[Rezension] Beka Adamaschwili debütiert mit einem „Bestseller“

Die Frankfurter Buchmesse 2018 steht vor der Tür und mit ihr das diesjährige Gastland – Georgien. Die Meisten verbinden mit Georgien zunächst Nino Haratischwili – der Jungstar georgischer Herkunft am Firmament der deutschen Gegenwartsliteratur. Doch dieses spannende Land hat literarisch (und wohl nicht nur!) viel mehr anzubieten als manch eine(r) ahnen würde.

Die georgische Literatur darf auf eine lange (in das 9. Jahrhundert reichende) und vielfältige literarische Tradition zurückblicken. In der frühen Phase wurde sie ähnlich wie in Europa durch das Christentum geprägt, danach folgten Einflüsse aus dem Osmanischen Reich und im 19. und im 20. Jahrhundert aus der Sowjetunion. Noch heute trägt diese Literatur Spuren dieser Epochen. In den 1860er Jahren setzte sich der (zunächst kritische und später der sozialistische) Realismus als vorherrschendes literarisches Gestaltungsprinzip durch, was vorwiegend an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen lag. Zudem studierten zu dieser Zeit viele Schriftsteller (die sog. „Tergdaleuli“) in der Sowjetunion, wo sie mit dem fortschrittlichen Gedankengut der europäischen Intelligenz in Berührung kamen. Nach der Rückkehr nach Georgien entfalteten viele von ihnen eine aktive politisch-literarische Tätigkeit und trieben so die nationale Befreiungsbewegung voran. Eine Besonderheit dieser Literatur und allenfalls der Grund für die poetisch klingende Sprache vieler georgischer Autorinnen und Autoren ist die führende Stellung der Lyrik. Es wäre daher nicht übertrieben zu behaupten, dass breit (produktiv wie rezeptiv) verstandene Literatur in Georgien eine Art Nationalsport ist.

Doch wie klingen die neuen literarischen Stimmen aus diesem Land?

Als Beispiel dafür soll im Weiteren das literarische Debüt von Beka Adamaschwili unter dem vielversprechenden Titel „Bestseller“ herangezogen werden.

adamaschwili_bestseller_rgb_3dDas eigene Werk als „Bestseller“ zu betiteln klingt nach einem Marketing-Gag. Noch skurriler ist die Lösung des Protagonisten, wie der Sprung zum Bestseller gelingen soll: von einem der Wolkenkratzer in Dubai. Pierre Sonnage, ein durchschnittlich erfolgreicher Schriftsteller, beschließt nämlich Suizid zu begehen, um auf diesem Wege die Verkaufszahlen anzukurbeln und (zwar postum, doch besser dies als gar nicht) zum Bestseller-Autor zu werden. Der Suizid gelingt und der Leser begegnet Pierre sodann in der Literatenhölle wieder. Dort, geführt von keinem anderen als Dante Alighieri, muss er (im Sinne Dantes Komödie) genau dieselben Qualen erleiden, die er als Autor seinen Lesern hinzufügte: Er muss Rätsel lösen!

Es gibt Vieles, was an diesem Roman zu loben wäre: Angefangen mit der Widmung, („Gewidmet allen Bäume, um den Schaden ein wenig zu kompensieren, der durch die Notwendigkeit einer Seite mit Widmung entstanden ist.“), über die spannend aufgebaute Handlung, eine leichte und doch literarische Sprache, hin zum intelligenten Humor. Fairerweise ist allerdings festzuhalten, dass den meisten Spaß an diesem Roman wohl die Vielleser und Kenner der Literaturklassiker haben werden, denn eben für sie scheint Adamaschwili so gut wie auf jeder Seite etwas versteckt zu haben, wie z.B.:

»Die tun mir besonders leid.« Dante wies auf eine Menschenmenge am Straßenrand. »Hier sitzen diejenigen Schriftsteller, die Dialoge nicht schätzen und den Leser Duzende Seiten lang auf Anführungsstriche warten lassen.«
»Dialoge sind wirklich notwendig«, stimmte Pierre zu, um am Dialog teilzunehmen. »Und warten sie jetzt auf jemanden?«
»Ja.«, sagte Dante teuflisch grinsend, »auf Godot.«

Wer nun Becketts Warten auf Godot kennt, versteht das teuflische Grinsen Dantes und grinst unweigerlich mit. Darüber hinaus wirken sich zahlreiche, im Romantext sowie in den fast 50 Fußnoten hier und da eingebaute (selbst-)ironische Kommentare des Autors positiv auf die Laune der LeserInnen aus.

So z.B. Fußnote 10:

Hier weist der Autor Dante darauf hin, dass es bei der Verwendung fremder Zitate nicht schlecht wäre, Autorenrechte zu beachten.

(Andererseits… was hätten die Literaturwissenschaftler sonst zu tun? Immerhin sorgten die bisher zugeordneten ca. 500 Zitate aus der Bibel und rund 900 Zitate aus anderen Schriften über Jahrhunderte lang für unzählige Forschungsgelder… Dante sei Dank!)

Für die Sheldons unter den LeserInnen hat der Autor zudem beschlossen, Hilfestellung zur Erkennung der Ironie zu leisten, indem er manche seiner Äußerungen genau bestimmt, z.B. „iron. Anm. d. Aut.“ oder „skeptische Anm. d. Aut.“.

Es ließe sich lange über die Vorzüglichkeit dieses Debüts reden, doch wohl keine Rezension dieser Welt kann dem Werk gerecht werden oder seine Lektüre ersetzen. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen!


Lust darauf, mehr über die Literatur Georgiens zu erfahren? Mein Veranstaltungstipp:

Fremde Literaturwelten?

Literatur Georgiens: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Gespräch

Prof. Manana Tandaschwili als Gast im Gespräch mit Dr. Bozena Badura
Eine Veranstaltung der Literarischen Gesellschaft Ruhr e. V.

 01.    Oktober 2018 | 20.00 Uhr | Grillo Theater Essen


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(c) George Karanadze

Beka Adamaschwili (geboren 1990 in Tiflis, Georgien) studierte Journalismus und Sozialwissenschaften an der Caucasus University in Tiflis. Für seine Kurzgeschichten, die bereits in frühen Jahren in Magazinen und Zeitungen publiziert wurden, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Als Blogger macht er mit satirisch-humoristischen Postings auf sich aufmerksam. Heute arbeitet Adamaschwili für eine große georgische Werbeagentur. Mit »Bestseller« veröffentlichte er 2014 seinen Debütroman, der in Georgien schnell zum echten Bestseller avancierte und auf der Shortlist für den besten Roman beim SABA- und Tsinandali-Preis stand.

 

 

3 Gedanken zu “[Rezension] Beka Adamaschwili debütiert mit einem „Bestseller“

  1. Pingback: Too much | Frau Lehmann liest

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