[Interview] Christian Bangel

Kurz vor dem Jahreswechsel möchten wir noch unsere Reihe der Kurzinterviews fortsetzen. Nach Julia Weber, Klaus Cäsar Zehrer und Jovana Reisinger folgt nun das Interview mit Christian Bangel, der mit seinem Debütroman Oder Florida auf unserer Shortlist zum besten Debütroman des Jahres steht.

bangel

© Maurice Weiss

Christian Bangel wurde 1979 in Frankfurt (Oder) geboren. Während seines Geschichtsstudiums gründete er das Netzmagazin Zuender für Zeit Online. 2008 wurde  das Anti-Rechtsextremismus-Blog Störungsmelder, das Bangel zusammen mit Markus Kavka und anderen entwickelte, mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Ab 2010 war er Nachrichtenredakteur bei Zeit Online, seit 2012 ist er dort Chef vom Dienst.


Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet?

Vom ersten Kapitel bis zum letzten Komma waren es fast zweieinhalb Jahre. Wobei der Großteil in einem Dreivierteljahr entstanden ist.

Wie schwierig gestaltete sich die Verlagssuche?

Nicht so schwer. Ich hatte einen tollen Agenten, Florian Glässing von Landwehr, der mich von Anfang an sehr gut unterstützt hat.

Was war es für ein Gefühl, dein fertiges Buch in Händen zu halten?csm_produkt-12999_b48b39d8cb

Intensiv natürlich. Wobei es da noch andere Momente gab. Das erste Mal den kompletten Plot beisammen haben, den letzten Satz zu schreiben, oder die Druckfahne zu sehen. Als ich das Buch das erste Mal anfasste, war ich schon fast etwas erschöpft von diesen vielen Einmaligkeiten.

Warum schreibst du wie du schreibst?

Weil ich das, wovon ich in Oder Florida schreibe, schon immer mal erzählen wollte. Was in den späten Neunzigern im Osten geschah, erklärt vieles von dem, was heute am Osten so unerklärbar erscheint. Und gleichzeitig ist das alles – die Gewalt, der Aufbruch, das Absurde – ein Teil meines Lebens. Ich weiß nicht, wie ich über ein anderes Thema schreiben würde.

Wie kann man sich deinen Schreibprozess vorstellen?

Ich muss viel spazieren gehen, bevor es losgeht. Mein restliches Leben muss für ein paar Stunden hinaus aus meinem Kopf. Das kann lange dauern. Wenn es losgeht, ist es meistens schon wieder dunkel.

Gibt es Autoren oder Bücher, die dich und dein Schreiben beeinflusst haben?

Ja, mein erster Chefredakteur hoffentlich, Gero von Randow. Der schreibt, wie eine Kollegin mal sagte, als würde er immer ein Glas Champagner in der Hand halten. Und dabei ist er so warmherzig und tief, dass man ihn nach jedem seiner Texte am liebsten anrufen und mindestens eine Stunde mit ihm reden möchte. Wirklich: Mein Vorbild.

Ist ein weiteres Buch geplant?

Ja. In meinen Gedanken. Aber ich glaube, ich muss jetzt erstmal wieder mehr beobachten.


Vorstellung in Büchern:

Nenne ein wichtiges Buch…

… aus deiner Kindheit I_978-3-7302-1873-0_zoom

Die Digedags in Amerika. Ich mochte die immer mehr als die Abrafaxe. Und dass diese Ost-Comicfiguren dann in Cowboymontur in den US-Südstaaten herumirrten – unbezahlbar.

… aus deiner Jugend 

„Deutsche Chronik“ – nicht die von Kempowski, sondern eine Monografie aus der DDR, über den Nationalsozialismus. Das Buch sollte wohl auch im Westen verlegt werden, deswegen sind da kaum Texte drin, in denen man DDR-Ideologie raushörte. Stattdessen: grauenhafte Bilder und Dokumente, quälend sachliche Bildunterschriften, über 500 Seiten. Das bedrängt mich heute noch genauso stark wie damals.

… aus deiner aktuellen LebensphaseVor dem Fest von Saa Stanii 

„Vor dem Fest“ von Saša Stanišić. Ich habe nie einen wärmeren, schöneren Text über meine Heimat Brandenburg gelesen. Ich weiß nicht, ob ich mal einen besseren Beobachter gelesen habe als Sasa Stanisic.

… das du dir für die Gegenwartsliteratur wünschen würdest, das aber noch nicht geschrieben wurde. 

Ich kann nicht überblicken, was alles nicht geschrieben wurde. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Leute Romane schreiben, die das bisher nie in Erwägung gezogen haben. Und ich bin gespannt auf das erste große literarische Werk von einem, der als syrischer Flüchtling hier ankam.


Oder Florida (Piper Verlag)

Hardcover // 352 Seiten // 18 € // 978-3-492-05804-9

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