten Sprache ohne überflüssige Dramatik erzählt.

Nun ein Blick auf die Jury-Bühne…

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und auf das Publikum (während der Pause).

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Die Verkündung der Gewinnerin und die Preisverleihung könnt ihr mit unserem kurzen (ungeschnittenen) Filmchen hautnah nacherleben:

und so sah es hinter der Kamera aus 😉

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Den Live-Ticker vom Tumler-Literaturpreis findet ihr bei Twitter (#tumlerliteraturpreis).

Ich bedanke mich bei den Organisatoren für die freundliche Einladung und die herzliche Atmosphäre während des Preises! Weiter so!

 

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